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Holocaust-Gedenken im Bundestag:"Wer hätte geglaubt, dass wir Auschwitz lebendig verlassen würden"

Die Holocaust-Überlebende Anita Lasker-Wallfisch spricht im Bundestag.

(Foto: AFP)
  • Die deutsch-britische Auschwitz-Überlebende Anita Lasker-Wallfisch schildert beim Holocaust-Gedenken im Bundestag, wie sie als Cellistin das Vernichtungslager Birkenau überleben konnte.
  • Zuvor mahnt Bundestagspräsident Schäuble, dass Hetze und Gewalt auch in der heutigen Gesellschaft keinen Raum haben dürften.
  • Der Bundestag erinnert jedes Jahr mit einem Gedenktag an die von den Nationalsozialisten Ermordeten und Verfolgten.

Zum 73. Jahrestag der Befreiung des Lagerkomplexes Auschwitz hat der Bundestag der Opfer des Nationalsozialismus gedacht. Eindrücklich schildert die Holocaust-Überlebende Anita Lasker-Wallfisch dem Plenum, wie sie und ihre Schwester Renate das Grauen des Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau und des Konzentrationslagers Bergen-Belsen überlebten.

Ihr Glück, wenn man es denn so nennen kann, war demnach, dass sie im Dezember 1943 "nicht mit einem der Riesentransporte" in Auschwitz ankam, sondern als "Verbrecherin" eingeliefert wurde, da sie zuvor beim Arbeitsdienst in einer Breslauer Fabrik Urkunden gefälscht hatte.

Die damals 18 Jahre alte Cello-Spielerin Anita Lasker wurde zudem "gebraucht". Nur unter dieser Bedingung sei es überhaupt möglich gewesen, mehr als drei Monate in Auschwitz zu überleben. "Ich wurde Mitglied der Lagerkapelle in Birkenau", sagt Lasker-Wallfisch. Durch einen unglaublichen Zufall habe sie in dem Lager auch ihre später eingelieferte Schwester wiedergefunden, ein "Skelett mit offenen Wunden an den Beinen, die nie heilten".

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Beide wurden im November 1944 ins Konzentrationslager Bergen-Belsen deportiert, das im April 1945 von britischen Truppen befreit wurde. "Wer hätte geglaubt, dass wir Auschwitz lebendig und nicht als Rauch verlassen würden", sagt die heute 92 Jahre alte Lasker-Wallfisch. Auch ihre Schwester Renate Lasker-Harpprecht sitzt an diesem Mittwoch im Bundestag.

Lasker-Wallfisch spannt aber auch den Bogen zur heutigen Zeit. Für die Juden hätten sich damals die Grenzen "hermetisch geschlossen", sagt sie. Heute seien es andere Zeiten, wieder sei die "Welt voller Flüchtlinge", sagt sie. Doch dank der "unglaublich generösen, mutigen, menschlichen Geste, die hier gemacht wurde", sei ihre Lage besser, betont sie, offensichtlich im Hinblick auf die politisch umstrittene "Grenzöffnung" für Flüchtlinge durch Kanzlerin Angela Merkel im Sommer 2015. Auch die Holocaust-Überlebende Ruth Klüger hatte beim Gedenken 2016 diesen Schritt ausdrücklich gelobt.

Lasker-Wallfisch warnt zudem vor neu aufkeimendem Antisemitismus. Heute würde man zwar meist nicht mehr von Juden sprechen, sondern von Israelis. Die Juden seien vielfach dafür kritisiert worden, dass sie sich im Nationalsozialismus nicht verteidigt hätten. Heute würden sie dafür kritisiert, dass sie sich verteidigen. Es sei ein "Skandal, dass jüdische Schulen, sogar jüdische Kindergärten, polizeilich bewacht" werden müssten, sagt Lasker-Wallfisch.

Schäuble: "Hetze und Gewalt dürfen keinen Raum haben"

Vor der Ansprache von Lasker-Wallfisch erinnerte Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble daran, dass Rechtsstaat, Gewaltenteilung und Demokratie stetes Engagement brauchten. Nach Auschwitz könnte sich niemand mehr auf Institutionen verlassen.

"An Auschwitz scheitert jede Gewissheit", sagte Schäuble - auch die "Gewissheit über uns selbst". Schäuble zog aus dem millionenfachen Mord an den Juden und Menschen anderer Gruppen im Dritten Reich auch Folgen für die heutige Gesellschaft. Es müsse beunruhigen, wenn Flüchtlingsheime angegriffen würden und wenn es heute wieder antisemitische Anfeindungen gebe. Beunruhigen müssten aber auch Angriffe auf Moscheen und Muslime. "Hetze und Gewalt dürfen in unserer Gesellschaft keinen Raum haben", sagte Schäuble - gegen wen auch immer sie sich richteten.

Jahrzehntelanges Schweigen

Etwa ein Jahr nach ihrer Befreiung aus dem Konzentrationslager gelang es Anita Lasker-Wallfisch und ihrer Schwester Renate 1946, nach London zu emigrieren. Dort arbeitete Anita erfolgreich als Cellistin und heiratete den Pianisten Peter Wallfisch.

Über ihre Erfahrungen im Holocaust schwieg sich Lasker-Wallfisch über Jahrzehnte hinweg aus. Erst nach dem Tod ihres Mannes im Jahr 1993 begann sie, öffentlich über ihre Vergangenheit zu sprechen. 1997 veröffentlichte sie das Buch "Ihr sollt die Wahrheit erben. Die Cellistin von Auschwitz". Wie schwierig das lange Schweigen für ihre Familie war, zeigte sich auch in einem generationenübergreifendes Interview mit Lasker-Wallfisch, ihrer Tochter Maya Jacobs-Wallfisch sowie ihrem Enkel Simon Wallfisch im SZ Magazin im Jahr 2015.

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