100 Jahre Erster Weltkrieg Manche wittern eine Verschwörung der EU gegen Serbien

Beim 7. "Küstendorf"- Film- und Musikfestival im südserbischen Drvengrad wird der "Mord an dem Tyrannen Ferdinand" Mitte Januar 2014 fröhlich nachgespielt.

(Foto: dpa)

Stattdessen wurde Serbien zum "kleinen Land, das sich nie mit irgendwelchem Terrorismus beschäftigte, weil es dazu gar nicht in der Lage war" (der Historiker Dragoljub Zovojinovic) und Attentäter Princip zum unschuldigen Gymnasiasten, der "gar keine Zeit hatte, um Terrorist zu werden" (die Belgrader Professorin Suzana Rajic).

Dusan Batakovic, Direktor des Belgrader Instituts für Balkanstudien und ehemaliger serbischer Botschafter in Frankreich, verteidigte Princip als "Nationalrevolutionär" und "Schöpfer des Kampfes gegen den Kolonialismus". In Anspielung auf das nach dem Mord von Sarajevo von Österreich-Ungarn an Belgrad ausgesprochen Ultimatum, die Hintermänner des Mordes gefangenzunehmen, wetterte Batakovic gegen das "neue Ultimatum an Serbien", das die Revision des Bildes um die Vorgeschichte des Ersten Weltkrieges bedeute.

Zwar ist Christopher Clark ein Australier, der in England lebt und lehrt. Die ebenfalls mit einem Buch an der Debatte teilnehmende Historikerin Margaret MacMillan ist Kanadierin. Das hinderte freilich den Historiker Dragoljub Zivojinovic, gleichzeitig Vorsitzender eines Belgrader Komitees zum Begehen des 100. Jahrestages des Attentates von Sarajevo, nicht, die Europäische Union hinter der neuen Weltkriegsdebatte zu orten. Die EU wolle ihre Mitgliedsländer versöhnen - und daher die Verantwortung für den Ersten Weltkrieg "allein auf Russland und Serbien" abschieben. Auch andere Beiträge sind keine intellektuelle Auseinandersetzung, sondern belegen, wie isoliert und in Verschwörungstheorien gefangen ein bedeutender Teil der Elite des EU-Kandidaten Serbien noch ist.

So verknüpfte Serbiens führende Tageszeitung Politika, traditionell Sprachrohr serbischer Nationalisten und der jeweiligen Regierung, Clarks Buch mit "dem Wunsch des mächtigsten europäischen Landes, Deutschland, sich nicht nur von der Schuld für den Ersten Weltkrieg zu befreien, sondern auch für den Zweiten Weltkrieg", der der deutschen Linie folgend durch den 1. Weltkrieg hervorgerufen worden sei.

Regierungschef Ivica Dacic nannte Deutschland und Österreich als Hintermänner der neuen Debatte, die von ihrer Schuld für den Ausbruch des Ersten Weltkrieges ablenken solle. Und Präsident Tomislav Nikolic ließ auf der Titelseite der Politika seine Philippika gegen die "gewaltsame Veränderung der Geschichte" zum Schaden des "tapferen und wahrheitsliebenden serbischen Volkes" drucken.

In seinem Aufsatz bekräftigte der Präsident die Propagandaversion vom jungen Freiheitskämpfer Princip, dem am Attentat nicht beteiligten Serbien und dem angeblich mehr als sechs Jahre lange geplanten Krieg Österreichs und Deutschlands. "Zum dritten Mal innerhalb eines Jahrhunderts stört Serbien jemand", orakelte Nikolic mit schlecht verhüllter Anspielung auf Deutschland, das nicht nur 1914 am Krieg beteiligt war, sondern unter Hitler auch 1941 über Jugoslawien herfiel.

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"Wir sind schon von vornherein der Schuldige für viele Mißerfolge, die durch die Fehler der Weltmächte hervorgerufen werden - für den Ersten Weltkrieg, den Krieg im ehemaligen Jugoslawien", bekräftigte Nikolic die serbische Opferversion. Serbien müsse "bis zum letzten Tag zäh für die Wahrheit und den Fortbestand Serbiens kämpfen, für der Erhalt unseres Territoriums, unserer Kultur, Identität, Intellekts, Sprache und Geschichte".

Auch Regisseur Emir Kusturica will nun kämpfen - und der Welt mit einem Film über Attentäter Pricip zeigen, wie die Vorgeschichte des Krieges wirklich war. Einen Vorgeschmack, wie der Film wohl aussehen wird, gab Kusturica am Samstag vergangener Woche: Da ließ der Filmemacher das 7. "Küstendorf"- Film- und Musikfestival im südserbischen Drvengrad mit einer Nachstellung des "Mordes an dem Tyrannen Ferdinand" eröffnen - begleitet von Walzermusik, Diskomusik aus den 70er Jahren und einem fröhlichen Feuerwerk.

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