Süddeutsche Zeitung

Holocaust-Gedenken:"Der heutige Hass auf Juden ist so irrational, wie er es auch früher war"

  • Bei der Holocaust-Gedenkstunde im Bundestag warnt der Überlebende und Historiker Saul Friedländer vor weltweit wachsendem Antisemitismus und Fremdenfeindlichkeit.
  • Er richtet in seiner Rede einen Appell an Deutschland, weiterhin "für die wahre Demokratie zu kämpfen".
  • Bundestagspräsident Schäuble betont, dass Erinnerungskultur Aufgabe des Staates und der Zivilgesellschaft sei.

"Der Name eines Menschen ist Teil seines Ichs." Mit diesen Worten eröffnet Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble die Holocaust-Gedenkstunde im Bundestag. Die Täter in den Konzentrationslagern hatten die Häftlinge mit Nummern gerufen. Ihre Namen sollten getilgt werden: "Der einzelne Mensch zählte nichts." Dann wendet Schäuble sich an den Ehrengast, dessen Name sich schon in seiner Jugend mehrmals geändert hat. Geboren 1932 als Pavel in der Tschechoslowakei, später eingedeutscht zu Paul und schließlich - nach der Flucht nach Frankreich - geändert in Saul Friedländer, den heute weltweit bekannten Historiker. "In der Geschichte ihres Namens spiegelt sich die Geschichte Ihres Lebens wider", sagt Schäuble.

Friedländer betritt das Parlament an der Seite von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, Kanzlerin Angela Merkel und Andreas Voßkuhle, dem Präsidenten des Bundesverfassungsgerichts. Vor 74 Jahren und drei Tagen wurde das KZ Auschwitz durch die Rote Armee befreit.

Viele Blicke sind auch auf die AfD gerichtet, doch die Partei sorgt am Donnerstag im Bundestag nur für eine kleine Irritation. Im Gegensatz zu der Gedenkveranstaltung für die Opfer des Nationalsozialismus vor einer Woche im Bayerischen Landtag, als die AfD-Fraktion bei einer Rede von Charlotte Knobloch, der Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München, nahezu geschlossen den Saal verließ.

Diesmal passiert es, als Schäuble an Friedländer die Worte richtet: "Wir sind geehrt, dass Sie unserer Einladung gefolgt sind." Daraufhin applaudiert fast der ganze Bundestag, mit Ausnahme der Rechtsnationalen. Knobloch sitzt übrigens als Gast auf der Tribüne des Bundestags.

Nicht zu verleugnen nennt Schäuble die Fakten, die Orte, an denen die Verbrechen der Nazis passierten. "Zumal schon heute bei jungen Menschen das Wissen darüber schwindet." Verleugnung und Verharmlosung sind für den Bundestagspräsidenten "inakzeptabel". "Erst recht in Deutschland." Dass jüdische Mitbürger heute wieder daran denken, auszuwandern, sei beschämend. "Aber Scham alleine reicht nicht. Es braucht im Alltag unsere Gegenwehr gegen Rassismus, Antisemitismus und Diskriminierung aller Art." Erinnerungskultur sei Aufgabe der Zivilgesellschaft und des Staates. Wer daran rütteln wolle, lege Hand an eine Grundfeste der Republik, sagte er. Und blickt kurz, aber bemerkbar nach rechts.

So nüchtern es eben möglich ist

Bevor Schäuble an den Gast übergibt, lobt er ihn: "Sie haben Maßstäbe bei der Aufarbeitung der Shoah gesetzt. Haben ganz bewusst nicht versucht, das Unglaubliche zu domestizieren." Dies ist nicht selbstverständlich, denn Friedländer hat den Holocaust, die Shoah, nicht nur als Historiker eingehend analysiert, sondern erlebte und überlebte ihn selbst. Versteckt in einem französischen Internat. Seine Eltern wurden 1942 in Auschwitz ermordet. In seinem Standardwerk "Das Dritte Reich und die Juden" gab er den Opfern eine Stimme und verknüpfte Politik- mit Kultur- und Alltagsgeschichte der europäischen Juden.

