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Gregor Gysi:Dompteur im Flohzirkus tritt ab

Die Linke - Bundesparteitag

Gregor Gysi nimmt auf dem Parteitag im Juni den Applaus der Delegierten entgegen.

(Foto: dpa)
  • Gregor Gysi tritt nicht mehr als Fraktionschef der Linkspartei im Bundestag an - er übergibt an Sahra Wagenknecht und Dietmar Bartsch.
  • Gysi bleibt im Bundestag, er will nun seine Autobiografie schreiben und außenpolitisch tätig sein.
  • Wagenknecht und Bartsch haben einige Gegner, auch in der Partei, und es wird sich zeigen müssen, ob sie erfolgreich wie Gysi die Fraktion führen werden.

Doch, es dürfte auch jenseits der Linkspartei Leute geben im Bundestag, die es bedauern, wenn auch heimlich, dass Gregor Gysi sich in die zweite Reihe zurückzieht. Am Dienstag wird die schnellste Kodderschnauze des Parlaments sein Amt Jüngeren überlassen, wie er das gern ausdrückt. Gysi tritt nicht mehr als Fraktionschef an, und zu seiner Nachfolge werden Sahra Wagenknecht und Dietmar Bartsch bestellt.

Die ganz linke Finanzexpertin und der machtorientierte Reformer waren sich politisch über Jahre spinnefeind und dürften alle Hände voll zu tun haben, sich als Dompteure im Flohzirkus Linksfraktion durchzusetzen. Nebenbei aber müssen sie noch einen anderen im Zaum halten. Gregor Gysi, der geht weg von der Spitze, aber bleibt in der Fraktion.

Gysi will seine Autobiografie schreiben und außenpolitisch tätig sein

Der 67-jährige, der seit 1990 mit Unterbrechung im Bundestag sitzt, es dort zum dienstältesten Fraktionschef gebracht hat und in seiner Partei zum Kopf und Integrator, wird zwar den Fraktionsvorsitz, nicht aber sein Mandat im Bundestag aufgeben. Anders etwa als Matthias Platzeck, der als Brandenburger Ministerpräsident zurücktrat, eigentlich im Landtag bleiben wollte, sich dann aber gegen eine Existenz als lebendes Denkmal in der Fraktion entschied, will Gysi vorerst im Parlament ausharren.

Klausurtagung Linke

"Sie müssen lernen zu integrieren". Solche Sätze sagt Gregor Gysi über seine beiden Nachfolger Sahra Wagenknecht und Dietmar Bartsch.

(Foto: Hannibal Hanschke/dpa)

Er werde noch sehen, ob er erneut für den Bundestag kandidiere, sagte er. Gysi glaubt zwar nicht, dass es 2017 zu einer rot-rot-grünen Regierung kommt. Aber wenn doch? Dann wäre er zumindest noch nicht ganz aus dem Tritt.

Ein typischer Gysi ist diese Entscheidung, ein dialektisches Ja-Aber und Sowohl-als-auch. Bei einer Art Abschiedsfrühstück vor Journalisten versicherte der scheidende Faktionschef kürzlich, er freue sich wie verrückt auf die Zeit nach seiner großen Zeit. Ab jetzt wolle er nur noch "ein bisschen außenpolitisch tätig" sein, eine Autobiografie schreiben und in der Fraktion "natürlich auch hin und wieder mit abstimmen". Seinen Nachfolgern reinzureden plane er nicht: "Ich will nicht von hinten heimlich weiterleiten."

Wer Gysi ein wenig kennt, weiß allerdings auch: Wenn es Süchtige gibt im politischen Geschäft, dann ist er einer von ihnen. Das ist nicht erst seit Dezember 1989 so, als die SED den damals 41 Jahre alten Rechtsanwalt zum Nachlassverwalter und Parteichef der SED-PDS bestellte. Auf Gysi war politisch Verlass, auch weil er immer ein Gefangener geblieben ist, wenn man so will: ein begabter und privilegierter Sohn der DDR-Aristokratie, der sich nie aus dem großen Schatten seiner kommunistischen Eltern hat lösen können oder wollen und die verlorene Ehre des Sozialismus über die neue Zeit zu retten suchte.

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