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Ökologisch korrekte Ernährung:Versuch, eine weiße Weste zu kaufen

Bio-Produkte

Kommt die Bio-Ananas nur mit viel Kerosin zu uns, sollten wir vielleicht besser Äpfel essen.

(Foto: dpa)

Wer glaubt, er erwirbt mit Siegeln automatisch ein reines Gewissen, irrt. Bei Öko-Fleisch, -Gemüse oder -Obst sind Gut und Böse nicht immer klar voneinander zu unterscheiden. Und je mehr man hinterfragt, desto verwirrender kann es werden. Ein Selbstversuch.

Es ist nicht mehr von der Hand zu weisen: Ich bin eine Belastung für den Planeten, auf dem ich lebe. Meine bloße Existenz - die reine Zumutung! Die Milch für meinen Kaffee: subventioniert. Das Korn für mein Brötchen: von überdüngten Böden. Und das Obst in meinem Müsli hat sein makelloses Aussehen einem Pestizid-Cocktail zu verdanken. Mit anderen Worten: So kann es nicht weitergehen. Von heute an versuche ich mich ökologisch korrekt zu ernähren. Und nichts wird mich davon abhalten. Nun ja, fast. Meine beiden Mitbewohner - Mann und Sohn - sind zuweilen kontraproduktiver als jeder innere Schweinehund, ihre Widerstandskraft erbitterter als eine Fressattacke während einer Fastenkur. Aber ich fürchte mich nicht. Schließlich bin ich hier der Chef. Oder?

Recherche

"Erst das Fressen, dann die Moral - wie sollen wir uns künftig ernähren?" Diese Frage hat unsere Leser in der vierten Abstimmungsrunde unseres Projekts Die Recherche am meisten interessiert. Dieser Text ist einer von zahlreichen Beiträgen, die sie beantworten sollen. Alles zur Recherche zu Fressen und Moral finden Sie hier, alles zum Projekt hier.

Versuchsstart

Ich eröffne das Abendessen mit einer kurzen Erklärung zur aktuellen Lage: "Von heute an ernähre ich mich ökologisch korrekt. Wer macht mit?" Mein Sohn reflexartig: "Ich!" Nach einem irritierten Seitenblick auf seinen schweigenden Papa fragt er verunsichert: "Äh - was bedeutet das eigentlich?" Die lapidare Erklärung des Vaters - "jede Menge runzliges, aber ungiftiges Gemüse und Obst" - lassen seine Neugierde einem Ausdruck tiefer Abscheu weichen.

"Was ist jetzt, wollt ihr mich hängenlassen? Sind euch Umwelt und unsere Gesundheit egal?", frage ich. "Wir finden es ja ganz toll, dass du dir so viele Gedanken machst", sagt mein Mann, "aber sollten wir nicht besser erst mal von außen dabei zusehen, quasi als Kontrollgruppe?" Ich wusste es. Seufzend lasse ich meinen Blick über den gedeckten Tisch schweifen und überprüfe ihn auf Umweltsünden. "Warum hast du wieder die in Plastik verpackte Wurst gekauft?", frage ich. "Weil ich bis vor fünf Minuten nicht wusste, dass das jetzt unter Strafe steht", höre ich meinen Mann brummen (Antworten auf das Verpackungs-Dilemma finden Sie in unserem Experteninterview). Ignorant. Fehlt nur noch, dass er sagt: "Koch dir einen Hirsebrei, Liebes, und lass mich in Frieden." Das kann ja heiter werden.

Die Recherche "Die Tiere fühlen sich wohl" Video
Die Recherche
Die Recherche: Fressen und Moral

"Die Tiere fühlen sich wohl"

Was ist Massentierhaltung? Geflügelzüchter Michael Häsch hat uns mit Kamera in seinen Stall im bayerischen Dietramszell gelassen. Selbstverständlich ist das nicht. Manche Bauern fürchten, Tierschützer würden ihren Stall niederbrennen. Häsch sagt: "Bei mir muss keiner einbrechen, die Leute müssen nur klingeln."

Bestandsaufnahme

Ich unterziehe den Kühlschrank einer Inventur und schäme mich angesichts der Gewächshaus-Tomaten, der CO₂-trächtigen Flug-Ananas und der Neuseeland-Äpfel erst einmal in Grund und Boden. Immerhin findet sich darin kein gewissenlos gezüchteten Hybridhühnchen, sondern ein - wie mir der Metzger versicherte - bayerisches Huhn. Ob das allerdings ein glückliches Hühnerleben und biologische Ernährung beinhaltet, wage ich zu bezweifeln.

Komme außerdem zu dem Ergebnis, dass wir eindeutig zu viel "Convenience Food" verwenden: vorgeschnittene, in Plastik verpackte Lebensmittel für Verbraucher, die zu faul sind, den Speck zu würfeln, den Käse vom Stück abzuschneiden und den Joghurt zum Müsli zu portionieren. Hier kann man vermutlich nicht nur Verpackungsmaterial sparen, sondern auch jede Menge Aromen und chemische Zusätze (Antworten zum Thema Klimabilanz von Obst und Gemüse, Convenience Food und Einkauf von Fleisch lesen Sie in unserem Experteninterview).

Schreibe eine Einkaufsliste mit biologisch unbedenklichen Zutaten und mache mich auf den Weg zum nächsten Bio-Supermarkt.

Einkauf

Verbringe zwei geschlagene Stunden im Bio-Supermarkt, weil ich jeden Artikel auf ökologische Gesichtspunkte und Zutaten überprüfe - und bin anschließend noch verwirrter als zuvor. Warum steht auf der Bio-Gemüsebrühe der Hinweis "vegetarisch?" Ist das nicht das Mindeste, was ich von einer Gemüsebrühe erwarten darf? (Der freundliche Verkäufer erklärt mir, dass er vollkommen meiner Meinung sei, dass es sich bei Brühpulver aber ähnlich verhalte wie bei Getreideprodukten. So wie sich darin manchmal Spuren von Erdnüssen befänden, könne diese aufgrund des Herstellungsprozesses Spuren von Fleisch enthalten.) Entscheide mich vorsichtshalber für die vegetarische Gemüsebrühe, ohne Fleischreste.

Wende mich nun der Frischware zu und arbeite mich durch die Gemüseabteilung, wo grüne Paprika aus Marokko und rote Paprika aus Israel einträchtig nebeneinander liegen (mehr zum Thema Fleischessen und zu importierter Bio-Ware lesen Sie in unserem Experteninterview). "Bio - nach EG-Norm", steht auf dem Schild. Klingt fast entschuldigend. Dafür ist Bio-Ware nach EU-Richtlinie günstig. Für echte Demeter-Qualität muss man schon tiefer in die Tasche greifen, vor allem außerhalb der Saison. Andererseits: Diese unterschiedlichen Bio-Kategorien sind ganz schön verwirrend - allein neun Varianten an Zertifikaten finden sich bei Alnatura (hier finden Sie eine Orientierungshilfe im Dickicht der Siegel).