Ernährungssoziologie Rückzug des Riesenschnitzels

Groß und billig oder bio und hochwertig? Wie soll das Schnitzel sein?

Menschen, die vor allem Bio-Produkte kaufen, reden besonders viel über ihre Ernährung. Mit ihrem Lebensstil grenzen sie sich vom Mainstream ab - und lenken ihn dennoch erfolgreich in ihre Richtung.

Von Oliver Klasen

Die wenigsten kennen Jean Anthelme Brillat-Savarin, den französischen Schriftsteller und Gastronomiekritiker, aber die meisten seinen aus dem Jahr 1826 stammenden Satz: "Sage mir, was Du isst, und ich sage dir, wer Du bist". Er besitzt auch heute noch Gültigkeit.

http://media-cdn.sueddeutsche.de/globalassets/img/unsprited/placeholder.png

"Erst das Fressen, dann die Moral - wie sollen wir uns künftig ernähren?" Diese Frage hat unsere Leser in der vierten Abstimmungsrunde unseres Projekts Die Recherche am meisten interessiert. Dieser Text ist einer von zahlreichen Beiträgen, die sie beantworten sollen. Alles zur Recherche zu Fressen und Moral finden Sie hier, alles zum Projekt hier.

Und er lässt er sich vielleicht auch auf die Spezies der unbekümmerten Riesenschnitzel-Esser anwenden. Jene Menschen, die im Restaurant besorgt nachfragen, ob besagtes Stück Fleisch für 8,90 Euro seinen Namen auch zu Recht trage, um dann sicherheitshalber noch eine Extraportion Pommes zu bestellen, "mit doppelt Mayo, bitte". Die schiere Menge ist für sie das mit Abstand wichtigste Kriterium für gutes Essen. Schmecken soll es außerdem.

So ein eingefleischter Riesenschnitzel-Esser ist relativ einfach zufriedenzustellen, aber er ist eine bedrohte Art unter den Konsumenten. Immer mehr wird er verdrängt von einem Typus, wie man ihn zum Beispiel an Samstagnachmittag in einem kleinen, vom einen italienischen Ehepaar betriebenen Lädchen im Münchner Stadtteil Untergiesing findet - wie auch in vielen anderen Städten der Republik. Ausgesucht frisches Bio-Gemüse kann man dort kaufen, hervorragende Olivenöle, hausgemachte Brotaufstriche. Ein junger Mann, Anfang 30, mit seiner Freundin beim Einkauf und im Gespräch mit der Verkäuferin. "Total wichtig, dass man weiß, wo die Produkte herkommen...Ich esse ja fast kein Fleisch ... der Pulpo schmeckt natürlich am besten mit ligurischem Tropföl."

Gesprächsfetzen, die typisch sind für die Konsumentengruppe, die das Paar repräsentiert. Sie bildet die Avantgarde im Ernährungsdiskurs, wie Soziologen das nennen, und grenzt sich ab von den Riesenschnitzel-Essern.

Reflexion des eigenen Konsumverhaltens

Die Wortbeiträge in dem Diskurs kreisen um die Frage: Was dürfen wir eigentlich essen? Die Antwort der Avantgarde-Gruppe ist klar: Fleisch und Fisch, wenn überhaupt, dann nur in Bio-Qualität. Gemüse, das nicht mit Pestiziden belastet und der jeweiligen Saison angepasst ist, also keine Erdbeeren im Januar. Hochwertige Produkte, die ihren Preis haben, für die es sich aber lohnt, mehr auszugeben.

Dieses Konsumverhalten wird dabei oft kommuniziert und in Gesprächen reflektiert. Im Bio-Laden beim Einkaufen. Bei Einladungen, wenn Freunde sich zum gemeinsamen Kochen treffen und am Induktionsherd über die Vorzüge der Niedriggar-Methode sinnieren. In den nicht mehr zählbaren Koch-Shows im Fernsehen, in denen ständig Zutaten und Zubereitungen thematisiert werden.

Immer geht es darum, zu zeigen, dass man sich bewusster ernährt als andere Konsumenten. Dass man besser Bescheid weiß über die Herkunft der Nahrungsmittel. Dass man beim Essen auch Ethik, Tierrechte und Umweltschutz im Blick hat.

Selbst das relativ neue Phänomen des Food Porn fällt darunter. Wenn ein Gast im Restaurant ein Bild vom eigenen Teller auf Facebook oder Instagram postet, dann dokumentiert er damit eben nicht nur, dass das Essen ausgezeichnet war, "sondern auch Kennerschaft, Abenteuerlust, Verrücktheit oder Stilbewusstsein", wie der Ernährungssoziologie Daniel Kofahl sagt.