bedeckt München 25°

Hitler-Diktatur:Die Vermessung der Nazis

Kinderreiche Familie, 1943

Ein Nazi-Ehepaar aus dem Erzgbirge in Sachsen mit seinen zwölf Kinder im Jahre 1943: Die Mutter mit Mutterkreuz, der Vater in NSDAP-Uniform, die Söhne in Uniformen von Wehrmacht, Reichsarbeitsdienst oder Hitlerjugend.

(Foto: Süddeutsche Zeitung Photo)

Der Politologe Jürgen W. Falter legt ein großes Zahlenwerk über die mehr als zehn Millionen Mitglieder der NSDAP vor.

Vor fast dreißig Jahren machte in der historischen Fachwelt ein dickes Buch voller Zahlen und Statistiken Furore. Trotz sehr differenzierter Beschreibung der Forschungsergebnisse blieb in der Öffentlichkeit nur ein Schlagwort in Erinnerung: der Mittelstandsbauch.

Der damals in Berlin lehrende Politikwissenschaftler Jürgen W. Falter hatte in seinem Buch "Hitlers Wähler" (C. H. Beck, 1991) die NSDAP als "Volkspartei des Protestes mit Mittelstandsbauch" klassifiziert. Doch wichtiger als der Mittelstandsbauch war die Datengrundlage, die einen vertieften Blick auf den im Rückblick erschreckend schnellen Aufstieg einer völkisch-extremistischen, antisemitischen Splitterpartei zur alle Volksschichten ansprechenden Massenpartei erlaubte.

Jürgen W. Falter hat dieses Thema nie losgelassen. Seit seiner Emeritierung im Jahr 2012 hat er als Senior-Forschungsprofessor der Universität Mainz mit seinem Team noch tiefer in den Archiven gegraben.

Die Ergebnisse liegen nun in einem weiteren dicken Werk voller Zahlen und Detailneuigkeiten vor: "Hitlers Parteigenossen. Die Mitglieder der NSDAP 1919-1945" kommt diese Woche in die Buchläden. Noch weniger als 1991 darf man diesmal auf eine griffige Zusammenfassung hoffen.

Die Wirklichkeit ist eben meist komplexer, sie entzieht sich eigentlich immer monokausalen Erklärungen. Und auch die Theorien, die über die Anziehungskraft der NSDAP über die Jahrzehnte entwickelt wurden, greifen nie in vollem Umfang, wie Falter nachweist. Und auch der Autor selbst, vielen bekannt als Parteien- und Extremismusforscher sowie selbstbewusster Talkshowgast, muss einige seiner früheren Schlussfolgerungen angesichts der Zahlenanalyse modifizieren.

Mehr als zehn Millionen traten der NSDAP im Lauf der Jahre bei - Hitler war das fast zu viel

Adolf Hitler hatte keine Lust, eine Massenpartei zu führen. Ihm ging es um die "historische Minorität" seiner revolutionären Bewegung, wie er es nannte. Ihm ging es um Kampfgeist und "Opfermut". Es gelte stets, den "Kern der Bewegung" von "Parasiten" frei zu halten. Und doch traten - um einen Vergleich mit der Gegenwart zu bringen - allein im Jahr 1932 etwa 442 000 Deutsche in die NSDAP ein; das sind so viele Mitglieder, wie SPD und CDU derzeit aufweisen, und dies bei einer um ein Drittel höheren Einwohnerzahl als damals.

Vor allem nach der Machtübertragung 1933 war den Parteioberen der Ansturm der Massen suspekt. Es gelte, verschärft darauf zu achten, "Konjunkturritter" alsbald aus der Partei wieder zu entfernen. Das geschah dann zwar nicht im großen Stil, doch insgesamt sieben Jahre lang (Mai 1933 bis April 1937 und Februar 1942 bis Mai 1945) war die Partei komplett für die Allgemeinheit geschlossen.

Die Partei wollte, dass maximal zehn Prozent der "Volksgenossen" bei ihr mitmachten. Dieses Ziel wurde erreicht bzw. leicht übertroffen. 10,2 Millionen Menschen waren zwischen der Wiedergründung der Partei 1925 und dem Kriegsende in die NSDAP eingetreten, 760 000 wieder ausgetreten, 80 000 wurden ausgeschlossen, etwa 520 000 starben bis Mai 1945. Bezogen auf die Einwohnerzahl waren das also gut zehn Prozent, bezogen auf die Wahlberechtigten etwa 15 Prozent.

Die Analyse basiert auf einer Stichprobe von 50 000 Datensätzen aus den Archiven, laut Falter der umfangreichste Datensatz zur NSDAP weltweit. Durch einen großen Zufall sind nämlich etwa 90 Prozent der Daten aller je aufgenommenen Mitglieder entweder in der Reichs- oder der Gaukartei erhalten geblieben.

Aus dieser Stichprobe werden dann nach komplexen statistischen Verfahren Aussagen über Demografie und soziale Trägerschichten hochgerechnet. Hier liegt die große Leistung dieses Buches - es zeigt, wie lohnend jahrelange, systematische Kärrnerarbeit in Archiven sein kann.

