Gedenken:Das Mahnmal, die Bahn und die Bagger

Mahnmal für NS-Völkermord an Sinti und Roma

Im Berliner Tiergarten nahe des Reichstagsgebäudes liegt die Gedenkstätte für die in der Nazi-Zeit ermordeten Sinti und Roma.

(Foto: Michael Kappeler/dpa)

Unter dem Berliner Tiergarten soll eine neuen S-Bahn-Strecke entstehen - und der Bau dabei auch das Denkmal für die von den Nazis ermordeten Sinti und Roma tangieren. Gegner des Projekts befürchten einen "nie mehr wiedergutzumachenden Schaden".

Von Jan Heidtmann, Berlin

Sinti und Roma wehren sich gegen eine mögliche Beschädigung eines Mahnmals im Berliner Tiergarten, das an ihre von den Nazis ermordeten Angehörigen erinnert. Ein Bauvorhaben der Deutschen Bahn würde die "Erinnerungskultur dauerhaft beschädigen", schreibt das Aktionsbündnis "Unser Denkmal ist unantastbar!" in einem offenen Brief, der von zahlreichen Politikern unterstützt wird. Adressaten sind unter anderem Vorstand und Aufsichtsrat der Bahn. Das Mahnmal für die während der Nazizeit ermordeten Sinti und Roma würde durch den Bau "einen nie mehr wiedergutzumachenden Schaden erleiden", schreiben die Autoren. Den "Überlebenden des Völkermords und ihren Nachkommen würde unheilbarer Schmerz zugefügt und das Vertrauen in die Erinnerungskultur der Bundesrepublik genommen".

Hintergrund sind Pläne für eine S-Bahnstrecke, die zum Teil durch das Regierungsviertel in Berlin führt. Das Mahnmal liegt am Rande des Tiergartens, etwa zwischen dem Brandenburger Tor und dem Reichstagsgebäude. Der Untergrund in diesem Bereich ist jedoch bereits durch Zug- und U-Bahn-Strecken stark untertunnelt, so dass kaum Spielraum für eine Trassenführung jenseits des Denkmals besteht. Die Vertretung der Sinti und Roma kritisiert aber vor allem eine Ungleichbehandlung ihres Gedenkortes, da weder der Reichstag oder das Denkmal für die ermordeten Juden Europas noch die US-Botschaft von dem Bauvorhaben betroffen sein sollen. Alle Orte liegen in unmittelbarer Nähe.

Das Mahnmal erinnert seit neun Jahren an die etwa 500 000 von den Nazis ermordeten Sinti und Roma; um den Bau mussten ihre Vertreter Jahrzehnte kämpfen. Obwohl die neue S-Bahnlinie seit rund 20 Jahren geplant ist, gab es nach Angaben der Vertreter der Sinti und Roma bis Anfang 2020 kein Gespräch mit ihnen darüber. Im vergangenen Sommer gründeten sie daher das Aktionsbündnis "Unser Denkmal ist unantastbar!".

Die Deutsche Bahn hat derzeit drei Strecken für die neue S-Bahn-Linie in Planung. Alle würden das Denkmal tangieren, eine sieht die direkte Untertunnelung des Gedenkortes vor. Berlins Verkehrssenatorin Regine Günther räumte ein, dass der Bau der S-Bahn das Mahnmal "berühren" werde.

© SZ/jbb
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