Gastbeitrag von Norbert Blüm Die Bayern waren das herzlichste Volk beim Empfang der Flüchtlinge

Freilich, der Westen ist nicht der Alleinschuldige am Elend. Die neuen Herrscher haben sich viel von den alten abgeschaut. Die neokolonialen Eliten scheffeln das Geld in die eigene Tasche, leben in Saus und Braus, während ihr Volk darbt. Sie kennen Ausbeutung noch besser als die alten Kolonialherren, die sie abgelöst haben. Korruption wird zum Geschäftsmodell. Doch zur Korruption gehören mindestens zwei: einer, der sich bestechen lässt, und einer, der besticht. Die Bestochenen sitzen in Afrika, die Bestecher im Westen. Die Ausbeuter tragen Firmennamen mit hoher Reputation, topfite und gestylte Manager gelten in der neuen und alten Welt als bewunderte Leitfiguren. Diese Herren sind ausgestattet mit Jahreseinkommen, von denen ganze Dörfer in Afrika leben könnten.

Wer sich nur einen Funken menschlichen Mitleids bewahrt hat, kann über die Flüchtlinge nicht so kaltherzig schwadronieren, wie es in der übergroßen Koalition zwischen altem Stammtisch und neuem rechten Establishment gang und gäbe ist. Wer sich ihre großspurigen Reden anhört, gewinnt den Eindruck, als handele es sich bei den Flüchtlingen um vergnügte "Nassauer", die uns auszunutzen versuchen. Doch wer sich an nordafrikanischen Ufern in die Schlauchboote begibt, muss viel erlitten haben, um das Risiko einzugehen, im Mittelmeer zu ersaufen.

Eine Volkspartei ist etwas anderes als eine "Sammlungsbewegung"

Die CDU, "meine" Partei, war eine originale politische Innovation des Jahres 1945. Es war die Zeit des Zusammenbruchs: Millionen Tote, Millionen Kriegsversehrte, Millionen Frauen, deren Männer aus dem Krieg nicht mehr heimkamen, Millionen Flüchtlinge und Vertriebene, Trampelpfade über Trümmerberge, wo heute wieder Prachtstraßen sind. Ich war damals nur Kind. Wir hatten wenig zu essen, hausten in zerbombten Wohnungen und wussten nicht, wie wir über den Winter 1945/46 kommen sollten.

Und was machten damals die Leute? Sie sind nicht nur auf die Suche nach Überlebensmitteln gegangen, sondern auch nach dem Sinn und Zweck des Lebens. In dieser Zeit wurden die CDU und die CSU gegründet. Sie sind auch aus Heimweh nach christlichen Werten entstanden. Freiheit und Gerechtigkeit sind die Grundlagen der christlichen Soziallehre, die das Fundament der CDU/CSU ist.

Wo, C, bist du geblieben? Mich schreckt der kaltschnäuzige Ton, den die CSU in der Asyldebatte angeschlagen hat. Dabei waren die Bayern das herzlichste Volk beim Empfangen der Flüchtlinge. Die Bayern waren die Vorreiter einer neuen Willkommenskultur, auf die ich stolz war. Mir bleiben die Bilder der hilfsbereiten Menschen in Erinnerung, welche auf den Bahnsteigen und an der Landesgrenze Bayerns die Gestrandeten in die Arme nahmen. Bayern ist seit dieser Zeit für mich nicht nur das Land der Wiesn, der Zugspitze und des Hofbräuhauses, sondern auch das Land barmherziger Gastfreundschaft.

Eine Volkspartei ist etwas anderes als eine "Sammlungsbewegung", der es vor allem auf die Maximierung der Massen ankommt. Und das C im Parteinamen ist kein Besitzanspruch an Wähler, sondern eine Selbstverpflichtung der Partei, ihre Politik an der Botschaft des Christentums zu messen.

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