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Holocaust-Gedenken:"Fremdenhass und Nationalismus weltweit auf dem Vormarsch"

Sie brachten ihn in ein katholisches Internat und harrten auf die Möglichkeit der Flucht in das neutrale Land. Er büchste aus der Schule aus und fand seine Eltern, die ihn aber in das Kloster zurückbrachten. "Es war das letzte Mal, dass ich meine Eltern sah. Was sie sich wohl damals dachten?" Bei ihrem folgenden Fluchtversuch wurden sie gefangen genommen und nach Auschwitz deportiert. Sein Vater wurde, weil er so schwach war, wohl schon bei seiner Ankunft im KZ ermordet, seine Mutter musste Strafarbeit leisten. "Von den tausend Juden, die damals deportiert wurden, lebten nach Kriegsende noch vier." Vielen Bundestagsabgeordneten sieht man ihre Betroffenheit in diesem Moment an.

"Für mich und meine Generation europäischer Juden bedeutete Israel damals eine Heimat und ein Gefühl der Zugehörigkeit", setzt Friedländer seine Lebensgeschichte fort. "Und das ist es für mich bis heute, trotz meiner Kritik an der Regierung." Das Existenzrecht des Landes sei "grundsätzliche moralische Verpflichtung". Er betont das, weil dies auch heute von extremen Linken wie Rechten gleichermaßen in Frage gestellt wird. Und er bezieht sich damit auch auf seine Aussage im Interview mit der SZ im Jahr 2016, wonach die israelische Regierung das Gedenken an die Opfer für ihre Zwecke instrumentalisiere.

"Der heutige Hass auf Juden ist genauso irrational, wie er es auch früher war", mahnt der Historiker. Vor allem sei dies bei Rechtsradikalen der Fall. Das Ausmaß der Angriffe nennt er "schlicht absurd". Doch Antisemitismus sei nur eine der Geißeln, die mehr und mehr Länder befallen. "Der Fremdenhass und Nationalismus sind in besorgniserregender Weise weltweit auf dem Vormarsch", mahnt Friedländer. Hier erntet er den Applaus des ganzen Hauses.

Friedländer erzählt gegen Ende seines Vortrags, dass er bei der Einladung zu der Gedenkstunde zuerst gezögert, dann aber zugesagt habe: "Warum? Weil ich wie viele Menschen weltweit im heutigen Deutschland ein von Grund auf verändertes Deutschland sehe." Und er richtet einen Appell an die Parlamentarier vor ihm: "Wir alle hoffen, dass Sie die moralische Standfestigkeit besitzen, weiterhin für Toleranz und Inklusivität, Menschlichkeit und Freiheit, kurzum, für die wahre Demokratie zu kämpfen."

Als Friedländer seine Rede beendet, erntet er stehenden Applaus. Auch von der Fraktion, die rechts von ihm sitzt.

Lesen Sie mit SZ Plus das Interview mit Saul Friedländer:
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Saul Friedländer im Gespräch

"Es gibt keinen Traum mehr"

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