Friedländer beginnt seinen Vortrag mit einem Blick zurück auf die Rede Hitlers im Reichstag, der vor genau 80 Jahren die Vernichtung der Juden angekündigt hatte. Er erinnert daran, dass der Holocaust schon lange vor der in der Wannsee-Konferenz beschlossenen "Endlösung" offen proklamiert wurde.

Der 86-Jährige erzählt die Chronologie der Massenvernichtung so nüchtern das eben möglich ist. Und er erzählt, wie sich die Opfer damals fühlten. "Spätestens im Jahre '42 wussten wir, dass in Lagern massenhaft Juden ermordet wurden." Er nennt die Zahlen der in den einzelnen Lagern Ermordeten. 250 000 in Sobibor, 800 000 in Treblinka, mindestens 1,1 Millionen in Auschwitz.

Dann kommt Friedländer auf seine eigene Biografie zu sprechen. Nach der Eingliederung des Sudetenlandes die Flucht nach Paris. Dort wuchs er auf, aber immer noch mit der Erinnerung an die alte Heimat: "Das erste Lied, das ich auf dem Klavier zu spielen lernte, war 'Ich hatt' einen Kameraden'." Später floh die Familie in das vom Deutschen Reich abhängige Vichy-Frankreich. Als es auch dort nicht mehr sicher war, planten die Eltern die Flucht in die Schweiz, empfanden die Strapazen aber als zu hart für den Jungen.

"Fremdenhass und Nationalismus weltweit auf dem Vormarsch"

Sie brachten ihn in ein katholisches Internat und harrten auf die Möglichkeit der Flucht in das neutrale Land. Er büchste aus der Schule aus und fand seine Eltern, die ihn aber in das Kloster zurückbrachten. "Es war das letzte Mal, dass ich meine Eltern sah. Was sie sich wohl damals dachten?" Bei ihrem folgenden Fluchtversuch wurden sie gefangen genommen und nach Auschwitz deportiert. Sein Vater wurde, weil er so schwach war, wohl schon bei seiner Ankunft im KZ ermordet, seine Mutter musste Strafarbeit leisten. "Von den tausend Juden, die damals deportiert wurden, lebten nach Kriegsende noch vier." Vielen Bundestagsabgeordneten sieht man ihre Betroffenheit in diesem Moment an.

"Für mich und meine Generation europäischer Juden bedeutete Israel damals eine Heimat und ein Gefühl der Zugehörigkeit", setzt Friedländer seine Lebensgeschichte fort. "Und das ist es für mich bis heute, trotz meiner Kritik an der Regierung." Das Existenzrecht des Landes sei "grundsätzliche moralische Verpflichtung". Er betont das, weil dies auch heute von extremen Linken wie Rechten gleichermaßen in Frage gestellt wird. Und er bezieht sich damit auch auf seine Aussage im Interview mit der SZ im Jahr 2016, wonach die israelische Regierung das Gedenken an die Opfer für ihre Zwecke instrumentalisiere.

"Der heutige Hass auf Juden ist genauso irrational, wie er es auch früher war", mahnt der Historiker. Vor allem sei dies bei Rechtsradikalen der Fall. Das Ausmaß der Angriffe nennt er "schlicht absurd". Doch Antisemitismus sei nur eine der Geißeln, die mehr und mehr Länder befallen. "Der Fremdenhass und Nationalismus sind in besorgniserregender Weise weltweit auf dem Vormarsch", mahnt Friedländer. Hier erntet er den Applaus des ganzen Hauses.

Friedländer erzählt gegen Ende seines Vortrags, dass er bei der Einladung zu der Gedenkstunde zuerst gezögert, dann aber zugesagt habe: "Warum? Weil ich wie viele Menschen weltweit im heutigen Deutschland ein von Grund auf verändertes Deutschland sehe." Und er richtet einen Appell an die Parlamentarier vor ihm: "Wir alle hoffen, dass Sie die moralische Standfestigkeit besitzen, weiterhin für Toleranz und Inklusivität, Menschlichkeit und Freiheit, kurzum, für die wahre Demokratie zu kämpfen."

Als Friedländer seine Rede beendet, erntet er stehenden Applaus. Auch von der Fraktion, die rechts von ihm sitzt.

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