Irak Alkoholverbot bringt irakische Christen in Rage

Wer künftig im Irak mit Alkohol handelt - wie hier noch kürzlich in Bagdad - dem drohen immense Geldstrafen.

(Foto: Ahmed Saad / Reuters)
  • Im Irak sind der Verkauf und die Herstellung von Alkohol ab sofort verboten.
  • Die Regierung beruft sich auf den in der Verfassung verankerten Islam als Grundlage für das Gesetz.
  • Die Christen im Land werden dadurch verprellt - und bei vielen ist auch der Job in Gefahr.
Von Moritz Baumstieger

Seit im Irak eine Allianz aus Armee und Milizen auf dem Weg nach Mossul Dorf um Dorf von der Terrormiliz Islamischer Staat befreit, wird das Land von einer Welle nationaler Solidarität überrollt. Der Kurdenpräsident Massud Barsani findet plötzlich nette Worte für die Regierung in Bagdad, Schiiten und Sunniten kämpfen Schulter an Schulter gegen die Dschihadisten - und alle verstehen sich als Beschützer der christlichen Minderheit. "Bald werden eure Kirchenglocken wieder läuten", verspricht zum Beispiel das Propagandavideo einer schiitisch dominierten Miliz, und tatsächlich: Am Wochenende drangen etwa im Örtchen Bartella Glockenschläge durch den Gefechtslärm. Sie verkündeten, dass die Terrorherrschaft der Islamisten nun ein Ende hat.

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Fast zeitgleich verabschiedete am Sonntag das Parlament im 450 Kilometer weiter südlich gelegenen Bagdad ein Gesetz, das die Christen des Landes in Rage bringt - und nicht nur die: Der Import, der Verkauf und die Herstellung von Alkohol sind von nun an im Zweistromland verboten, die Strafen bei Verstößen sind immens: Zehn bis 25 Millionen Dinar - umgerechnet 7900 bis 20 000 Euro - soll nun zahlen, wer sich die schwierige Lage im Irak ein wenig schöntrinkt.

Auch manche Muslime verließen die Spirituosenläden mit schwarzen, blickdichten Tüten

Auch wenn es in weiten Teilen des Landes schwierig ist, Restaurants oder Hotels mit Alkoholausschank zu finden, taten das bisher nicht wenige im Irak. In fast jeder Stadt gibt es kleine Läden, die meist aus der Türkei importierten, aber auch lokal im Irak produzierten Alkohol verkaufen. Betrieben werden sie fast ausschließlich von Christen, die Kundschaft ist weniger homogen: Vor allem in der Hauptstadt trugen bisher auch einige Muslime schwere, längliche Gegenstände in blickdichten schwarzen Plastiktüten aus den Läden.

Sowohl die Befürworter als auch die Gegner des Prohibitionsgesetzes berufen sich auf die irakische Verfassung. In deren Artikel zwei steht zum einen, dass kein Gesetz verabschiedet werden dürfe, "das den althergebrachten Vorschriften des Islam widerspricht". Nur zwei Sätze später heißt es jedoch: "Diese Verfassung garantiert (...) die Glaubensfreiheit und religiösen Praktiken aller Individuen, auch die der Christen, Jesiden, Mandäer/Sabäer".

Zumindest bei den Christen fällt das Trinken auch unter den Punkt "religiöse Praktiken", man denke nur an den Messwein. Dass das Prohibitionsgesetz deshalb verfassungswidrig ist, meint etwa der christliche Abgeordnete Yonadam Kanna. Aber er hat noch weitere Argumente: "Das Gesetz wird Leute ihre Jobs kosten, der Drogenkonsum wird steigen, die Wirtschaft wird leiden." Auch die neue Einigkeit leidet, die dieser Tage im Irak demonstriert wird: So haben die Kurden umgehend angekündigt, das Gesetz in ihrem Autonomiegebiet zu ignorieren. Auf dem Kurznachrichtendienst Twitter machen sich Iraker über ihre Politiker lustig, die den IS besiegen wollen und gleichzeitig seine Gesetze kopieren. Und mancher fragt sich: "Wie sollen wir nun auf Siege wie den in Bartella anstoßen?"

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