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Impfstoffe:Erst die Fabrik, dann die Zulassung

Zehn Millionen Impfeinheiten made in Italy? Es gibt Pläne, den russischen Sputnik-Wirkstoff künftig auch in Italien herzustellen.

(Foto: AFP)

In Italien soll noch vor der Zustimmung der EU das russische Sputnik-Vakzin hergestellt werden.

In Italien ist noch vor der EU-Zulassung des russischen Impfstoffs Sputnik V der Bau der ersten europäischen Produktionsstätte des Vakzins geplant. Der russische Staatsfonds RDIF und der Schweizer Pharmakonzern Adienne würden die Fabrik errichten, teilte die italienisch-russische Handelskammer mit. Die italienischen Aufsichtsbehörden müssten dem Vorhaben noch zustimmen.

Wissenschaftler bescheinigen dem Impfstoff eine Wirksamkeit von fast 92 Prozent. Damit ist die Effektivität vergleichbar mit bereits in der EU zugelassenen Vakzinen wie der vom Mainzer Unternehmen Biontech. Nach Angaben der Handelskammer ist geplant, im Juni die Produktion zu starten und bis Jahresende zehn Millionen Impfeinheiten herzustellen. Handelskammer-Chef Vincenzo Trani nannte das Abkommen historisch und Beleg dafür, dass italienische Unternehmen über politischen Differenzen stünden.

Das Zulassungsverfahren für Sputnik V bei der in Amsterdam ansässigen EU-Arzneimittelbehörde EMA läuft noch. Italien ist das vierte EU-Land, das diesen Prozess nicht abwarten will. In Ungarn, der Slowakei und Tschechien ist Sputnik V bereits zugelassen oder es laufen nationale Zulassungsverfahren.

Die Entwickler von Sputnik zweifeln die Neutralität der EMA an. Auf dem Sputnik-Twitter-Kanal forderten sie eine Entschuldigung von EMA-Chefin Christa Wirthumer-Hoche, die am Sonntag in einer österreichischen Talk-Show die EU-Staaten davor gewarnt hatte, Sputnik eigenmächtig zuzulassen. Die Sputnik-Entwickler erklärten dazu, dies werfe ernsthafte Fragen auf über eine mögliche politisch motivierte Einmischung in den Zulassungsprozess. Der Sprecher des russischen Präsidialamtes, Dmitri Peskow, nannte die Äußerungen von Wirthumer-Hoche bedauerlich und unangemessen.

Australien "unglaublich enttäuscht" über verweigerte Lieferungen

Unterdessen will Australien nach dem Lieferstopp von Corona-Impfstoff aus der Europäischen Union gemeinsam mit anderen Ländern Druck auf Brüssel ausüben, um abgesprochene Dosen doch noch zu erhalten. Handelsminister Dan Tehan sagte am Dienstag dem Sender ABC, es handele sich um "Impf-Protektionismus" seitens der EU. Er sei "unglaublich enttäuscht" über die Entscheidung Italiens, den Export von 250 000 Dosen des Vakzins von Astra Zeneca zu blockieren. Es bestehe die Sorge, dass die EU auch künftige Lieferungen zurückhalten könne. Australien plane, mit Kanada, Japan, Norwegen und Neuseeland zusammenzuarbeiten, um die EU zu drängen, ihre Meinung zu ändern, sagte Tehan. "Je mehr wir kollektiven Druck auf sie ausüben können, desto mehr werden sie erkennen, dass das, was sie tun, falsch ist."

Die italienische Regierung hatte in der vergangenen Woche die Lieferung von einer Viertelmillion Dosen Impfstoff von Astra Zeneca an Australien verhindert - und damit erstmals die Ausfuhr von Corona-Impfstoff aus der Europäischen Union in einen Drittstaat gestoppt. Im Visier sind Hersteller, die ihre EU-Lieferpflichten nicht erfüllen. Astra Zeneca hält die ursprünglich zugesagte Liefermenge an die Europäische Union im ersten Quartal nicht ein, was für großen Unmut sorgt.

"Das Ganze ist kein feindseliger Akt Italiens gegen Australien", hatte der italienische Außenminister Luigi Di Maio gesagt. Das Verbot sei Teil einer am 30. Januar in Europa beschlossenen Export-Kontrollregelung. Frankreich begrüßte den Schritt. "Das zeigt, dass wir als Europäer fähig sind, nicht naiv zu sein und unsere Interessen zu verteidigen", sagte Europa-Staatssekretär Clément Beaune.

Chile impft am schnellsten

Chile ist nun das Land mit den weltweit meisten innerhalb der letzten sieben Tage gegen das Coronavirus geimpften Menschen pro 100 Einwohnern und hat Israel damit überholt. "Heute haben wir einen neuen Grund, stolz zu sein", schrieb die Regierung des südamerikanischen Landes am Dienstag auf Twitter, nachdem die Daten des Statistikportals Our World in Data bekanntgeworden waren. Demnach hat Chile im Durchschnitt der vergangenen sieben Tage 1,08 Dosen am Tag pro 100 Einwohnern geimpft, Israel 1,03. Insgesamt hat das südamerikanische 18-Millionen-Einwohner-Land seit Beginn seiner Impfkampagne im Dezember 4 176 094 Millionen Menschen mindestens eine Impfstoff-Dosis verabreicht. Das entspricht mehr als 21 Prozent der Bevölkerung. Am Montag registrierte Chile einen Tagesrekord mit 319 014 Geimpften, wie die Zeitung La Tercera berichtete.

Chile hatte zusammen mit Mexiko und Costa Rica zu den Ländern in Lateinamerika gehört, die als erste mit der Impfung der Bevölkerung begannen und hatte frühzeitig wegen des Erwerbs von Impfstoffen verhandelt. So gelang es, 35 Millionen Dosen zu garantieren, von denen 10 Millionen bereits eingetroffen sind. Die meisten stammen von dem chinesischen Unternehmen Sinovac. Trotz der vergleichsweise erfolgreichen Impfkampagne verzeichnet Chile hohe Infektionszahlen.

© SZ/Reuters/dpa/bac
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