Holocaust-Überlebende Wie ein Fehler das Mädchen Dagmar in Auschwitz rettete

Die Holocaust-Überlebende Dagmar Lieblová - als Kind und heute

(Foto: Bergmann Verlag/privat)

Als die Tschechin Dagmar Lieblová das erste Mal von den Gaskammern hört, denkt sie, das könne nicht stimmen. Sie selbst entkommt dem Tod in Auschwitz-Birkenau wohl nur durch einen Zufall.

Von Oliver Das Gupta, Prag

An diesem Mittwoch gedenkt der Bundestag der Opfer des Nationalsozialismus. Dagmar Lieblová wird die Hauptrede der Holocaust-Überlebenden Anita Lasker-Wallfisch genau verfolgen - und wie sich die AfD-Fraktion verhält. Auch Lieblová überlebte das Grauen von Auschwitz-Birkenau. Der SZ schildert die heute 88-Jährige, wie es dazu kam. Ihre Erlebnisse hat sie auch in einem Buch niedergeschrieben (Dagmar Lieblová​: Jemand hat sich verschrieben - und so habe ich überlebt. Bergmann Verlag, Borgholzhausen 2016, ISBN 978-3-945283-21-9).

Eine perfide Lüge

Auf den Tag genau 74 Jahre nach ihrer Ankunft in der Hölle sitzt Dagmar Lieblová in ihrem Wohnzimmer und erzählt von einer perfiden Lüge. Draußen fällt das Winterdunkel über das Prager Neubauviertel, in dem Lieblová lebt, ähnlich finster und kalt wie damals, im Dezember 1943.

Postkarten haben die Häftlinge des Konzentrationslagers Theresienstadt zu dieser Zeit erhalten, abgesendet von anderen Gefangenen, die zuvor auf "Transporte nach Osten" geschickt worden waren. Die Nachrichten zensierte die SS, niemand schrieb etwas Negatives. Aufmerksam registrieren die Theresienstädter Häftlinge den Absendeort: "Arbeitslager Birkenau". Dort, wo man arbeiten muss, wird es nicht so schlimm sein, sagen sich die Häftlinge. Mit dieser Hoffnung steigt Dagmar mit ihrer Familie in einen Viehwaggon, Mutter, Vater, Dagmar und ihre kleine Schwester Rita, damals elf Jahre alt.

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Doch in Birkenau ist kein Arbeitslager, es werden keine Motoren für Hitlers Wehrmacht geschraubt und keine Uniformen geschneidert. Wer dort als Häftling hinkommt, der soll sterben. Birkenau, das ist Auschwitz II, das ist einer der Orte, an dem die Reichsführung die "Endlösung der Judenfrage" exekutieren will. Dort vernichtet die SS systematisch Menschen, die meisten durch Gas. Mehr als eine Million sterben, vielleicht sogar 1,5 Millionen - in München leben heute 1,4 Millionen Menschen.

Etwa neun von zehn Menschen, die in Auschwitz-Birkenau umkommen, sind dorthin geschafft worden, weil sie jüdisch waren. So wie das Mädchen Dagmar.

Die Familie Fantl

Dagmar Lieblová, geborene Fantlová, kommt am 19. Mai 1929 zur Welt. Sie wächst auf in Kutná Hora (zu Deutsch: Kuttenberg), etwa 70 Kilometer östlich von Prag. Vor dem Zweiten Weltkrieg gibt es eine jüdische Gemeinde in der Stadt, zu der auch die Fantls gehören. Besonders gläubig ist die Familie nicht, zweimal im Jahr geht Dagmar mit ihrem Großvater zur Synagoge: zum Neujahrsfest und zu Jom-Kippur, dem Versöhnungstag. Dagmar feiert als Kind auch Weihnachten, sie hält es heute noch so. In der Wohnung der alten Dame steht ein Adventskranz.

Als Kind kann Dagmar das R im Namen ihrer jüngeren Schwester Rita nicht aussprechen und nennt sie deshalb Ita. Die Schwestern verbringen eine schöne Kindheit, von der alte Fotos zeugen: zwei blonde Mädchen, die oft im Partnerlook vor der Kamera posieren. Der Vater, ein Arzt, engagiert sich ehrenamtlich, er ist Patriot und gleichzeitig sozialdemokratisch eingestellt. Als die Deutschen im März 1939 mit einem unblutigen Einmarsch die "Rest-Tschechei" dem Nazi-Imperium einverleiben, weint er. Schnell ändert sich viel: Doktor Fantl darf nur noch Juden behandeln, seine Kinder nicht mehr die allgemeine Schule besuchen. Die christliche Haushälterin Fanny darf bei den Fantls bleiben, weil sie schon über 50 ist.