Kaiser-Enkel Karl Habsburg "Es ist nicht so, dass die Familie diesen Weltkrieg verschuldet hat"

Karl Habsburg-Lothringen (Archivbild von 2007), der Enkel des letzten Habsburger Kaisers und Oberhaupt der mehr als 500-köpfigen Familie Habsburg.

Der Enkel des letzten österreichischen Kaisers, Karl Habsburg-Lothringen, fordert im SZ-Interview eine differenzierte Debatte über die Ursachen des Ersten Weltkriegs. Bei den Gedenkfeiern dürfe es nicht nur um Fragen von Schuld und Sühne gehen. Das Oberhaupt der 500-köpfigen Familie ist überzeugt: Die Doppelmonarchie Österreich-Ungarn war in "mancher Hinsicht wahnsinnig modern".

Von Cathrin Kahlweit, Wien

Der Enkel des letzten Habsburger Kaisers, Karl Habsburg-Lothringen, 54, hat in einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung und fünf weiteren Zeitungen zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs für eine differenzierte Debatte über die Ursachen des ersten großen Krieges im 20. Jahrhundert geworben. Es könne bei den nun anstehenden Rückblicken und Gedenkfeiern nicht um Fragen von Schuld und Sühne gehen, sagte Habsburg-Lothringen, und es sei auch nicht so, dass seine Familie "diesen Weltkrieg verschuldet hat".

Hätte es nicht die Schüsse von Sarajevo gegeben, mit denen Thronfolger Franz Ferdinand und seine Ehefrau von einem serbischen Nationalisten ermordet worden waren, dann "wäre es damals drei Wochen später anderswo losgegangen". Der ehemalige Europaparlamentarier der ÖVP wandte sich dagegen, "mit dem Finger auf Staaten zu zeigen". Wenn man das tue, müsse man auch sagen, dass entscheidende Spannungen zwischen Russland und Deutschland existiert hätten, und dass die größte Schuld am ersten Weltkrieg wohl der Nationalismus an sich trage.

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Das amtierende Oberhaupt der mehr als 500-köpfigen Familie dementierte, dass sein Großvater, Kaiser Karl I., eine aktive Rolle beim Kriegsausbruch gespielt habe, schließlich habe er ihn vom greisen Kaiser Franz Josef I. "geerbt". Karl I. habe zudem zahlreiche Friedensgespräche geführt und sich für die leidende Bevölkerung eingesetzt.

Nach dem Krieg, als das Haus Habsburg mit dem sogenannten Habsburg-Gesetz aller "Rechte enthoben, enteignet und ins Exil geschickt" worden sei, habe die Bevölkerung des einstigen K.u.k-Reiches immer noch eine große Sympathie für den Kaiser gehabt, weil dieser sich für den Frieden eingesetzt habe.

Habsburg-Lothringen, der die Paneuropabewegung in Österreich leitet und sich als Präsident von Blue Shield für den Schutz von Kulturgütern in bewaffneten Konflikten einsetzt, kann sich, anders als sein Cousin Ulrich, keine aktive Rolle in Österreichs Politik mehr vorstellen. Dieser hatte 2009 vor dem österreichischen Verfassungsgericht das passive Wahlrecht erstritten, weil er für das Amt des Bundespräsidenten kandidieren wollte.

Sein Vater wiederum, Otto von Habsburg, habe sich in der Paneuropa-Union für die europäische Einigung eingesetzt und an die Idee einer übernationalen Rechtsordnung sowie an das Subsidiaritätsprinzip geglaubt, so dessen Sohn Karl. Er habe aber darin in keinem Fall Art "Wiedergutmachung" gesehen, denn das "würde ja bedeuten, dass wir uns schuldig gemacht haben und etwas abarbeiten" müssten.

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Karl Habsburg-Lothringen, der als Medienberater arbeitet, verficht in dem Interview die These, dass die Habsburger Doppelmonarchie in "mancher Hinsicht wahnsinnig modern" gewesen sei. "Wenn man bedenkt dass die Volkshymne in zwölf, inoffiziell sogar in mehr als 20 Sprachen gesungen wurde", dann müsse man konzedieren, dass das Konzept des Vielvölkerstaates mit seiner übernationalen Reichsidee in vieler Hinsicht ein Vorläufer der Europäischen Union gewesen sei.

Das Interview entstand als Teil einer Kooperation der Süddeutschen Zeitung mit El País (Madrid),The Guardian (London), Gazeta Wyborcza (Warschau), La Stampa (Turin) und Le Monde (Paris).

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