Jürgen W. Falter: Hitlers Parteigenossen. Die Mitglieder der NSDAP 1919-1945. Campus-Verlag, Frankfurt 2020. 584 Seiten, 45 Euro. (erscheint am Mittwoch, 24. Juni)

Falter betont, sein Buch sei für ein breiteres Publikum verfasst worden. Die Lektüre allerdings ist anstrengend. Man bewegt sich in der Welt von "zufallsgesteuerten Stichproben", Brutto- und Nettomitgliedszahlen, von Spalten- und Zeilenprozent und Fehlertoleranzen.

Man müsste oft Mathematiker oder Statistiker sein, um die Berechnungen nachvollziehen zu können - doch man darf wohl getrost davon ausgehen, dass mehr als 40 Jahre der Beschäftigung mit der Materie den Verfasser zum wahren Experten haben werden lassen.

Wer die Anstrengung auf sich nimmt, wird reich belohnt - mit zahllosen bisher teils unbekannten Details; viele Befunde früherer Forschungen werden aber auch auf nun breiterer Quellenbasis bestätigt. Leider wird der historische Kontext weitgehend vorausgesetzt, die Dramatik der Errichtung einer Diktatur bis hin zur totalen Niederlage im Zweiten Weltkrieg wird an keiner Stelle greifbar - auch weil das Buch (bewusst) kaum von Menschen handelt, sondern vornehmlich von Zahlen.

Falter gleicht wie in "Hitlers Wähler" - das im Herbst bei Campus neu aufgelegt wird - seine Daten mit den gängigen soziologischen Theorien ("Panik des Mittelstands", "Extremismus der Mitte") ab und kommt zu dem Schluss, dass zu jeweils bestimmten Phasen jeweils bestimmte Theorien besser passen, aber nie für die komplette Zeit.

Bei der lange umstrittenen Frage "Mittelschichtspartei" oder "Volkspartei" rückt der Autor von seiner jahrelang vertretenen - und bereits vorher von Historikern bezweifelten - Volksparteithese ein wenig ab und spricht nun aufgrund seiner neuen Daten von einer "Zwei-Generationenbewegung mit Volksparteicharakter".

NSDAP-Mitgliedschaft heterogen zusammengesetzt

Vielversprechend sind die Versuche, die Motive der Parteigenossen zum Parteieintritt aufzudecken. Hier werden nicht sehr zahlreich vorliegende Antworten während der NS-Zeit mit den Aussagen in den Spruchkammerverfahren verglichen.

Erwartungsgemäß unterscheiden sich die Motive nach 1945 stark von denen davor. Plötzlich war nach dem Krieg nämlich von Antisemitismus, Nationalismus und Revisionismus keine Rede mehr, sondern nur noch von fehlgeleitetem Idealismus.

NSDAP-Antrag von Filbinger

Jeder musste seine Aufnahme in die NSDAP eigenhändig beantragen. Hier der Antrag von Hans Filbinger, nach 1945 CDU-Politiker und Ministerpräsident von Baden-Württemberg.

(Foto: dpa)

Keine Aussagen lassen die Karteikarten offenbar über das Heer der haupt- und ehrenamtlichen "Politischen Leiter" zu, das das Rückgrat der Hitler-Diktatur bildete. Hierüber müsste man aber reflektieren, wenn sich Falter am Schluss auf wenigen Seiten Gedanken über die spezielle Schuld von "Parteigenossen" macht.

Seiner Meinung nach stellten "Mitläufer und ,Laue' ohne Zweifel die große Mehrheit der NSDAP-Mitglieder", ein Nachweis darüber lässt sich natürlich kaum führen. Ob das ausreicht, wie Falter nicht jedes opportunistische Motiv zum Parteieintritt gleich verwerflich zu finden, lässt sich sicher auch anders bewerten.

Es ist eine bizarre Welt der "Alten Garde", der "Alten Kämpfer", der "Märzgefallenen", der "Illegalen" (in Österreich) und der "Novemberlinge" (im Sudetenland), die hier vermessen wird. Das neu aufbereitete Datenmaterial zeigt, wie heterogen die NSDAP-Mitgliedschaft zusammengesetzt war und dass sie sich einfachen Deutungsmustern widersetzt.

Wer "Parteigenosse" war, dürfte nun geklärt sein. Was diese Nazis mit Parteinummer im privaten, beruflichen und sozialen Umfeld taten, verraten die Zahlen nicht.

© SZ vom 22.06.2020
Erwin Lahousen bei einer Aussage während des Prozesses in Nürnberg, 1945

SZ Plus
Kronzeuge bei Nürnberger Prozessen
:"Ich muss für die sprechen, die sie ermordet haben"

Der Österreicher Erwin von Lahousen vom Geheimdienst der Wehrmacht ist derjenige, der die Nazi-Größen bei den Nürnberger Prozessen schwer belastet - Hermann Göring kann seine Wut kaum zügeln.

Von Paul Munzinger und Oliver Das Gupta

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite