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Coronavirus in Italien:Niemand darf rein, niemand darf raus

Codogno. Corona Virus Covid-19 emergency in Codogno closed shops and people with masks (Carlo Cozzoli/Fotogramma, Milan

Eine Apothekerin im abgeriegelten Ort Codogno empfängt Kundschaft nur mit Mundschutz.

(Foto: Carlo Cozzoli/imago images)
  • In Italien wurden wegen des Coronavirus ein Dutzend Gemeinden auf Geheiß der italienischen Regierung abgeriegelt.
  • Wer dennoch versucht, das Gebiet zu verlassen, dem drohen Strafen. Nur mit totaler Isolation glaubt die Regierung, die Lage unter Kontrolle zu bringen.
  • Aus Furcht vor Coronavirus-Infektionen stellte Österreich am Sonntagabend den Zugverkehr mit Italien komplett ein

Von Oliver Meiler, Rom

Alle paar Stunden gibt es neue Zahlen, neue Fälle, weit mehr als hundert Menschen sind infiziert. In Norditalien ist die Angst vor einer raschen Verbreitung des Coronavirus am Sonntag gewachsen. Und was die Sorge vergrößert: Man weiß noch nicht, wie das Virus, das die Epidemiologen Sars-CoV-2 nennen, nach Codogno in der Lombardei und nach Vo' in Venetien gelangt ist. So heißen die beiden Gemeinden, von denen die Experten denken, sie seien die Zentren zweier Herde. Betroffen sind auch zehn Gemeinden rund um Codogno und Vo' herum, insgesamt etwa 50 000 Einwohner. Drei Menschen sind gestorben, ein 78-jähriger Mann, eine 76-Jährige und eine weitere ältere Frau. Von allen nimmt man an, dass sie an Covid-19 starben, so nennt man die Krankheit.

Der Südtiroler Zivilschutz kümmert sich um gestrandete Zugfahrgäste

Das Dutzend Gemeinden wurde am Wochenende auf Geheiß der italienischen Regierung abgeriegelt - nach dem "Modell Wuhan". Niemand darf rein, niemand darf raus. Damit die Menschen genügend Lebensmittel und Medikamente erhalten, wurden "sterilisierte Korridore" eingerichtet. An allen Einfahrten zu der Zone hat der Staat Polizei und Carabinieri postiert. Wer dennoch versucht, das Gebiet zu verlassen, dem drohen drei Monate Haft und eine Geldstrafe bis zu 206 Euro.

Nur mit totaler Isolation, so glaubt die Regierung, lasse sich die Lage vielleicht unter Kontrolle bringen. Premier Giuseppe Conte trat nach der Krisensitzung in Rom ausnahmsweise ohne Krawatte auf, nur in Hemd und Pullover. "Wollen wir, dass Italien ein Lazarett wird? Das wird nicht passieren", sagte er. Man habe die Gefahren auch nie unterschätzt. Italien war eines der ersten europäischen Länder, das Flüge von und nach China untersagte. Wenn nötig, sagte Conte weiter, sei man bereit, das Militär aufzubieten, um den "Gürtel um die betroffenen Orte" fester anzuziehen. Von einer Aussetzung von "Schengen", der europäischen Personenfreizügigkeit, sehe man zunächst aber ab. Diese Präzisierung hat einen politischen Hintergrund. Die oppositionelle Lega, Matteo Salvinis Rechtspartei, hatte die Regierung aufgefordert, das Land dichtzumachen.

Conte gab zu bedenken, dass die nun veröffentlichten Zahlen über Infektionen in Norditalien vor allem bewiesen, wie gut das Land Bescheid wisse über die Verbreitung des Virus. Oder anders: Wenn in anderen Ländern im Westen die bekannten Fälle weniger zahlreich seien, könne das auch daran liegen, dass diese Länder weniger gut aufpassten. Italien gilt nun als das am stärksten betroffene Land außerhalb Asiens. Am meisten Infektionen soll es in der Lombardei geben, einem wirtschaftlichen Kraftzentrum Italiens mit Mailand als Kern. Giuseppe Sala, der Mailänder Bürgermeister, ließ alle Schulen der Stadt für eine Woche schließen. Auch Dom und Scala wurden abgesperrt. Die Regionalverwaltungen weiteten den Schritt auf alle Schulen in der Lombardei und in Venetien aus. Auch die Universitäten bleiben zu.

