Kronzeuge bei Nürnberger Prozessen "Ich muss für die sprechen, die sie ermordet haben"

Beim Hauptkriegsverbrecherprozess in Nürnberg Lahousen schon ein gebrochener, kranker Mann, der nur mit Mühe zu einer Aussage bewegt werden konnte.

(Foto: SZ Photo)

Erwin von Lahousen vom Geheimdienst der Wehrmacht ist der Kronzeuge, der die Nazi-Größen bei den Nürnberger Prozessen schwer belastet - Hermann Göring kann seine Wut kaum zügeln.

Von Paul Munzinger und Oliver Das Gupta

Es ist der Morgen des 30. November 1945, der neunte Tag des Nürnberger Prozesses gegen die Hauptkriegsverbrecher. An das Rednerpult in Saal 600 des Justizpalastes tritt Oberst John Harlan Amen, Anklagevertreter der Vereinigten Staaten: "Hoher Gerichtshof!", ruft Amen. "Ich rufe heute als ersten Zeugen der Anklage Generalmajor Erwin Lahousen."

Die Männer auf der Anklagebank trifft dieser Name wie ein Stromschlag. Besonders den Angeklagten Nummer eins, der in den kümmerlichen Resten einer Gala-Uniform ganz links sitzt. Hermann Göring habe vor Wut gekocht, notierte der Gefängnispsychologe Gustave Gilbert über das anschließende Mittagessen. "Dieser Verräter!", habe er geschrien und, mit Blick auf den Rachefeldzug des NS-Regimes nach dem missglückten Hitler-Attentat Stauffenbergs, hinzugefügt: "Den haben wir am 20. Juli vergessen."

Göring und den übrigen Angeklagten wird in Nürnberg ein Prozess gemacht, wie es ihn noch nicht gegeben hat. Sie müssen sich verantworten für die Entfesselung eines Krieges, der alles bis dahin Gekannte an Grausamkeit übertrifft, der Millionen Zivilisten vernichtet und einen Kontinent verwüstet hat. Was die Männer auf der Anklagebank bis zu diesem Tag nicht wissen: wen die Siegermächte als Kronzeugen aufrufen werden.

Auch die Zeugen sind Kriegsgefangene. Ihre Namen bleiben zunächst geheim, untergebracht sind sie in einer abgeschotteten Nürnberger Villa. Ihre Sicherheit sei von größter Bedeutung, erklärt US-Chefankläger Robert H. Jackson, "da wir diesen Prozeß geradezu in der Hochburg des Nazitums durchführen". Erst am Abend des 29. November teilt man der Presse mit, dass am nächsten Tag ein gewisser Herr Lahousen aussagen würde. Den Reportern sagt der Name nichts. Die Angeklagten wissen dagegen genau, wen sie da vor sich haben. Und sie wissen, was Lahousen weiß. "Vom Standpunkt der Anklagevertretung aus gesehen", erinnert sich Jacksons Assistent Telford Taylor später, "war der Zeuge Lahousen ein Volltreffer."

Ein "wandelndes Skelett" im Zeugenstandt

Erwin Heinrich René Lahousen Edler von Vivremont wird 1897 in Wien geboren, österreichischer Verdienstadel, Berufssoldat in der achten Generation. Im Ersten Weltkrieg wird er mehrmals verwundet, verliert einen Lungenflügel. Die Uniform trägt er trotzdem weiter, auch im Zweiten Weltkrieg. Es gibt ein Foto von 1944, das Lahousen in Wehrmachtsuniform zeigt, stolz und selbstsicher. Er ist "ein Riese, der in der Tür den Kopf einziehen musste", erinnert sich sein Großneffe Manfred.

Mit diesem Offizier hat der Mann, der in Nürnberg in den Zeugenstand tritt, kaum noch etwas gemein. Der dunkle Anzug schlottert um seinen Körper, die Wangen sind eingefallen, der Kopf ist kahl und kantig. In der Gefangenschaft soll Lahousen verprügelt worden sein, auch die zugige Unterkunft, Krankheiten und die schlechte Ernährung haben ihm zugesetzt. Dem Anklagevertreter Taylor kommt der Österreicher wie ein "wandelndes Skelett" vor. Im Zeugenstand darf Lahousen sitzen, seines schwachen Herzens wegen. Manchmal versteckt er seine Augen hinter einer Sonnenbrille. Von dem ersten Zeugen der Anklage, schreibt sein Biograf Harry Carl Schaub, geht ein "Gefühl von Traurigkeit" aus.

