bedeckt München 22°
vgwortpixel

Intendant Matthias Lilienthal:"Ich will nicht in einer orbánschen Republik aufwachen"

July 18 2018 Munich Bavaria Germany MATTHIAS LILIENTHAL of the Muenchner Kammerspiele with P

Als Intendant sollte Matthias Lilienthal die Kammerspiele öffnen, sie demokratischer machen.

(Foto: imago/ZUMA Press)

Matthias Lilienthal versteht Theater als politischen Ort. Dass sich der Intendant der Kammerspiele an der "Ausgehetzt"-Demonstration beteiligt, ist deshalb konsequent.

Matthias Lilienthal und München - daraus wird wohl keine Freundschaft mehr. Auch wenn der Intendant der Kammerspiele sagt, die Münchner grüßten ihn inzwischen viel netter, wenn er durchs Glockenbachviertel radelt und sie ihn schon von Weitem an seinen grellbunten T-Shirts erkennen. Früher, da hätten sie ihn öfter beschimpft. Weil es ihnen nicht gefällt, was er mit ihren Kammerspielen anstellt.

Geschimpft wird er jetzt von der städtischen CSU. Denn die Kammerspiele rufen neben anderen zu einer Demonstration auf, die am Sonntag in München stattfindet. Es soll "gegen eine Politik der Angst" protestiert werden, wie sie von "Seehofer, Söder, Dobrindt und Co." betrieben würde. Dass Lilienthal da mitmacht, ist nicht verwunderlich, er versteht das Theater zwingend als einen Ort, an dem die unmittelbare Gegenwart verhandelt werden muss. Als einen politischen und einen offenen Ort. Darin unterscheidet er sich von unnahbaren Intendanten-Figuren, die das Elend der Welt ausschließlich auf künstlerischer Metaebene kommentieren. Lilienthal wirft sich ins Konkrete.

Politik in München Wie blamabel, wie kleinkariert
Münchner CSU

Wie blamabel, wie kleinkariert

Mit dem Versuch, den Kammerspielen einen Maulkorb zu verpassen, offenbart die CSU ein seltsames Demokratieverständnis. Und wirbt unfreiwillig für die Ausgehetzt-Demonstration.   Kommentar von Heiner Effern

Sein Intendantenbüro ist eher ein Vorzimmer, welches er sich mit seiner Assistentin teilt. Ohnehin verlässt er es oft und sucht den Kontakt zur Stadt. Er geht mit seinem Theater in Münchens Vororte hinaus, holt syrische Flüchtlinge als Schauspieler ins Ensemble herein. Dieser Austausch ist ihm im Zweifel wichtiger als ein schön gesprochener Schiller-Text.

Die Stadt München wusste das, als sie ihn bestellte. Lilienthal, 58, wurde an Castorfs Volksbühne sozialisiert. Er machte aus dem HAU eine internationale Bühne, förderte Künstler der freien Szene, lebte eine Weile in Beirut. Gern erzählt er, dass er schon an Schlingensief glaubte, als dessen Performances noch als Quatsch galten. Als Nachfolger von Johan Simons sollte Lilienthal auch die Kammerspiele öffnen, sie demokratischer machen.

Sich jetzt an einer Demo für demokratische Grundwerte zu beteiligen, zudem in der Stadt, in der er lebt, das ist für ihn konsequent. Weil man diese Demonstration aber durchaus als Protest gegen die CSU begreifen muss, ist die darüber alles andere als amüsiert. Das Theater hätte als öffentliche Institution eine parteipolitische Neutralitätspflicht. Manuel Pretzl, CSU-Fraktionschef im Münchner Stadtrat, fordert "dienstaufsichtsrechtliche Maßnahmen" gegen Lilienthal.

Zwar solidarisiert sich auch das Münchner Volkstheater unter Christian Stückl mit der Demonstration. Und Martin Kušej, Intendant des Residenztheaters, solidarisiert sich immerhin mit der Solidarisierung der Kollegen. Kušej aber verabschiedet sich bald ans Burgtheater, und Stückl gilt als praktisch unantastbar, sein Vertrag wurde eben bis 2025 verlängert.

Matthias Lilienthal gibt sich von den Forderungen der CSU ungerührt. "Ich will eine Kultur der politischen Debatte", sagt er. Und: "Ich will nicht in einer orbánschen Republik aufwachen." Selbst wenn sich die Beteiligung an der Demonstration als juristisch anfechtbar erwiese - zu verlieren hat er ohnehin nicht mehr viel. Denn im Grunde reibt er sich seit seinem ersten Tag an den Kammerspielen 2015 an München und der CSU. Deren Theaterverständnis deckt sich nicht wirklich mit dem von Lilienthal: Das Schauspielertheater würde den politischen, popkulturellen, performativen Projekten zum Opfer fallen, klagte die CSU. Auch Teile des Stammpublikums taten sich schwer, die Auslastung des Theaters lag zuletzt bei 63 Prozent. Ganz normal bei einem Intendantenwechsel, beschwichtigten Lilienthals Fans, Veränderungen brauchten Zeit. Gar nicht normal und für eines der renommiertesten deutschen Theater nicht länger tragbar, befanden seine Kritiker.

Noch bevor die CSU im Frühjahr den Wunsch nach Nichtverlängerung in den Stadtrat tragen konnte, verkündete Lilienthal lieber selbst seinen Abgang für 2020. Ruhe geben wird er bis dahin aber sicher nicht.

Zeitgeist Matthias Lilienthal tut, was politisch geboten ist

Kunstfreiheit

Matthias Lilienthal tut, was politisch geboten ist

Die CSU will nicht, dass die Münchner Kammerspiele an einer Demo teilnehmen. Aber städtische Kultureinrichtungen sind keineswegs zur Neutralität verpflichtet.   Von Andreas Zielcke