Holocaust-Gedenken im Bundestag Auschwitz-Überlebende preist deutsche "Großherzigkeit" gegenüber Flüchtlingen

  • Die Holocaust-Überlebende Ruth Klüger lobt beim Gedenken im Bundestag die deutsche Offenheit gegenüber Flüchtlingen - und erhält dafür spontanen Beifall.
  • Der Hauptteil ihrer Rede ist allerdings einem anderen Thema gewidmet: den unmenschlichen Bedingungen, unter denen Zwangsarbeiter und vor allem Zwangsarbeiterinnen in Nazi-Deutschland schuften mussten.
  • Für Klüger war die Zwangsarbeit aber auch ein "Glück", entging sie doch nur so einem fast sicheren Tod.
Von Barbara Galaktionow

Es ist vor allem eine Stelle, an der beim diesjährigen Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus spontaner Applaus aufbrandet. Ruth Klüger, Holocaust-Überlebende und Hauptrednerin im Bundestag, betont, dass Deutschland, "dieses Land, das vor achtzig Jahren für die schlimmsten Verbrechen des Jahrhunderts verantwortlich war", heute den Beifall der Welt gewonnen habe. Und zwar "dank seiner geöffneten Grenzen und der Groβherzigkeit, mit der Sie syrische und andere Flüchtlinge aufgenommen haben und noch aufnehmen". Und nicht nur Klüger scheint diese Offenheit gegenüber Flüchtlingen zu begrüßen, wie der große Beifall zeigt.

Dies, so sagt die 84-Jährige weiter, sei der "Hauptgrund", warum sie mit so großer Freude die Einladung nach Berlin angenommen habe, in diesem Rahmen über die früheren Untaten sprechen zu dürfen. Sie verweist auf den vielfach angezweifelten und angefeindeten Wahlspruch von Angela Merkel in der Flüchtlingsfrage: Hier sei und entstehe ein "gegensätzliches Vorbild", "mit dem bescheiden anmutenden und dabei heroischen Slogan: Wir schaffen das."

Feministin aus Notwendigkeit

1992 schaffte es ihre Biographie "weiter leben" auf die Bestsellerliste. Die Germanistikprofessorin Ruth Klüger beschreibt darin ihr Leben als Wiener Jüdin, die drei KZs überlebt hat. Heute kämpft sie gegen Diskriminierung und sagt, dass der Feminismus die Bevölkerungsprobleme beantworten wird. mehr ... SZ-Magazin

Damit endet die Rede Klügers (hier der Text der gesamten Rede). Und selbst Abgeordnete, die die Linie der Kanzlerin nachweislich nicht unterstützen, wie CSU-Landesgruppenchefin Gerda Hasselfeldt, klatschen. Die so gelobte Merkel hingegen schluckt erst kurz - so zeigen es die Fernsehkameras. Dann applaudiert auch sie.

Und wie könnte man Klüger auch nicht Beifall spenden - selbst bei gegensätzlichen politischen Ansichten? Mit leichtem Wiener Akzent, anfangs zögerlich, dann immer bestimmter, erinnert sie an das Schicksal der Millionen Zwangsarbeiter und vor allem der Zwangsarbeiterinnen im Dritten Reich.

Ein Schicksal, das sie selbst auch teilt. Mit nur zwölf Jahren wurde die 1931 in einem jüdischen Elternhaus in Wien geborene Klüger von den Nazis deportiert. Sie kam mit ihrer Mutter ins KZ Theresienstadt, später nach Auschwitz-Birkenau, dann als Zwangsarbeiterin ins Frauenlager Christianstadt, einem Außenlager des KZ Großrosen in Niederschlesien (heute Polen).

Wald roden, Holz hacken, Schienen tragen

Dass sie überhaupt im Arbeitslager landete, es war ein Zufall, ein "Glück", wie sie es selbst nennt. Denn nur, weil es ihr, zwei Minuten, bevor sie mit einem SS-Mann sprach, von einer "freundlichen Schreiberin, ein Häftling" wie sie selbst, "eingeflüstert" worden sei, habe sie sich als 15 ausgegeben. Dadurch sei sie zum Zwangsarbeitsdienst eingeteilt worden - anstatt sofort in die Gaskammer zu kommen. "Vor allem war die erdrückende Todesangst vorbei", erinnert sich Klüger.

Doch es war nur ein Moment der Erleichterung in finsterer Zeit. Klüger schildert, was Millionen KZ-Häftlinge und Zwangsarbeiter im NS-Reich ertragen mussten: die körperlich vor allem für Frauen und Unterernährte viel zu harte Arbeit - "wir haben den Wald gerodet, die Stümpfe schon gefällter Bäume ausgegraben und weggebracht; auch Holz gehackt und Schienen getragen." Die Schikane durch die NS-Wärter beim Appell - "stehen, einfach stehen" sei ihr heute immer noch widerlich, dass sie oft einfach aus einer Schlage weggehe. Die ewige Kälte - "der Winter von 1944/45 war der kälteste Winter meines Lebens". Und den quälenden Hunger, der selbst von vermeintlich wohlwollenden deutschen Vorarbeitern ignoriert wurde.