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Bundestagswahl 2017:Was FDP und Grüne verbindet

Haben mehr gemeinsam, als sie zugeben: FDP und Grüne

(Foto: dpa)

Bisher schließen die kleinen Parteien eine Zusammenarbeit kategorisch aus. Dabei haben sie mehr gemeinsam, als ihnen lieb ist.

Kleine Treffen, große Treffen, geheime Treffen - weil im nächsten Jahr eine Bundestagswahl ansteht, herrscht in Berlin die Trefferitis. Mal sind es Vertreter der Linken, der Grünen und der Sozialdemokraten, die Gemeinsames suchen und ihre Nähe teilweise festlich zelebrieren. Dann wieder kommen, nicht ganz so laut, Politiker der CDU und der Grünen zusammen, um Verbindungen zwischen den Konservativen und den Öko-Alternativen auszuloten. Doch so nützlich das sein kann in Zeiten, in denen niemand weiß, wie die Wahlen in einem Dreivierteljahr ausgehen - ausgerechnet die spannendste, weil vielleicht wichtigste Kooperation wird bislang nicht geprüft, nicht erfragt, nicht mal angedacht: die zwischen Grünen und Freien Demokraten.

Wie bitte? Die Trittins und Brüderles? Claudia Roth und Hermann Otto Solms? Zugegeben, das ist in der Vergangenheit sozialpolitisch, kulturell und menschlich undenkbar gewesen. Doch wenn stimmt, was auch unter Grünen und Liberalen viele Politiker vorhersagen, ja fürchten, dann müsste die in Jahrzehnten gewachsene Gegnerschaft wanken. Die Kontrahenten müssten umdenken, wenn sie ihr Reden ernst meinen. Sollte in Zeiten von Donald Trump, Recep Tayyip Erdoğan und Wladimir Putin, in Zeiten von Front National und Alternative für Deutschland der Kampf um Freiheit, Liberalität und Demokratie ins Zentrum der politischen Auseinandersetzung rücken, dann könnten sich Grüne und FDP zu einer zentralen Kraft verbinden.

Die kleinen Parteien haben mehr gemeinsam, als sie zugeben

In keinem anderen Thema sind sich die Parteien so nah; nirgendwo gibt es eine größere Schnittmenge: Bei der Verteidigung von Menschenrechten, Minderheiten, Gleichberechtigung und demokratischen Prinzipien kann ein Bündnis zwischen Grünen und FDP über den nächsten Kanzler entscheiden - und Geschichte schreiben. Beiden würde das eine kleine Revolution abverlangen.

Über Jahrzehnte waren die Grünen die Hauptfeinde der Liberalen. Zu besserwisserisch, zu bürokratisch, zu wirtschaftsfeindlich - das waren die Etiketten, mit denen die Westerwelles, Brüderles, Röslers über die Grünen herzogen. Es war ein bequemes Feindbild, vor allem für die eigenen Leute. Wenn nichts mehr ging, dann ging wenigstens die Attacke auf Jürgen Trittin und die Seinen.

Bei den Grünen ist das nicht anders gewesen. Zu spießig, zu hartherzig, zu wirtschaftsnah - das waren die Überschriften, mit denen sie die FDP bekämpften. Doch vieles spricht dafür, dass die nächste Wahl wichtiger werden könnte als viele vor ihr. Das kann schnell dazu führen, dass Feindbilder obsolet werden, weil sie den Blick auf wirklich Wichtiges verstellen.

Die Grünen stecken stärker fest im alten Denken

Für beide Parteien wird das bedeuten, zum ersten Mal nicht nur über das Trennende, sondern das Verbindende nachzudenken. Im Fall von FDP-Chef Christian Lindner erscheint das möglich; die umfassende Niederlage 2013 hat ihn freier gemacht gegenüber alten Reflexen und näher an Sozialliberale wie Gerhart Baum heranrücken lassen.

Die Grünen dagegen stecken stärker fest im alten Denken. Bis heute sind sie mehr mit sich als mit den Problemen der Zukunft beschäftigt. Die Reaktion auf die Wahl Trumps spricht Bände. Es ist den meisten leichtgefallen, den Wahlkampf als falsch, eklig und unanständig zu geißeln. Es ist viel schwerer, sich im Kampf gegen den wachsenden Autoritatismus um Partner und Mehrheiten zu bemühen. Bei den Grünen hat diese Anstrengung noch nicht mal begonnen.

Versuchen es FDP und Grüne trotzdem? Die Antwort ist offen. Aber es wird über beide Parteien viel aussagen, ob sie sich öffnen können oder doch in den alten Gräben verharren. Die meisten Menschen haben ein feines Gespür dafür, ob eine Partei verstanden hat, was auf dem Spiel steht.