Nach dem "Anschluss" Österreichs im März 1938 hatte Admiral Wilhelm Canaris, schillerndste Figur des deutschen Widerstands gegen Hitler, Lahousen vom österreichischen Nachrichtendienst in die Abwehr geholt, den Geheimdienst der Wehrmacht. Die Abwehr war zu diesem Zeitpunkt zu einem "Verschwörernest" geworden (so schimpft der Angeklagte Generaloberst Alfred Jodl in Nürnberg), und Canaris bemühte sich offenbar genau aus diesem Grund um Lahousen. Er habe seine innere Einstellung offenbart, sagt der Österreicher in Nürnberg. Lahousen wurde zu einem der engsten Vertrauten von Canaris. Wie dieser war er während des Krieges in doppelter Mission tätig: Am Tag entwarfen sie Strategien, die Hitlers Reich zum Sieg verhelfen sollten. In der Nacht planten sie dessen Untergang. Canaris bezahlte dafür mit seinem Leben, so wie die gesamte Führungsebene der Abwehr. Bis auf Erwin von Lahousen.

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"Der Einzige, der übrig geblieben ist"

Nach dem 20. Juli 1944 blieb Lahousen verschont, vielleicht, weil er im Lazarett lag. Am Tag vorher war er schwer verwundet worden. In seiner Familie erzählt man, dass die NS-Häscher nach einem "Lahusen" gefahndet hätten - demnach rettete ein fehlendes o den Österreicher. Auf jeden Fall wurde Erwin von Lahousen übersehen, und zwar so gründlich, dass man ihn kurz vor Kriegsende noch zum Generalmajor beförderte. In Nürnberg wird der letzte Überlebende zum ersten Zeugen. "Ich muss einfach für die sprechen, die sie ermordet haben", sagt Lahousen. "Ich bin der Einzige, der übrig geblieben ist."

Welche Rolle Lahousen tatsächlich im Widerstand spielte, ist nicht vollständig geklärt; er ist wohl zum erweiterten Kreis zu zählen. Annette Weinke von der Universität Jena hält ihn für einen "typischen Vertreter des konservativen, aristokratisch-militärischen Widerstands, dessen Gegnerschaft zum Dritten Reich das Ergebnis eines längeren, oftmals widersprüchlichen Entwicklungsprozesses war, der sich durch zahlreiche Brüche und Kompromisse auszeichnete". Seine Teilnahme an der Verschwörung gegen Hitler einerseits und die militärische Auszeichnung für die Bewährung im "Abwehrkampf" gegen den Bolschewismus andererseits seien "als Ausdruck einer Haltung zu sehen, die gegenüber dem Nationalsozialismus bis zum Schluss gespalten blieb".

Dasselbe könnte man auch über Admiral Canaris sagen, dessen Rolle widersprüchlich war. Einerseits halfen auch Teile seiner Abwehr, Menschen massenhaft zu ermorden. Andererseits protestierte Canaris gegen die Kriegsverbrechen, verhalf Juden zur Flucht und suchte schon vor dem Zweiten Weltkrieg nach Wegen, Hitlers Regime zu stürzen. Die Putsch-Überlegungen, die er in seinem Tagebuch notiert hat, wurden Canaris zum Verhängnis.

Lahousens Widerstand lässt sich wohl nur in Abhängigkeit zu seinem Chef verstehen. Kaum ein Wort verliert er über seine Motive für die Ablehnung der Diktatur, dafür umso mehr über die innere Haltung Canaris', die seiner eigenen glich. Lahousen sprach davon, wie intellektuell sein Chef war, dass er Gewalt verabscheut habe. Den Kreis um Canaris, zu dem er sich selbst zählte, beschrieb Lahousen als "geistige Organisation von gleichgesinnten Leuten, von Leuten, die sehend und wissend waren". Womöglich war Lahousen selbst 1943 an einem misslungenen Attentat auf Hitler beteiligt.

12 Todesurteile

Nach einem neunmonatigen Prozess wurden am 30. September und am 1. Oktober in Nürnberg die Urteile im Hauptkriegsverbrecherprozess verlesen. Zwölf Angeklagte erhielten die Todesstrafe: Martin Bormann (in Abwesenheit), Hans Frank, Wilhelm Frick, Hermann Göring (der daraufhin Selbstmord verübte), Alfred Jodl, Ernst Kaltenbrunner, Wilhelm Keitel, Joachim von Ribbentrop, Alfred Rosenberg, Fritz Sauckel, Arthur Seys-Inquart und Julius Streicher. Drei Angeklagte wurden zu lebenslanger Haft verurteilt, vier zu langen Gefängnisstrafen.