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Iran:Angriff der Geparden

Dissidenten haben offenbar das umstrittene Atomprogramm ins Visier genommen. Ein Brand in einer Urananreicherungsanlage soll nicht die einzige Attacke gewesen sein.

Von Paul-Anton Krüger

Auf dem Gelände der Urananreicherungsanlage von Natans gut 300 Kilometer südlich von Teheran hat es in der Nacht zum Donnerstag gebrannt.

(Foto: AP)

Die Urananreicherungsanlage von Natans gehört zu den am besten geschützten Einrichtungen in Iran. Zäune und Wachtürme umgeben den vier Quadratkilometer großen Komplex in einem Wüstental auf halbem Weg zwischen Isfahan und der heiligen Stadt Qom, dazu Luftabwehrstellungen, die man von der nahen Straße erkennen kann. Am frühen Donnerstagmorgen hat es gebrannt in der Anlage, die als Kernstück des umstrittenen Atomprogramms der Islamischen Republik gelten kann. Nicht in den zehn Meter unter der Erde verbunkerten Hallen, in denen Tausende silbrig glänzende Zentrifugen Uran anreichern, den Stoff, aus dem sich Brennstäbe für Kraftwerke herstellen lassen oder auch der Kern für eine Atombombe - einen Anreicherungsgrad von 90 Prozent vorausgesetzt.

Betroffen war ein oberirdisches Gebäude. Laut der Iranischen Atomenergie-Organisation (AEOI) handelte es sich um einen in Bau befindlichen Schuppen, der noch leer stand. Der Sprecher der Behörde, Behrouz Kamalvandi, ließ sich vor dem beige ausgemauerten Flachbau vom Staatsfernsehen filmen. Dieser sei "beschädigt" worden. Es habe keine Verletzten gegeben und auch keine Unterbrechung der Urananreicherung. Radioaktive Substanzen seien ebenso wenig freigesetzt worden. Experten untersuchten die Ursache des "Vorfalls", sagte er.

Indes lassen Fotos und Videoaufnahmen des angekohlten Hauses, verbreitet von iranischen Staatsmedien, eine Explosion vermuten. Die Ziegelwände sind an mehreren Stellen ausgebeult, Metalltüren aus ihren Angeln gerissen, Teile des Blechdachs hängen über die Fassade, verrußte Träger ragen hervor. Das alles lässt sich plausible nur mit einer Druckwelle erklären, die ihren Ausgang im Inneren des Gebäudes genommen haben muss.

Natürlich ist ein technischer Defekt als Ursache nicht auszuschließen, allerdings dürfte das Gebäude nicht leergestanden haben, wie die Iraner behaupten. Es weist auffällige Ähnlichkeiten mit jenem Bau auf, den das unabhängige Institute for Science and International Security (ISIS) in Washington schon 2016 auf Satellitenbildern als Werkstatt identifiziert hat, in der Iran neuartige Zentrifugen montiert und auswuchtet. Inspektoren der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA) inspizierten das Gebäude noch bevor dort Maschinen aufgestellt wurden.

Das Atomabkommen von 2015 erlaubt Iran Erforschung und Entwicklung neuer Zentrifugentypen in eng begrenztem Umfang. Das Kapitel war bei den Verhandlungen in Wien eines der am umstrittensten, weil die Effektivität dieser grazilen Maschinen maßgeblich dafür ist, wie schnell Iran theoretisch genug Uran für eine Bombe anreichern könnte. Unausgesprochenes Ziel des Deals war immer, diese Ausbruchszeit von damals wenigen Wochen auf mehr als ein Jahr zu strecken.

Laut einem Bekennerschreiben soll es weitere Attacken gegeben haben

Moderne Zentrifugen sind um ein Vielfaches leistungsfähiger als der derzeit von Iran überwiegend eingesetzte Typ IR-1. So wären nur einige Dutzend oder Hundert solcher moderner Maschinen nötig, um schnell genug Uran für eine Bombe herzustellen - zudem ließe sich eine solche Anzahl leichter verstecken. Iran hat die Produktion, Montage und Erprobung neuer Zentrifugen nach dem Ausstieg der USA aus dem Atomdeal beschleunigt. Das dabei gewonnene Wissen bliebe auch erhalten, sollte Iran den Deal wieder vollständig umsetzen, etwa wenn Joe Biden in den USA Präsident werden und das Abkommen wiederbeleben würde.

Das alles würde eine solche Einrichtung zu einem plausiblen Ziel für Sabotageaktionen machen, wenn das Ziel ist, Fortschritte im iranischen Atomprogramm zumindest zu verlangsamen. Den Verdacht bestärkt ein per E-Mail versandtes Bekennerschreiben einer bislang unbekannten Gruppe, "Geparden des Vaterlandes", die sich als Dissidenten aus dem Sicherheitsapparat bezeichnen. Darin waren Informationen über den angeblichen Angriff - etwa die betroffene Anlage. Das Schreiben ging Stunden, bevor der Vorfall in Iran öffentlich wurde, beim persischen Dienst der BBC ein. Demnach soll es weitere Attacken gegeben haben, die das Regime zu verheimlichen versuche.

Eine Woche zuvor hatte bereits eine schwere Explosion das 30 Kilometer von Teheran entfernt gelegene Militärgelände Parchin erschüttert. Nach offiziellen Angaben war ein Gastank explodiert. Satellitenbilder zeigen allerdings, dass die Explosion sich in einem Gebiet ereignet hat, das zu einer Produktionsanlage für ballistische Raketen der in der EU und den USA mit Sanktionen belegten Shahid Hemmat Industrial Group gehört. Auch hier ist die Ursache ungeklärt, ebenso welcher Schaden entstanden ist. Die Explosion allerdings war in 25 Kilometer Entfernung noch zu hören, ein oranger Feuerball erhellte den Nachthimmel und war in weiten Teilen der Hauptstadt zu sehen. Sowohl das Atom- als auch das Raketenprogramm Irans sind in der Vergangenheit immer wieder Ziel von Sabotageaktionen amerikanischer und israelischer Geheimdienste geworden und auch im Visier einiger arabischer und westlicher Staaten.

© SZ vom 04.07.2020

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