Aus Furcht vor Infektionen stellte Österreich am Abend den Zugverkehr über den Brenner ein. Die staatliche Eisenbahngesellschaft ÖBB teilte am Sonntagabend mit, die Zugverbindungen auf dieser Strecke seien ausgesetzt, weil bei zwei aus Italien kommenden Passagieren der Verdacht auf eine Infektion bestehe. Der Eurocity 86 war am Sonntagnachmittag in Venedig abgefahren und hatte in Verona gehalten, nachdem zwei Deutsche mit Fiebersymptomen und schwerem Husten aufgefallen waren. Die beiden Frauen seien daraufhin in einem Krankenhaus in Verona auf das Coronavirus untersucht worden, der Test sei jedoch negativ gewesen. Der Zug sei daraufhin weitergefahren, wurde jedoch am Brenner erneut gestoppt. Hunderte Passagiere strandeten. Der Südtiroler Zivilschutz sei eingeschaltet worden, um den Passagieren Hilfe zu leisten, berichtete die Polizei in Bozen. Die Passagiere könnten aussteigen, da die italienischen Gesundheitsbehörden keine Bewegungsbeschränkung ausgesprochen hätten. Die europäische Präventionsbehörde ECDC hält das Infektionsrisiko für Europäer trotz der Italienkrise aber nur für niedrig bis moderat.

Die Modemacher Giorgio Armani und Laura Biagiotti beschlossen, ihre schon lange geplanten Schauen am Sonntag ohne Publikum zu veranstalten, es läuft gerade die Modewoche in Mailand. Damit eine nicht unbedingt nötige Menschenansammlung vermieden würde, wurden die Defilees nur im Netz gestreamt. Sogar der Fußball stand still. Vier Sonntagsbegegnungen aus der Serie A, der höchsten Liga, wurden verschoben. Alle hätten im Norden stattfinden sollen: in Mailand, Bergamo, Turin und Verona. Die Diözesen wiesen die Pfarrer an, die Hostie bei der Eucharistiefeier den Gläubigen nicht auf die Zungen zu legen, sondern in die Hand. In Venedig wurden Infektionen publik, deshalb wurde sogar der weltberühmte Karneval abgesagt.

Besonders eindrücklich waren die Bilder, die aus Codogno und Casalpusterlengo im Lodigiano kamen. Die Straßen waren leer, die Läden und Lokale geschlossen. In die Apotheken wurden Kunden nur einzeln vorgelassen. Zunächst glaubte man, die Ansteckungskette nachverfolgen zu können. Als der ursprüngliche Überträger galt ein 41-jähriger italienischer Manager, der die meiste Zeit des Jahres in China verbringt und Anfang Februar mit China Airlines von Shanghai nach Mailand geflogen war, für einen Heimaturlaub. Er hatte grippeähnliche Symptome, wie man sie auch vom Coronavirus kennt. Er steckte, so dachte man, einen Freund an, den die Zeitung Corriere della Sera aus Mailand "Mattia" nennt: 38 Jahre alt, aus Codogno, Forscher bei der Firma Unilever in Casalpusterlengo.

Die Behörden wissen noch immer nicht, wie die Infektion ins Land kam

Dieser "Mattia", ein sportlicher Mann, Läufer und Fußballer, soll "Patient 1" sein. Seit einigen Tagen liegt er auf der Intensivstation. Auch seine Frau hat sich angesteckt, sie ist im achten Monat schwanger. In Grafiken zeigen die italienischen Zeitungen, wo "Mattia" im Februar überall war: Er nahm an mehreren Rennen teil, ging mit Freunden ins Pub, werktags arbeitete er im Unternehmen. Insgesamt 250 Menschen sollen in der kurzen Zeit vor seiner Einlieferung in direktem Kontakt mit Patient 1 gewesen sein.

Bei seinem Freund, dem Manager, zeigte sich nun aber, dass er nur eine normale Grippe hatte.

© SZ vom 24.02.2020/fie

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