Interview mit Jutta Allmendinger:"Es trifft längst Menschen, die lange Zeit ein sicheres Leben hatten"

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Wie soll sich das ändern?

Indem auch jene Parteien, die das Soziale im Wahlkampf nicht nach vorne gestellt hatten, den Mut finden, die Familien-, die Bildungs-, die Integrations-, Gesundheits-, Arbeits- und Sozialpolitik gemeinsam zu denken und gemeinsam darüber zu entscheiden. Die Spaltungen, die wir allerorts sehen, müssen wir systematisch angehen. Die Leitfrage ist: Wie können wir das Geld, das uns für Soziales zur Verfügung steht, so umverteilen, dass es wirklich den Schwächsten am meisten hilft?

In der Wirtschaft würden viele entgegnen: Jeder ist seines Glückes Schmied. Gibt es in diesem Land zu wenig Anreize, mehr aus seinem Leben zu machen?

Ich denke nicht. Es hält sich hartnäckig der Glaube, dass wenn Personen mehr Anreiz haben, sie dann auch mehr zu leisten bereit sind. Quasi ohne jedes Limit. Diese Annahme ist wissenschaftlich widerlegt. Trotzdem tun wir so, als würde es der Wirtschaft gutgehen, weil wir so eine große Spreizung bei den Einkommen haben. Das ist nicht klug, es führt komplett in die falsche Richtung.

Wie könnte Politik so etwas beenden? Muss man neu über Leistung und Entlohnung nachdenken?

Ja, das müsste man. Dringend. Aber wir tun auch das wieder nur häppchenweise. In der Vorspeise reden wir über eine bessere Bezahlung in Pflegeberufen; im Hauptgang sprechen wir über die Frage, wie wir allgemeine Lohnerhöhungen organisieren sollen; und zum Nachtisch diskutiert man vielleicht mal über eine Vermögenssteuer. Aber es bleibt ein wüstes Durcheinander, das mehr zerstört als hilft. Das Vertrauen in Politik wird so nicht gefördert.

Was muss eine neue Regierung machen, wenn sie irgendwann zustande kommt? Muss sie sich noch mehr um die Schwachen kümmern?

Nein, das wäre verkürzt gedacht. Es trifft längst Menschen, die lange Zeit ein sicheres Leben hatten. Die nach wie vor eigentlich ein gutes Einkommen haben, einen guten Job und eine ordentliche soziale Versorgung. Sie treibt die Angst um, dass so, wie sie ihren normalen gegen einen digitalen Sensorstaubsauer ausgetauscht haben, auch sie abgeschafft werden. Doch niemand gibt ihnen die Hand, bietet ihnen jetzt und heute eine Weiterbildung an, die sie vorbereiten würde für das, was auf sie zukommt.

Wer sollte diese Hand reichen?

Zum Beispiel die Bundesagentur für Arbeit. Bislang kümmert sie sich nur um jene, die bereits ihren Arbeitsplatz verloren haben. Das ist nicht falsch. Aber es reicht hinten und vorne nicht mehr. Wir wissen doch, wie sehr und wie schnell sich die Welt ändert. Deshalb müssten die Bundesagentur und die Jobcenter Fortbildung und Weiterbildung gerade für jene anbieten, die nach wie vor einen guten Job haben, aber trotzdem vor Veränderungen stehen. Sie müsste eine Bildungsagentur werden und dürfte keine Arbeitslosenbetreuungsagentur bleiben. Eine neue Regierung müsste dafür den Weg ebnen.

Passt denn die Struktur der Regierung überhaupt noch in die Zeit? Ist für Sie die herkömmliche Aufteilung der Ministerien überholt?

Ja. Weil sie die Menschen und die Welt in viele einzelne Schubladen packt.

Was würden Sie sich wünschen?

Dass es nur noch vier, fünf große Ministerien gibt - und man in den einzelnen Häusern größer denkt. Nehmen Sie ein Arbeits-, Sozial- und Integrationsministerium. Oder eines für Auswärtige Politik, Verteidigung und Entwicklungshilfe. Dabei würde ich die alten Ministerien nicht einfach zu einzelnen Abteilungen im neuen Haus machen, sondern tatsächlich versuchen, Themen systematisch gemeinsam zu denken und zu verschränken. So könnte man auch radikale Widersprüche beenden.

Was lesen Sie aus dem Wahlergebnis der AfD?

Dass es uns nicht gelungen ist, den Menschen die Furcht vor Neuem zu nehmen, sie zu öffnen für das Unbekannte. Und dass wir jetzt zu spüren bekommen, dass es immer weniger Orte und Anlässe gibt, wo die Menschen zusammenkommen. Früher war der Firm- oder Konfirmandenunterricht so ein Ort. Oder der Sportklub, der Musikverein, die Theatergruppe. Am allerstärksten merkt man es in den Grundschulen. Schauen Sie sich die Segregation an. Als ich in die Grundschule kam, traf sich da die ganze Gesellschaft. Und heute? In den Großstädten? Ist das längst vorbei. Wir erleben eine unglaubliche Entflechtung der Gesellschaft, die ich als das größte Problem überhaupt ansehe.

Es gibt nicht nur Fragen der sozialen Gerechtigkeit. Es gibt Kriege und Krisen, es gibt das große Klimaproblem, es gibt die Megaaufgabe Integration. Gibt es etwas, das Ihnen noch wichtiger ist als die soziale Frage?

Nein. Ich denke, der Kampf gegen das Auseinanderdriften ist das Wichtigste. Nur wenn wir dabei erfolgreich sind, können wir erfolgreich mit dem Klimawandel oder den Krisen in der Welt umgehen. Dafür brauchen wir einen gesellschaftlichen Zusammenhalt, sonst wird es uns nicht gelingen, in der Welt der Krisen und des Klimawandels zu bestehen.

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