"Islamischer Staat" Das Kalifat als Köder

Die allermeisten Muslime verurteilen die brutalen Methoden des "Islamischen Staates". Doch dessen selbsternannter Kalif bietet Kämpfern aus Europa sowie immer mehr Rebellen in Syrien eine handfeste Vision und eine imaginierte muslimische Identität - die beide auf frühmittelalterlichen Ideen basieren.

Kommentar von Tomas Avenarius

Der Prophet war keine hundert Jahre tot, da beherrschten seine Gefolgsleute ein Weltreich. Der Kalif regierte ein Gebiet, das von der arabischen Halbinsel über die Levante und Nordafrika bis nach Spanien reichte, im Osten beherrschten die Muslime Zentralasien und Teile des indischen Subkontinents. Weshalb das Bagdader Abbasiden-Kalifat bis heute Inbegriff ist des politischen, militärischen, wissenschaftlichen und kulturellen Führungsanspruchs des Islam und der Araber als seinem Trägervolk. Ein Imperium ohne Kaiser, geführt von einem rechtsgläubigen, vom Volk akzeptierten Regenten: das Kalifat als Synonym für die goldene Zeit einer Weltreligion.

Nostalgie verstellt den Blick auf politische Realitäten. Wenn Muslime die bejammernswerten Verhältnisse in den arabischen Staaten beklagen, kommt gern der Verweis auf die vergangene Größe als Auftrag für die Zukunft. Eine Gallup-Umfrage ergab vor einigen Jahren, dass zwei Drittel aller Muslime weltweit beim Wort Kalifat positive Assoziationen haben. Beim Begriff Demokratie dürften die Zustimmungswerte heute deutlich niedriger sein: Der Irakkrieg mit George W. Bush als dem Bomben werfenden "Geburtshelfer" der nahöstlichen Demokratie, der gescheiterte arabische Aufstand von 2011, der in Ägypten vom Militär beendete Versuch eines Islamismus an der Wahlurne - Demokratie ist für viele nur noch Synonym für eine nicht funktionierende Regierungsform, eine westliche dazu.

Islamischer Staat Das Dschihad-Rätsel von Ibbenbüren
Report
Deutsche Kämpfer für den IS

Das Dschihad-Rätsel von Ibbenbüren

In Westfalen verschwinden drei junge Männer. Sie kämpfen im Nahen Osten für den Islamischen Staat. Der Fall zeigt, wie schwer sich muslimische Gemeinden mit radikalisierten Jugendlichen tun.   Von Jannis Brühl

Die Anzahl ausländischer IS-Kämpfer steigt dramatisch

Der selbsternannte Kalif Ibrahim weiß das, ohne Umfragen zu lesen. Er nennt seinen Banditenstaat, in dem Köpfe abgeschnitten, Frauen versklavt und Ölquellen geplündert werden, ein "Kalifat". Er legt damit den Köder aus. Die allermeisten Muslime verurteilen die brutalen Methoden des Kalifen. Sie sehen aber auch, dass bisher keine passende Regierungsform für die nahöstlichen Staaten gefunden wurde, die islamisch voll legitimiert ist, gerecht dazu und auch noch funktioniert. Als historischer Ladenhüter stellt das Kalifat die moderne Demokratie ebenso erfolgreich in Frage wie auf dem Schlachtfeld zwischen "Islamischem Staat" und US-geführter Koalition.

Der Krieg im Irak und in Syrien wird in der arabisch-islamischen Welt zunehmend als Konflikt zwischen dem Islam und den "Christen und Kreuzfahrern" verstanden werden. Immer mehr Kämpfer anderer Rebellengruppen in Syrien laufen zum Kalifen über; er bietet Erfolg und eine handfeste Vision. Selbst im Europa des 21. Jahrhunderts zündet die frühmittelalterliche Idee vom grenzüberschreitenden Muslim-Staat. Die Integrationsverlierer unter den Migranten in Großbritannien oder Deutschland können sich in eine weitgehend imaginierte muslimische Identität zurückziehen und im fernen Syrien für ein Heilsmodell sterben, statt in Berlin oder London für ihre Integration zu kämpfen.

Die Anzahl ausländischer Kämpfer unter der schwarzen Flagge steigt dramatisch an; sie kommen aus der islamischen Welt, aus Europa, aus Übersee. Das Kalifat als Marke verkauft sich besser denn je.

Islamischer Staat Irak plant Großoffensive für 2015
Kampf gegen IS-Terrormiliz

Irak plant Großoffensive für 2015

Langfristige Vorbereitung: Mit Hilfe Hunderter US-Militärberater will der Irak drei neue Armeeeinheiten aufbauen. Diese sollen im kommenden Jahr alle wichtigen Städte und Straßen von der IS-Terrormiliz befreien.