Indien:Mord vor aller Augen

Atiq Ahmed inmitten einer Polizeieskorte am 13. April. Zwei Tage später wurde er unter ähnlichen Umständen erschossen.

Atiq Ahmed inmitten einer Polizeieskorte am 13. April. Zwei Tage später wurde er unter ähnlichen Umständen erschossen.

(Foto: Ritesh Shukla/Reuters)

Drei junge Männer erschießen Atiq Ahmed, einen ehemaligen Abgeordneten und verurteilten Schwerverbrecher, vor laufenden Kameras. Drohen nun Unruhen?

Von David Pfeifer, Bangkok

Die Morde wurden live übertragen, auf mehreren Fernseh- und Online-Kanälen. Scheinwerfer leuchteten den Tatort aus, als Atiq Ahmed, ein ehemaliger Abgeordneter des indischen Parlaments, und sein Bruder Ashraf erschossen wurden.

Man sieht auf den Aufnahmen eine Pistolenmündung ins Bild ragen, direkt vor Atiq Ahmeds Kopf, dann drückt einer der Täter ab. Insgesamt wurden etwa 20 Schüsse aus nächster Nähe auf die Brüder gefeuert. Nach Angaben der Polizei kamen die drei Angreifer auf Motorrädern und hatten sich mit Kameraausrüstung, einem Mikrofon mit dem Logo eines Fernsehsenders und gefälschten Journalistenausweisen unter die Medienvertreter gemischt.

Die Ahmed-Brüder befanden sich in Gewahrsam der Polizei, die sie zu einer Routineuntersuchung in ein Krankenhaus in Prayagraj brachte.

Ahmed soll ein Verbrechersyndikat geleitet haben, er wurde zu lebenslanger Haft verurteilt

Nicht nur die drastische Zurschaustellung, auch die Prominenz der Opfer und die möglichen politischen Hintergründe der Tat könnten nun im Zusammenspiel dazu führen, dass es zu gewalttätigen Unruhen in Uttar Pradesh kommt, dem mit etwa 200 Millionen Einwohnern größten Bundesstaat Indiens. Dessen Regierungschef Yogi Adityanath von der Bharatiya-Janata-Partei (BJP) hat deshalb ein viertägiges Verbot von Versammlungen mit mehr als vier Personen erlassen und eine Untersuchung der Morde angeordnet. Und vor allem der Motive.

Denn Atiq Ahmed, 60, war nicht nur ein lokaler Abgeordneter in Uttar Pradesh und saß ab 2004 im indischen Parlament. Er wurde auch beschuldigt, ein Verbrechersyndikat zu leiten, das in Mord, Entführung, Landraub und Erpressung verwickelt war. Er wurde in mehr als 100 Fällen angeklagt und 2019 zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilt.

Die Ahmed-Brüder wurden gerade in Handschellen aus dem Krankenhaus geführt, als die Täter angriffen. Mindestens einer rief dabei "Jai Shri Ram" - diese Preisung von Gott Rama ist zum Schlachtruf für Hindu-Nationalisten gegen Muslime geworden. Die Ahmeds waren Muslime, Regierungschef Adityanath wiederum gilt als Hindu-Hardliner. Seit er 2017 an die Macht kam, ist die Polizei von Uttar Pradesh berüchtigt dafür, Kriminelle, die angeblich versuchten, aus dem Gewahrsam zu fliehen, oder auf Beamte gefeuert haben sollen, zu erschießen. Muslime, aber auch Dalits, die unterste Kaste der Hindus, sind unverhältnismäßig häufig betroffen.

Erst vor einer Woche hatten Polizisten den 19-jährigen Sohn von Atiq Ahmed in der Stadt Jhansi erschossen. Er war im Zusammenhang mit den Verbrechen seines Vaters gesucht worden. Insgesamt hat die Polizei von Uttar Pradesh in den vergangenen sechs Jahren mehr als 180 mutmaßliche Verbrecher bei sogenannten Polizeibegegnungen getötet.

Das Opfer hatte jüngst erst behauptet, die Polizei bedrohe sein Leben

Akhilesh Yadav, Vorsitzender der oppositionellen Samajwadi-Partei, deren Abgeordneter Atiq Ahmed bis 2014 war, sagte laut Reuters, die Ermordung seines ehemaligen Parteikollegen in Polizeigewahrsam zeige, wie die regierende BJP versage, wenn es darum geht, Recht und Ordnung in Uttar Pradesh herzustellen. "Wenn jemand inmitten des Sicherheitskordons der Polizei durch Kugeln getötet werden kann, wie steht es dann um die Sicherheit der Allgemeinheit?"

Auch Kumari Mayawati, ehemalige Ministerpräsidentin des Bundesstaates und Dalit-Führerin, äußerte sich besorgt und forderte den Obersten Gerichtshof auf, den Vorfall zu untersuchen. "Er wirft ernste Fragen über Recht und Ordnung und die Arbeitsweise der Regierung auf", sagte sie. Fast die Hälfte der Minister in Uttar Pradesh stehen laut der unabhängigen Überwachungsgruppe "Association for Democratic Reforms" im Verdacht, kriminell zu sein.

Atiq Ahmed hatte im vergangenen Monat eine Petition beim Obersten Gerichtshof eingereicht, in der er behauptete, sein Leben sei durch die Polizei bedroht. Sein Anwalt Vijay Mishra bezeichnete seine Ermordung als schockierend und sprach von einem "klaren Versagen der Polizei bei der Gewährleistung der Sicherheit" seines Mandanten.

Die Angreifer wurden am Montag als Lavlesh Tiwari, 22, Mohit Puraney, 23, und Arun Kumar Maurya, 18, identifiziert. Die Männer erklärten, dass sie die Ahmed-Brüder töten wollten, "um die Atiq-Ashraf-Bande auszulöschen und uns einen Namen zu machen", wie sie in einem ersten Polizei-Bericht zitiert werden.

Ob auch ein religiöser Hintergrund der Tat geprüft wird, wurde in dem Bericht nicht bekannt. Gegen das 20-köpfige Team der Polizei, das für die Sicherheit der Ahmed-Brüder zuständig war, wurde bisher keine Untersuchung eingeleitet.

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