100 Jahre Erster Weltkrieg Attentäter Gavrilo Princip - 1914, unter Tito und heute ein Volksheld

Ein Graffito in der Innenstadt von Belgrad zeigt den serbischen Nationalisten Gavrilo Princip, der am 28. Juni 1914 in Sarajevo den Habsburger Thronfolger Franz Ferdinand erschoss und damit den Ersten Weltkrieg auslöste.

(Foto: dpa)

Sankt Petersburg spielte ein doppelseitiges Spiel auf dem Balkan, wo es seinen Einfluß selbst ausweiten wollte: Einerseits hatte der russische Außenminister Alexander Iswolski keine Einwände, als Österreich-Ungarn Bosnien-Herzegowina im Oktober 1908 annektierte.

Andererseits ermunterte sein Nachfolger Sergej Sasonow Serbiens Regierungschef Pasic im Mai 1913 ausdrücklich zu einem Krieg - wenn er dabei wahrscheinlich auch nicht schon an das kommende Jahr dachte: "Das gelobte Land Serbiens liegt im Territorium des heutigen Österreich-Ungarns...(Es) liegt im vitalen Interesse Serbiens...sich durch zielstrebige und geduldige Arbeit in einen Zustand der Bereitschaft für den unausweichlichen künftigen Kampf zu versetzen. Die Zeit arbeitet für Serbien und für den Sturz seiner Feinde, die bereits eindeutige Anzeichen des Verfalls aufweisen."

Für westliche Balkan-Spezialisten sind viele in den "Schlafwandlern" geschilderte Hintergründe nicht neu. In serbischen Geschichts- oder Schulbüchern aber fehlen sie meist - schließlich zeigen sie, dass es mit dem offiziellen Bild eines allzeit friedliebenden, zum Opfer fremder Agressoren gewordenen Serbien nicht weit her ist.

Literatur Unter Schlafwandlern
Buch zum Ersten Weltkrieg

Unter Schlafwandlern

Nicht Weltmachtambitionen Deutschlands stießen Europa in den Abgrund des Ersten Weltkriegs: Der australische Historiker Christopher Clark schildert, wie es zur Katastrophe von 1914 kam. Sein Buch "The Sleepwalkers" ist eine Wucht.   Von Gerd Krumeich

Zudem wirkte die von Clark beschriebene Ideologie gewaltsamer Expansion weit über 1914 hinaus. Nach ihrem Einfrieren im Jugoslawien Titos war sie ab 1991 Grundlage serbischer Eroberung und Vertreibung in Kroatien, ab 1992 in Bosnien-Herzegowina, 1998 in Kosovo. Serbische Nationalisten und Teile der einflussreichen Serbisch-Orthodoxen Kirche haben die mentale Landkarte eines Großserbiens bis heute nicht aufgegeben.

Fest steht auch, dass Serbiens Bürger die Verschwörung von 1914 teuer bezahlten. Im Ersten Weltkrieg starben fast 1,2 Millionen Serben, ein Viertel der Bevölkerung - gemessen an der Bevölkerung die höchste Totenzahl aller vom Krieg betroffenen Länder. Im Zweiten Weltkrieg, mit dem zumindest Hitler auch Rache für das Attentat von Sarajevo nahm, starben nochmals mehr als eine halbe Million Serben. Seine Opferrolle, nicht die eigene Täterschaft, ist bis heute die dominante Facette der serbischen Ideologie und Mythologie.

Nicht zufällig betont etwa Serbiens erznationalistischer Präsident Tomislav Nikolic, er sei als Schüler mit den Erzählungen über Serbiens Helden des Ersten Weltkrieges aufgewachsen. Attentäter Gavrilo Princip wurde sowohl am Ende des Ersten Weltkrieg im neu gegründeten Königreich Jugoslawien wie später unter dem Tito-Regime als Held eines angeblichen Befreiungskampfes geehrt, seine angeblichen Fußabdrücke in Sarajevo in Bronze gegossen.

Kriegsausbruch 1914

Mit Hurra ins große Gemetzel

Nach dem Zusammenbruch Jugoslawiens wurde er wieder von Serbien als Identitätsstifter in Anspruch genommen. Einer Umfrage vom Herbst 2013 zufolge sehen ihn 65 Prozent der Serben als "Held", nur sieben Prozent als "Terroristen". Die Belgrader Zeitung Wetschernije Novosti meldete am Donnerstag, Serbiens Regierung wolle bis zum Jahrestag des Mordes von Sarajevo in Belgrad das erste "grandiose Denkmal" für den Attentäter Princip im Kalemegdan-Park im Herzen der Stadt enthüllen. Ein zweites Denkmal solle zeitgleich im unter der Kontrolle der Republika Srpska stehenden Osten Sarajevos eingeweiht werden.

Die in den "Schlafwandlern" geschilderten Hintergründe sind aus Sicht des offiziellen Belgrad auch deshalb so brisant, weil Clark im Unterschied zu normalen Balkanspezialisten nicht nur ein paar Tausend Bücher an Kollegen und Studenten bringt, sondern mit Bestsellerauflagen ein weltweites Publikum erreicht. Nach der Veröffentlichung auf Englisch und hohen Auflagen in England und den USA sind die "Schlafwandler" Clark zufolge auch auf Französisch, Italienisch, Spanisch und Portugiesisch, auf Polnisch, Ungarisch, Rumänisch und selbst Chinesisch schon erschienen. In Deutschland sind knapp fünf Monate nach Erscheinen dem Verlag DVA zufolge bald 170.000 Exemplare verkauft, ist das Buch schon in der zwölften Auflage.

In Serbien dagegen traute sich zunächst niemand die "Schlafwandler" zu veröffentlichen. "Die großen Belgrader Verlage waren an diesem Buch, das bei uns so angegriffen wurde und Serbiens Rolle vor dem 1. Weltkrieg hinterfragt, nicht interessiert", sagt Bojan Stojanovic, Cheflektor des jungen Wissenschaftsverlages Heliks aus dem kleinen Smederovo südöstlich von Belgrad. "Aber es ist ein sehr wichtiges Buch, das es verdient, auch bei uns gelesen zu werden."

Jetzt sitzt ein Heliks-Mitarbeiter an der Übersetzung des Clark-Buches ("Mesečari"). "Wir werden die Schlafwandler am 28. Juni, dem Jahrestag des Attentats von Sarajevo, veröffentlichen und in Belgrad präsentieren", sagt Cheflektor Stojanovic. "Wir zweifeln nicht daran, dass das Buch bei den Lesern und der Öffentlichkeit großes Interesse findet."

Ob die Veröffentlichung viel am offiziellen Opferdiskurs ändert, ist fraglich - schließlich war Clarks Buch etwa für des Englischen kundige Serben schon seit 2012 zugänglich - zumindest, wenn sie es im Ausland kauften. Anders als in Sarajevo, Zagreb oder Tirana, wo einige Buchhandlungen vor allem die reichhaltige englischsprachige Literatur zum Balkan anbieten, fehlen sie in Belgrads Buchgeschäften fast vollständig. Bezeichnenderweise übergingen Belgrads Journalisten, Wissenschaftler und Politiker die von Clark dargestellten Erkenntnisse wie die Ideologie gewaltsamer Expansion oder die Organisation des Terroranschlages von Sarajevo durch Geheimdienstchef Dimitrijevic in ihren Reaktionen komplett.