Holzöfen und Luftverschmutzung:Der Wind soll die Schadstoffe verwehen

Die Zahl der privaten Öfen nimmt stark zu, etwa 12 Millionen soll es inzwischen in Deutschland geben.

Die Zahl der privaten Öfen nimmt stark zu, etwa 12 Millionen soll es inzwischen in Deutschland geben.

(Foto: Thomas Trutschel/Imago)

Holzöfen stoßen reichlich Gifte aus, deshalb müssen die Feuerstellen künftig höhere Kamine bekommen. Umweltschützer sind über diese Lösung entsetzt.

Von Thomas Hummel

Peter Neisecke sagt von sich selbst, er arbeite häufig als Mediator. Dabei hat er das gar nicht gelernt, er ist eigentlich Diplom-Ingenieur und Leiter des Bau- und Umweltamtes im Landkreis Ravensburg. Als solcher ist er für Immissionsschutz zuständig, wenn sich jemand über Gestank beschwert, wird seine Behörde tätig. In dem Kreis im Südosten von Baden-Württemberg drehen sich etwa ein Viertel aller Beschwerden um den Rauch aus Kaminen privater oder gewerblicher Holzöfen. "Das gehört inzwischen zum Alltag", sagt er.

Während unten im Wohnzimmer das Feuer heimelig knistert, entweichen oben aus dem Schornstein Schadstoffe, die je nach Windrichtung zum Nachbarn fliegen. In Ravensburg wenden diese sich dann an Neisecke und sein Team, er spricht von den "schwierigen Fällen". Manchmal könne er helfen und vermitteln. Doch manch ein Streit, sagt er, "bleibt einem schon in Erinnerung".

Seit Jahren nimmt in Deutschland vor allem die Zahl der privaten Holzöfen zu, inzwischen sollen es etwa zwölf Millionen sein. Eine genaue Statistik darüber gibt es nicht, die kleinen Feuerstellen sind nicht genehmigungspflichtig. Oft werden sie zusätzlich zu einer bereits installierten Heizung eingebaut, weshalb sie auch den Namen Luxus- oder Komfort-Ofen tragen. Im Wohnzimmer mit Holz einzuheizen und damit ein bisschen Natur ins Heim zu holen, gehört gerade in der gehobenen Mittelschicht zum Lifestyle.

Der Ärger landet bei den Ämtern. Das Umweltministerium in Baden-Württemberg erklärt die Öfen zur klaren Nummer eins, wenn es um Nachbarschaftsbeschwerden in punkto Geruchsbelästigung geht. In anderen Teilen Deutschlands dürfte es nicht anders sein. Doch nun hatte die Politik eine Idee, die Sache zu entschärfen.

Der Bundesrat beschloss am vergangenen Freitag eine Änderung der sogenannten Verordnung für kleine und mittlere Feuerungsanlagen. Demnach sollen künftig beim Einbau neuer Öfen die Kamine nahe an den First gebaut werden und müssen diesen um mindestens 40 Zentimeter überragen. Das gilt auch für Pelletheizungen oder Pizzaöfen. Damit werde gewährleistet, dass der Rauch mit all seinen Schadstoffen eher vom Wind weggetrieben wird statt im Umfeld zu verbleiben und auf Balkone und in gekippte Fenster zu wabern. Der Umweltausschuss des Bundesrates begrüßt, dass "die Ableitbedingungen für Abgase" damit an den Stand der Technik angepasst werden.

Höhere Kamine gegen Luftverschmutzung? Diese Idee ist mindestens so alt wie die Industrialisierung. Rauchen die Schlote, hofft man auf die Kraft des Windes. Hauptsache weg. Der angeblich höchste Schornstein der Welt steht heute in Kasachstan, in fast 420 Metern Höhe werden die Emissionen eines Kohlekraftwerks entsorgt. In Erinnerung ist die Planung eines 200 Meter hohen Schornsteins auf der Anlage der in den 1980er-Jahren geplanten atomaren Wiederaufbereitungsanlage (WAA) im oberpfälzischen Wackersdorf. Dieser sollte radioaktive Schadstoffe möglichst breit und verdünnt in der Gegend verteilen. Als der damalige Landrat Hans Schuierer von der SPD dies erfuhr, wandelte er sich von einem Befürworter der WAA zum entschiedenen Gegner. Die Anlage wurde nie fertig gebaut.

Die Lösung der hohen Kamine gefällt auch diesmal nicht allen. Denn in den Holzöfen entsteht nicht nur Gestank, sondern auch Gift. Dioxine, Furane oder das krebserregende Benzo(a)pyren treten aus. Und sie tragen zur Feinstaub-Problematik in Städten bei, in Stuttgart war deshalb der Betrieb im vergangenen Winter untersagt. Eine Untersuchung der britischen Regierung kam im Februar zu dem Schluss, dass Holzöfen die größten Verursacher von Feinstaub-Emissionen sind, noch vor dem Verkehr. Die Organisationen Asthma UK und die Britische Lungen-Stiftung riefen dazu auf, den Ofen nur noch anzufachen, wenn es sonst keine Möglichkeit zum Heizen gebe. In Deutschland empfiehlt das Umweltbundesamt, die Kaminöfen nur "gelegentlich" zu betreiben.

Axel Friedrich hält diese Aufforderungen für "ein Muster ohne Wert". Der Chemiker arbeitet als Sachverständiger für die Deutsche Umwelthilfe und erklärt, niemand wolle oder könne kontrollieren, ob jemand zu Hause seinen Ofen anfacht. Ebenso wenig, ob wie vorgeschrieben nur mit trockenem, unbehandeltem Holz geheizt werde. Friedrich kämpft seit Jahren gegen die Emissionen der kleinen Holzöfen. Er führt regelmäßig Schadstoff-Messungen durch, ob an seinem Wohnort in Berlin oder in anderen Kommunen, und kommt zu dem Schluss, dass die Belastungen in der Luft weitgehend unterschätzt werden. Er fragt: "Wieso ist es erlaubt, andere zu vergiften?" Für ihn ist die Entscheidung der Politik, nun auf höhere Kamine zu setzen, "ein umweltpolitischer Unsinn".

Partikelfilter könnten helfen. Doch kostet ihr Einbau etwa 1500 Euro

Für Friedrich helfe nur eins: Die Betreiber sollen einen Partikelfilter einbauen. Das würde ihm zufolge die Schadstoffe um etwa 90 Prozent reduzieren. Allerdings erhöht das den Preis eines Ofens derzeit um etwa 1500 Euro, weshalb kaum ein Ofen-Käufer zugreift. Um Filter gesetzlich vorzuschreiben, müssten wohl die Schadstoff-Grenzwerte abgesenkt werden. Diese werden allerdings in der Europäischen Union festgelegt. Die Weltgesundheitsorganisation regt zwar schärfere Grenzwerte an, eine Entscheidung darüber ist aber noch nicht gefallen.

Da bereits bestehende Öfen von der Verordnung der höheren Kamine nicht betroffen sind, bleibt Peter Neisecke in Ravensburg in näherer Zukunft nichts übrig, als mit dem Schornsteinfeger die Kamine und Öfen so gut es geht zu kontrollieren. Oder zwischen Nachbarn zu vermitteln. Für das Landesamt für Umwelt in Baden-Württemberg hat er sogar an einem Leitfaden für "die strukturierte Bearbeitung von Nachbarschaftsbeschwerden" mitgeschrieben. Darin steht: "Ziel sollte es sein, dass Anlagenbetreiber und Beschwerdeführer direkt miteinander ins Gespräch kommen." Künftig soll dann der Wind die Probleme lösen.

© SZ
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