bedeckt München 26°

Geschichte der Segelschiffe:Als die deutsche Pamir im Atlantik versank, war die große Zeit der Windjammer endgültig vorüber

Doch so leicht gaben sich die Anhänger der Segelschifffahrt nicht geschlagen. Sie sahen ihr Heil in der fortgesetzten zivilen Nutzung, für den schnellen Transport von Waren in einer ökonomisch bereits zusammenwachsenden Welt. Flugzeuge gab es noch nicht.

... oder auf Schallplatten mit Seemannsschlagern.

So wie ein Jahrhundert später Nostalgiker die Ansicht vertraten, das Internet werde eine Episode bleiben oder bestenfalls ein zweitrangiges Hilfsmittel für die analoge Welt, so bezweifelten Nautiker noch lange, dass das Segelschiff von gestern sei. Sie beruhigten sich mit Sprüchen: "Als die Schiffe noch aus Holz waren, waren die Seeleute aus Eisen."

Die Gorch Fock, erst 1958 vom Stapel gelaufen, ist dabei ein Nachzügler. Ihresgleichen entstammt eigentlich dem späten 19. Jahrhundert; die schlanken, schnellen Schiffe waren nicht nur die schönsten, die je gebaut wurden, sondern auch das letzte Aufgebot der alten Seefahrt, um der dampfbetriebenen Konkurrenz im wahrsten Sinne des Wortes davonzusegeln.

On Cutty Sark

Ein Foto der englischen Cutty Sark aus dem Jahr 1938.

(Foto: Getty Images)

Auf die schnellen, zunächst noch aus Holz gebauten Klipper folgten die Windjammer. Woher das Wort kommt, darüber scheiden sich Geister. Es ist auch im Englischen gebräuchlich, bedeutet hier aber eher "Windpresser". So sollen die Matrosen der neuen Dampfschiffe spöttisch die großen Segler genannt haben.

Aber sie hatten noch einmal eine große Zeit. Ihr Rumpf bestand schon überwiegend nicht mehr aus Holz, sondern aus Stahl. Fast 2000 solcher Schiffe, Drei-, Vier- und sogar Fünfmaster wurden damals gebaut mit dem Ziel, Fracht so schnell auf Langstrecken um den Globus zu bringen, wie es den vom Wind unabhängigen Dampfern wegen der Kohleversorgung kaum möglich war.

Eine Weile lang schien das sogar zu funktionieren. "The Flying-P-Liner" der Hamburger Reederei F. Laeisz stellten immer neue Geschwindigkeitsrekorde auf. Manche Segler lieferten sich tagelange Rennen, bei denen es auf jedes Detail des Segelsetzens und des seemännischen Könnens ankam.

So durchsauste die deutsche Fünfmastbark Potosi 1904 das Meer von Chile bis nach England in nur 57 Tagen, wobei die Reise um die Spitze Südamerikas herumführte: Windjammer, die sich durch die gefürchteten Stürme des Kap Hoorns kämpfen, waren ein beliebtes Motiv für Ölgemälde.

Unter einem Bild seines Schiffes wurde der berühmteste deutsche Windjammer-Kapitän bestattet, Robert Hilgendorf, ein Mann mit großem weißen Schnäuzer und noch größerem Selbstbewusstsein, wegen seines Wagemuts "Düwel von Hamborch" genannt, der Teufel von Hamburg. Über ihn hieß es: "Er nutzte den Wind. Er nutzte alle Winde."

Manche Windjammer waren noch nach dem Zweiten Weltkrieg in Betrieb, bereits umweht von einer kräftigen Nostalgie, so als verkörperten die eleganten Schiffe eine Art unschuldige, von den Schrecken des U-Boot-Krieges und der Flugzeugträgerschlachten unberührte Zeit.

Ökonomisch lohnten sich die Frachtfahrten kaum noch; als die mit Gerste beladene deutsche Pamir 1957 auf dem Atlantik in einen Hurrikan geriet und mit 86 Besatzungsmitgliedern (von denen sechs überlebten) sank, war die Zeit der Windjammer abgelaufen.

Ob die in der Werft liegende Gorch Fock jemals wieder auf große Fahrt geht, wie es sich viele in der Deutschen Marine wünschen? Das wird von den Kosten abhängen. In den Marinen vieler Länder gelten solche Windjammer als Schaustücke zur Selbstdarstellung. Aber ihre Hauptaufgabe ist das eigentlich nicht.

Die angehenden Marineoffiziere, die Seekadetten, sind auf den grauen, mit Hochtechnologie ausgerüsteten Kriegsschiffen der Gegenwart Spezialisten für alles Mögliche: digital gestützte Navigation, komplexe Waffensysteme, Raketentechnik. Auf den Windjammer aber sollen sie das traditionelle Handwerk des Seemanns lernen, in allen Details einschließlich des schwindelerregenden Aufstiegs in den Wanten. "Im Herzen ist doch jeder Kamerad ... wir segeln nach guter alter Art", heißt es im Gorch-Fock-Lied. Die Skandale rund um das Schiff haben diesem hehren Anspruch schwerlich genutzt.

Die Virginia übrigens durfte 1862 ihren Sieg über die US Navy nur wenige Stunden auskosten. Gerade noch rechtzeitig beorderte Washington das einzige eigene Panzerschiff, die USS Monitor, zur Rettung der Flotte bei Hampton Roads.

Als die Virginia morgens erneut auslief, um den Segelschiffen der Union den Rest zu geben, erschien die Monitor einem Spiegelbild gleich auf ihrem Kurs. Ein Matrose der Monitor schrieb über die Reaktion auf der Virginia nachher: "Ein Schiff kann tatsächlich genauso verblüfft aussehen wie ein Mensch."

Die beiden Stahlungeheuer beschossen sich stundenlang, keines war wirklich verwundbar. Das Duell endete in einem Patt, die Flotte des Nordens war gerettet. Ein paar Wochen später strandete die Virginia und wurde von der Rebellenarmee gesprengt. Sie hatte Geschichte geschrieben, im Dienst einer schlechten Sache, mit der es bald ebenfalls zu Ende gehen sollte.

Geschichte Geisterschiff voraus!

Mythen

Geisterschiff voraus!

Der fliegende Holländer, der dazu verdammt ist auf alle Ewigkeit über die Meere zu segeln, ist eine Legende. Doch für den Mythos gibt es reale Vorbilder.   Von Josef Schnelle