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Kampagne um TTIP:Wie und warum das Chlorhuhn funktioniert

Chlorhuhn TTIP

Eine Kontrolleurin untersucht die geschlachteten Hühner vor der Weiterverarbeitung.

(Foto: U.S. Department of Agriculture / Alice Welch / CC-by-sa-2.0)

Eine Antwort liegt vermutlich genau dort: Die Menschen im Allgemeinen und die Deutschen im Besonderen reagieren empfindlich, wenn es ums Essen geht. Zumal noch immer 56 Prozent der Bundesbürger glauben, dass die Hühner gefährlich seien. Wer eine Kampagne führen wolle, müsse Emotionen wecken und da eigne sich das Thema Essen so gut wie kein anderes, sagt Christoph Minhoff, Hauptgeschäftsführer der Bundesvereinigung der Deutschen Ernährungsindustrie: "Wir alle essen täglich, viel näher am Menschen geht nicht." Da kann man schon mal emotional werden. "Perfekt zur Mobilisierung", hat die Campact-Strategin Strasser das Huhn deswegen genannt. Es sei aber auch ein gutes Symbol für den "perversen Umgang mit Lebensmitteln": "Es ist so verkeimt, dass es erst genießbar ist, wenn es mit Chemie behandelt wird", sagt Strasser. Es sei den Menschen emotional verständlich, dass da etwas nicht stimme.

Essen dient außerdem der sozialen Distinktion. "Soziologisch funktioniert gerade Ernährung wunderbar als Mittel der Abgrenzung und Gruppenbildung", sagt Michael Kühlen, der am Heidelberger Center for American Studies die Muster wirtschaftspolitischer Beratung in Deutschland und den USA untersucht, - gegenüber den kulturlosen Amis, aber auch gegenüber der Aldi-Fraktion, die womöglich gar kein Problem mit (oder eben keine Alternative zu) dem Geflügel hätte, wie Millionen US-Amerikaner auch nicht.

Freiheit, ihre Freiheit / bringt für viele die Sklaverei / Die von ihrer Freiheit träumen / Soll'n Widerstand nicht versäumen / Lasst uns tanzen auf Verträgen! (Freiheit - Pappnasen-Synthese - Hardy S. Party)

Ein weiterer Faktor: Die Keim-Angst der Amerikaner (die deswegen ihre Hühner chlorbaden und unseren Rohmilchkäse für eine Ausgeburt der kulinarischen Hölle halten) findet hierzulande ihre Entsprechung in einer Abscheu vor allem Künstlichen und Chemischen. Deswegen paart sich das Chlohrhuhn in der TTIP-Debatte auch mit Genfood und Hormonrindern. Einer Studie der Bertelsmann-Stiftung und des Pew Research Center zufolge vertrauen 94 Prozent der Deutschen europäischen Lebensmittelstandards; nur zwei Prozent amerikanischen. Man hat es gerne natürlich und Chlor, das der Durchschnittsdeutsche mit blaugekachelten Hallenbädern und brennenden Augen verbindet, mag da so gar nicht passen.

Was jenseits des Tellerrands aber auch mitschwingt, sind Globalisierungsängste, Misstrauen gegenüber Großkonzernen und ein mehr oder weniger latenter Antiamerikanismus. In diese Richtung weisen auch Umfragen, wonach die Mehrheit der Deutschen von TTIP mehr Vorteile für die USA als für die EU erwartet. "Das vergleichbare Abkommen Ceta mit Kanada ist schon viel weiter, aber es taugt nicht zur Mobilisierung, weil Kanada als das gentle America gilt", sagt Kühlen.

Die Verträge sind gemacht / und es wurde viel gelacht / noch was Fieses zum Dessert / Freiheit, ihre Freiheit / Barros - O - bama, rum-ta-ta ... / und natürlich Angela / der De Gucht geht vorne weg (Freiheit - Pappnasen-Synthese - Hardy S. Party)

Aber nicht nur das Thema mobilisiert, auch jene, die daran ein Interesse haben. "Diese Organisationen leben davon, Menschen so zu beeinflussen, dass sie sie finanziell unterstützen - so funktioniert der Markt der NGOs", sagt Minhoff. Natürlich funktioniert Lobbyismus umgekehrt nach ganz ähnlichen Prinzipien. Es ist ein öffentlicher Kampf, ein Kampf um die Öffentlichkeit. "Wir sind immer wieder herausgefordert, die Mythen von Wachstum und Jobs, die Märchen von den angeblich so hohen europäischen Standards oder Verhandlungserfolgen zu zerlegen", sagt Strasser.

Strasser und ihre Mitstreiter sind professionell, gut organisiert und geschickt in der Nutzung sozialer Medien. "Viele in der Wirtschaft haben nach dem Kickoff von TTIP in ihrer Euphorie unterschätzt, welche Opposition tatsächlich entstehen könnte", sagt Stormy-Annika Mildner, Leiterin der Abteilung Außenwirtschaftspolitik beim Bundesverband der Deutschen Industrie. "Es ist immer einfacher, mit medienwirksamen Bildern Ängste zu schüren, als mit komplizierten technischen Details die positiven Effekte herauszuarbeiten. Wenn wir über die Normungen von Schrauben sprechen, ist das einfach nicht so plakativ wie das Chlorhuhn."

Das Freihandelsabkommen / ist ein Freibeuterabkommen / Sozialstandards und Umweltschutz / sollen unter'n Hammer kommen / Illegal wird zu legal / durch neoliberales / Freibeuterabkommen (Das Freihandelsabkommen - Hardy S. Party)

Allmählich scheint dem Huhn allerdings die Luft auszugehen. The next big thing in der professionell verwalteten Aufregung, der Investorenschutz, steht zum Stabwechsel bereit. Beim Bündnis "TTIPunfairHandelbar" arbeite man daran, sagt Strasser, das nächste Thema zu pushen, die Dienstleistungsprivatisierung und Ceta seien etwas, wo "Musik drin" sei.

Es gibt Befürchtungen, dass sich das Huhn gegen seine Schöpfer wendet. Weil andere Themen im Hintergrund bleiben. Weil die EU leichthin Kritikern entgegenkommen und die Außengrenzen für das Geflügel dichtmachen kann. Das könnte die Kampagnen der Gegner beschädigen und andere potenzielle Aufreger im Keim ersticken. Manch einer erklärt das Chlohrhuhn schon zum "Retter des TTIP".

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