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Coronavirus in Italien:Italien versucht mit totaler Isolation, das Virus unter Kontrolle zu bringen

Neue Betten werden in ein Krankenhaus in Codogno nahe Lodi gebracht.

(Foto: AP)

Ein Dutzend Gemeinden sind abgeriegelt, notfalls aktiviert die Regierung das Militär: Wie der Ausbruch des Coronavirus den Norden Italiens trifft.

Von Psychose will niemand reden. Auch das Wort Alarm scheint im italienischen Fernsehen verboten zu sein. Aber so etwas lässt sich ja nicht kommandieren. In Norditalien wächst die Angst vor einer raschen Verbreitung des Coronavirus. Alle paar Stunden gibt es neue Zahlen, neue Fälle, 132 Menschen sollen schon infiziert sein. Und was die Sorge noch vergrößert: Man weiß noch nicht, wie das Virus, das die Epidemiologen Sars-Cov-2 nennen, nach Codogno in der Lombardei und nach Vo' in Venetien gelangt sein könnte. So heißen die beiden Gemeinden, von denen die Experten denken, sie seien die Zentren zweier Herde. Betroffen sind auch zehn Gemeinden rund um Codogno und Vo', insgesamt ungefähr 50 000 Einwohner. Zwei Menschen sind gestorben, ein 78-jähriger Mann und eine 76-jährige Frau. Von beiden nimmt man an, dass sie an Covid-19 starben. So nennt man die Krankheit, die von dem Virus ausgelöst wird.

Das Dutzend Gemeinden wurde am Wochenende auf Geheiß der italienischen Regierung abgeriegelt - nach dem "Modell Wuhan": Niemand darf rein, niemand darf raus. Damit die Menschen genügend Lebensmittel und Medikamente erhalten, wurden "sterilisierte Korridore" eingerichtet. An allen Einfahrten zu der Zone hat der Staat Polizei und Carabinieri postiert. Wer dennoch versucht, das Gebiet zu verlassen, dem drohen drei Monate Haft und eine Geldstrafe.

Nur mit totaler Isolation, so glaubt die Regierung, lässt sich die Lage vielleicht unter Kontrolle bringen. Premier Giuseppe Conte trat nach der Krisensitzung in Rom ohne Krawatte auf, nur in Hemd und Pullover. Conte wollte wohl möglichst väterlich beruhigend wirken. "Wollen wir, dass Italien ein Lazarett wird? Das wird nicht passieren", sagte er. Man habe die Gefahren auch nie unterschätzt. Italien war eines der ersten europäischen Länder, das Flüge von und nach China untersagte. Wenn nötig, sagte Conte weiter, sei man auch bereit, das Militär aufzubieten, um den "Gürtel um die betroffenen Orte" fester anzuziehen. Von einer Aussetzung der europäischen Personenfreizügigkeit sehe man vorderhand aber ab, das sei nicht nötig. Diese Präzisierung hat einen politischen Hintergrund: Die oppositionelle Lega, Matteo Salvinis Rechtspartei, hatte die Regierung aufgefordert, das Land dichtzumachen. Allzu polemisch kann sie sich aber nicht gebärden, denn die Gouverneure der nun besonders geprüften Lombardei und Venetiens, Attilio Fontana und Luca Zaia, sind Salvinis Parteifreunde.

Premier Conte gab auch zu bedenken, dass die nun offenbarten Zahlen über Infektionen in Norditalien vor allem bewiesen, wie gut das Land Bescheid wisse über die Verbreitung des Virus. Oder anders: Wenn in anderen Ländern im Westen die bekannten Fälle weniger zahlreich seien, könne das auch daran liegen, dass diese Länder weniger gut aufpassten. Mit mehr als einhundert Fällen gilt Italien nun als das am stärksten betroffene Land außerhalb Asiens, es zählt nun auch mehr Infizierte als Singapur.

Sogar der Fußball steht still

Mit 89 Infektionen ist die Lombardei am stärksten betroffen. Die Region mit ihrer Hauptstadt Mailand hat wirtschaftlich große Bedeutung für Italien. Giuseppe Sala, der Mailänder Bürgermeister, ließ alle Schulen der Stadt für eine Woche schließen. Er wolle damit nicht Alarmismus verbreiten, sagte auch er. Die Maßnahme erscheine ihm einfach vernünftig. Die Regionalverwaltungen zogen nach und weiteten den Entscheid auf alle Schulen in der Lombardei und im Veneto aus. Auch die Universitäten bleiben zu.

Die Modemacher Giorgio Armani und Laura Biagiotti beschlossen unterdessen, ihre schon lange geplanten Schauen am Sonntag ohne Publikum zu veranstalten, es läuft gerade die Modewoche in Mailand. Damit eine nicht unbedingt nötige Menschenansammlung vermieden würde, sollten die Defilees nur im Netz gestreamt werden. Sogar der Fußball steht still, und das will etwas heißen in Italien. Drei Sonntagsbegegnungen aus der Serie A, der höchsten Liga, wurden verschoben. Alle hätten im Norden stattfinden sollen: in Mailand, Bergamo und Verona.

In den Kirchen im Veneto wurde vom Friedensgruß abgeraten. Die Diözesen wiesen die Pfarrer an, die Hostie bei der Feier der Eucharistie für einmal den Gläubigen nicht auf die Zungen zu legen, sondern in die Hand. In Venedig wurden zwei Infektionen publik, daher wurde auch der weltberühmte Karneval abgesagt.

Besonders eindrücklich waren die Bilder, die aus Codogno und Casalpusterlengo im Lodigiano kamen. Die Straßen leer, die Läden und Lokale geschlossen. In die Apotheken wurden Personen nur einzeln vorgelassen.

Wie ist das Virus nach Norditalien gekommen?

Zunächst glaubte man, die Ansteckungskette nachverfolgen zu können. Als erster Patient galt ein 41-jähriger italienischer Manager, der die meiste Zeit des Jahres in China verbringt und Anfang Februar mit China Airlines von Shanghai nach Mailand flog, für einen Heimurlaub. Er hatte grippeähnliche Symptome, wie man sie auch vom Coronavirus kennt. Doch es zeigte sich nun, dass er nur eine normale Grippe hatte. Auf Sars-Cov-2 wurde er negativ getestet. Das war am Samstagabend. Und so erfreulich das für den Manager ist: Für die Bekämpfung der Epidemie ist es ein Rückschlag, man steht wieder am Anfang.

Vielleicht ist Codogno gar nicht der Ausgangspunkt der Epidemie in Italien. Vielleicht kommt das Virus von anderswo. Und was ist mit Städten wie Florenz und Rom, wo auch in den vergangenen Wochen Touristen aus aller Welt unterwegs waren - auch solche aus China? In Italien ringt man gerade mit vielen Fragen, von denen man nicht recht weiß, wie besorgniserregend sie wirklich sind.

© SZ
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