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Holocaust:KZ-Häftlinge mussten die Leichen beseitigen - der Gestank der Feuer war unerträglich

Alle Leichen wurden stets mit dem Kopf nach außen gelegt, sodass es eigens eingesetzte Häftlinge gab, die die herabfallenden Köpfe einsammeln und wieder zurückwerfen mussten. Dokumentiert sind auch Fälle von Kannibalismus, in den die verzweifelten und ausgehungerten Menschen getrieben wurden.

Am Ende einer Aktion wurden alle daran beteiligten Häftlinge als "Geheimnisträger" ermordet, manche bei lebendigem Leibe in das Feuer geworfen.

Trotz aller Bemühungen blieben die Aktionen kein Geheimnis. Aus vielen Orten berichteten Zeitgenossen vom unerträglichen Gestank, den der Wind kilometerweit trug.

Andrej Angrick: "Aktion 1005"

Andrej Angrick: "Aktion 1005" - Spurenbeseitigung von NS-Massenverbrechen 1942-1945. Eine "geheime Reichssache" im Spannungsfeld. Wallstein, Göttingen 2018. Zwei Bände 1381 Seiten, 79 Euro, E-Book: 62,99 Euro.

(Foto: Wallstein Verlag)

Im neun Kilometer von Belzec entfernten Ort Tomaszów Lubelski hielten sich die Einwohner mit Kölnisch Wasser getränkte Taschentücher vor die Nasen, und in der nahen Stadt Rawa-Ruska gingen angesengte Menschenhaare nieder.

Dass es einem Autor gelingt, durch sprachliche und stilistische Mittel Bilder im Kopf des Lesers zu erzeugen, gilt gemeinhin als Vorzug, bei der Lektüre dieses Buches aber wird man immer wieder vergeblich versuchen, diese unwillkürliche Reaktion des menschlichen Gehirns zu unterdrücken.

Denn vor dem geistigen Auge lässt Andrej Angrick eine dunkle apokalyptische Landschaft im Osten Europas entstehen, in der dichter Rauch und beißender Geruch das Atmen nahezu unmöglich machten, weil Tausende Scheiterhaufen mit verwesenden menschlichen Körpern loderten. Dabei bleibt seine Sprache stets sachlich und nüchtern.

An keiner Stelle verfällt er in Zynismus oder Sarkasmus. Vielmehr versteht sich Angrick als gewissenhafter Chronist der Aktion 1005, der möglichst lückenlos alle "Baustellen" (so einer der NS-Tarnnamen der geöffneten Massengräber) erfasst.

Dabei benennt Angrick auch die Leerstellen seiner jahrelangen Forschungen: viele Einzelaktionen, für die kaum oder keine Quellenbelege überliefert sind. Überraschen kann dies nicht, da alle ungewollten Mitwisser sofort nach dem Ende einer Aktion umgebracht und belastende Dokumente zum Großteil vernichtet worden sind.

In Einzelfällen kam es zu einer juristischen Aufarbeitung nach dem Ende des Krieges, sodass Angrick auf den Befragungen aufbauen kann. Hinzu kommen die von der Sowjetunion und von Jugoslawien nach der Rückeroberung der Gebiete dokumentierten Verbrechen, einige wenige Fotoaufnahmen, vor allem aber die Berichte der wenigen Überlebenden aus den Häftlingskommandos, denen die Flucht gelungen ist.

Ihnen will Angrick ein schriftliches Denkmal setzen. Denn dem Zeugnis der Überlebenden ist es zu verdanken, dass es den Nationalsozialisten nicht gelang, ihre Verbrechen vor der Nachwelt zu verbergen.

Der Holocaustforscher Raul Hilberg hat der Aktion 1005 seinerzeit in seinem großen Werk zur "Vernichtung der europäischen Juden" nur wenige Seiten gewidmet. Angrick kann es im Umfang (allein der Anhang aus Quellen und Register füllt mehr als 150 Seiten) und in der Anzahl der in die Tausende gehenden Fußnoten spielend mit dem "Hilberg" aufnehmen - aber nicht nur.

Ein Buch, das in eine Nacht ohne Morgen führt

Wie Hilberg hat Angrick mit der systematischen Durchdringung des gesamten Vernichtungsprozesses in ganz Europa echte Grundlagenforschung geleistet. Angrick benennt Orte und Verantwortliche, entflicht das Gewirr personeller und institutioneller Zuständigkeiten, eruiert Zahlen, klärt die Finanzierung der Aktion 1005 und rekonstruiert so minutiös den Verlauf einzelner Verbrennungen, etwa die Beschaffung des dafür notwendigen Brennholzes in riesigen Mengen und den Einsatz unterschiedlicher Brandbeschleuniger.

Das Geschehen ordnet er dabei in einen breiten Kontext der NS-Gewaltverbrechen, der polykratischen Herrschaft und vor allem des Kriegsverlaufes in der Sowjetunion ein.

Ein solches Thema zu erforschen und eine Sprache für das eigentlich Unaussprechliche gefunden zu haben, ist eine wissenschaftliche Höchstleistung; es in der vorliegenden Ausstattung und Qualität herauszugeben, eine verlegerische Großtat; es über Jahre mit ungewissem Ausgang finanziell zu fördern, eine mutige Entscheidung der Hamburger Stiftung zur Förderung von Wissenschaft und Kultur.

Auch wenn Pathos und Metaphorik ob des Gegenstandes eigentlich unangebracht sind: Dieses Buch führt den Leser in eine Nacht ohne Morgen, in eine Dunkelheit ohne Licht. Seine Lektüre verändert den Blick auf die Welt. Mit Dante: "Ihr, die ihr hier eintretet, lasst alle Hoffnung fahren."

René Schlott ist Historiker am Leibniz-Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam und Stipendiat der Konrad-Adenauer-Stiftung. Er hat zuletzt mit Walter Pehle den Band "Anatomie des Holocaust. Essays und Erinnerungen von Raul Hilberg" (S. Fischer) herausgegeben.

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