Atomstreit:Drohnenangriff auf iranische Atomenergieorganisation

Atomkraftwerk Buschehr

Das Reaktorgebäude des Atomkraftwerks Buschehr. Die Anreicherung von Uran ist für solche Anlagen wichtig, aber auch zur Herstellung von Atomwaffen.

(Foto: Majid Asgaripour/dpa)

Erneut wird eine Einrichtung in Iran sabotiert, die mit dem Atomprogramm dort zu haben soll. Das könnte Teherans Urananreicherung ausbremsen.

Von Paul-Anton Krüger

Am Stadtrand von Karadsch, einem Vorort von Teheran und wichtigen Industriestandort, stehen von Bäumen umgebene mehrstöckige Hallen. Eine davon ist, so berichten es staatliche iranische Medien, am Dienstag Ziel einer Drohnenattacke geworden. Klar ist: Das Gebäude gehörte der Iranischen Atomenergieorganisation (AEOI). Während es in Iran heißt, die "Sabotage-Attacke" mit einem kleinen Quadrocopter sei abgewehrt worden, berichten die New York Times und israelische Medien von größeren Schäden.

In den Hallen sollen Komponenten für Zentrifugen gefertigt worden sein, die Iran zur Anreicherung von Uran nutzt. Satellitenbilder, die es ermöglichen würden, etwaige Zerstörung zu verifizieren, sind zumindest öffentlich noch nicht verfügbar. Allerdings würde sich die Fabrik perfekt einfügen in eine Reihe von Sabotageaktionen gegen das iranische Atomprogramm - für die das Regime der Islamischen Republik in der Vergangenheit seinen wichtigsten Feind in der Region verantwortlich gemacht hat: Israel.

Die Anreicherung von Uran ist zentral sowohl für die zivile Nutzung etwa in Brennelementen von Atomkraftwerken oder Forschungsreaktoren. Sie kann aber auch dazu dienen, das spaltbare Isotop Uran 235 so hoch zu konzentrieren, dass sich daraus der Kern einer Bombe gießen lässt. Irans Kapazität für die Urananreicherung zurückzuwerfen, ist das offenkundige Ziel dieser Attacken.

Zwar hat sich Israels Regierung nicht zu dem Vorfall geäußert. Wie die New York Times berichtet, stand die unter dem Kürzel Tesa bekannte und mit Sanktionen belegte Fabrik aber auf einer Liste mit möglichen Angriffszielen, die Israel Anfang 2020 der US-Regierung unter Präsident Donald Trump vorgelegt habe.

Zentrifugen sind ein wichtiger Streitpunkt in den Verhandlungen

Wenn man unterstellt, dass der Mossad seine Finger im Spiel hat, liegt darin auch eine Botschaft an US-Präsident Joe Biden: Was immer die USA mit Teheran vereinbaren, die Regierung in Jerusalem wird sich auch unter ihrer neuen Führung mit Premier Naftali Bennett und Außenminister Jair Lapid nicht darauf verlassen, dass eine mögliche Rückkehr zum Atomabkommen von 2015 Irans Nuklearprogramm verlässliche Schranken setzt und auf absehbare Zeit den Weg zur ultimativen Waffe wirksam verstellt.

Eine Explosion erschütterte Anfang Juli 2020 das Gelände der Urananreicherungsanlage Natans. Sprachen Regierungsleute in Teheran zunächst von einem Feuer in einem leer stehenden Schuppen, zeigten Satellitenbilder wenige Tage später: Getroffen worden war eine erst wenige Jahre alte Werkstatt, in der Wissenschaftler neue, leistungsfähigere Zentrifugen-Modelle montierten und testeten. Zu erkennen waren auf Bildern auch die typischen Schäden, die eine Druckwelle verursacht, die im Inneren des Gebäudes ihren Ausgang genommen haben musste.

Solche Zentrifugen neuerer Generationen sind einer der wichtigsten Streitpunkte bei den Atomverhandlungen zwischen Iran und den Weltmächten in Wien, die bis Anfang Juli für Konsultationen in den Hauptstädten unterbrochen sind: Je effektiver diese Maschinen sind, desto weniger sind nötig, wollte man im Geheimen Uran für militärische Zwecke anreichern. Umso leichter ließe sich eine solche Anlage verstecken. Im Atomabkommen gibt es strikte Begrenzungen für deren Entwicklung, an die sich Iran nicht mehr hält, seitdem Trump aus dem Deal ausgestiegen war.

Im April 2021 traf es dann die Anreicherungsanlage selbst: Offenbar verursacht durch einen Sprengsatz fielen sowohl die reguläre Stromversorgung als auch die Notstromversorgung für die beiden unter Dutzenden Metern Stahlbeton und Erde verbunkerten Haupthallen aus, in denen Kaskaden silbrig glänzender Zentrifugen mit extrem hoher Geschwindigkeit eine gasförmige Uranverbindung schleudern.

Unter normalen Bedingungen werden diese Zentrifugen über ihre gesamte Lebensdauer hinweg möglichst mit konstanter Drehzahl betrieben. Sie abrupt zu stoppen, etwa indem man die Stromversorgung kappt, kann die Maschinen irreparabel beschädigen. Wie viele der etwa 6000 damals in Betrieb befindlichen Zentrifugen zerstört wurden, ist nach wie vor nicht bekannt.

Allerdings lassen Daten aus einem Bericht der Internationalen Atomenergiebehörde IAEA darauf schließen, dass sich Iran gezwungen sah, etwa die Hälfte der Maschinen außer Betrieb zu nehmen - sei es, um die empfindlichen Kaskaden zu überprüfen oder zu reparieren. Oder weil die Maschinen tatsächlich defekt sind und ausgetauscht werden müssen. Die Produktion von Uran in der Anlage brach deutlich um etwa ein Drittel ein. Stellt man den Zeitraum nach dem Angriff in Rechnung, fällt der Rückgang noch weit drastischer aus - und damit der mutmaßliche Schaden.

Hier schließt sich der Kreis: Wenn Iran seine Kapazität bei der Urananreicherung wiederherstellen will, müssen die Techniker entweder wegen des Atomabkommens eingemottete Maschinen reaktivieren und damit beschädigte Zentrifugen ersetzen. Oder eben gleich neue, leistungsfähigere Modelle installieren.

Wichtige Komponenten, wie Rotoren der Zentrifugen, die äußert präzise gefertigt werden müssen und aus speziellen Materialien bestehen, wurden in Karadsch hergestellt. Die Sabotage dort sollte offenbar die Ersatzteil-Kette unterbrechen und zumindest den Zeitraum verlängern, den Iran benötigt, bis die Anlage in Natans wieder ihre Leistungsfähigkeit von vor dem Angriff im April erreicht.

© SZ/perr
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