Historikertreffen im Schloss Bellevue:Wie Europa den Ersten Weltkrieg sieht

Lesezeit: 5 min

Historikertreffen im Schloss Bellevue: Deutsche Soldaten helfen einem verwundeten kanadischen Soldaten während der Kämpfe bei Vimy in Belgien 1917.

Deutsche Soldaten helfen einem verwundeten kanadischen Soldaten während der Kämpfe bei Vimy in Belgien 1917.

(Foto: AP)

Historiker aus aller Welt, von Bundespräsident Gauck ins Schloss Bellevue eingeladen, lassen die unterschiedlichen Sichtweisen der Nationen auf den Ersten Weltkrieg lebendig werden. Was lernen wir? Aus jeder Wendung der Geschichte lässt sich fast jede Lehre ziehen.

Von Kurt Kister, Berlin

Das Schloss Bellevue ist kein schlechter Ort, um gesittet über Grundfragen des Seienden und noch besser über solche des Gewesenen nachzusinnen. Der Amtssitz des Bundespräsidenten ist voller in ihrer Mehrheit pastellfarbener Teppiche, und die vielen zum steten Durchschreiten geeigneten Zimmer sind im zurückhaltenden Stil der gebildeten Teile des preußischen Adels möbliert. Wenn es hier spukte, kämen keine Geister in Kürassierstiefeln, sondern durchsichtige Schatten anämischer Prinzgemahlinnen.

Am Tag vor dem hundertsten Jubiläum der Morde von Sarajewo hatte Bundespräsident Joachim Gauck eine saalfüllende Anzahl von Historikern und anderen irgendwie interessierten Menschen ins Bellevue einladen lassen. Die sollten sich einerseits unter dem Motto "Europa erzählt vom Ersten Weltkrieg" der als Frage formulierten Feststellung "Geteilte Erinnerungen, gemeinsame Erfahrungen?" widmen. Andererseits konnte auch der Bundespräsident - vielleicht gerade dieser nicht - nicht umhin, eine weitere Frage zur gemeinsamen Bearbeitung zu stellen: "Hat Europa vom Ersten Weltkrieg gelernt?"

Jeder Mensch, der sich für Geschichte mehr als für Fußball interessiert, ist eigentlich der Frage nach den Lehren der Geschichte etwas überdrüssig. Zum einen lässt sich aus nahezu jedem geschichtlichen Prozess je nach Standpunkt und Interpretationswillen des Betrachters fast jede Lehre ziehen. Zum anderen benutzten Politiker und Politikerähnliche die Geschichte stets und mit Lust als Magd der Politik.

Kein Wunder also, dass bei der nachmittäglichen Podiumsdiskussion Christopher Clark, der in Deutschland unversehens zum Bestsellerautor gewordene Australier, anmerkte, dass "die Vergangenheit (oft nur) als Spiegelbild unserer selbst" verstanden werde. "Die Geschichte schenkt uns keine Lehren", meinte Clark - jedenfalls nicht im Sinne von Handlungsanweisungen.

Karl Schlögel, der Osteuropa-Kenner und Großessayist, zeigte sich gar irritiert über die gegenwärtige Form des Interesses an 14/18. "Sind wir gefangen in den Zyklen der Erinnerung", fragte Schlögel, handele es sich bei dem Jubiläumsgetöse gar um eine Flucht vor der Gegenwart? Man kann verstehen, dass Menschen, die sich lange nicht unbeachtet, aber auch nicht direkt im Zentrum des allgemeinen Interesses stehend mit einem bestimmten Sujet beschäftigten, angesichts einer plötzlichen Aufmerksamkeitswelle skeptisch werden.

Der Bundespräsident war von dieser Art Skepsis wenig angekränkelt. Er hatte sich vorgenommen, zur fortgeschrittenen Mittagsstunde eine nicht ganz grundsätzliche Grundsatzrede zum Weltkrieg gestern und heute zu halten. Dies gelang ihm, auch wenn er, wie Joachim Gauck dies gerne tut, seine eigenen Lebensthemen durch jene Prismen betrachtete, die für den jeweiligen Anlass geboten sind.

Den Weg zu Freiheit und Demokratie beschrieb er als den Kampf gegen die "Erlösungsideologien" des völkischen Nationalismus und des Kommunismus, die sich in der Folge der "Urkatastrophe" des Weltkriegs ausgebreitet hätten (der Präsident liebt starke, manchmal etwas zu bekannte Bilder).

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB