Gastarbeiter in Katar Größter Kritikpunkt ist das Kafala-System

Fast alles, von dem die zehn Bangladescher berichten, ist nach Katars Gesetzen illegal. Stockbetten sind verboten, pro Person stehen ihnen vier Quadratmeter zu. Noch in ihrer Heimat müssten die Arbeiter eine vom katarischen Arbeitsministerium gestempelte Vertragskopie erhalten - der selbstredend eingehalten werden muss. Vermittlungsgebühren verstoßen gegen das Gesetz, der Arbeitgeber darf Pässe nicht einbehalten. Die Arbeitszeit ist auf 48 Stunden je Woche begrenzt, zehn Stunden, je Tag. Doch selbst wenn Arbeiter wissen, dass ihnen Rechte vorenthalten werden, wagen sie nicht, sich zu beschweren: "If complain canceled next day and go home", erklärt Prakash. Es ist die pure Angst.

Der Arbeitgeber kann unter einem Vorwand den Vertrag beenden - und weil er für ihr Visum bürgt, fliegen die Arbeiter meist binnen Tagen aus dem Land, wenn er sie dem Innenministerium meldet. Dieses "Kafala"-System ist zentraler Kritikpunkt, weil er die Arbeiter dem ohnehin übermächtigen Arbeitgeber ausliefert - ohne seine Zustimmung können sie weder Katar verlassen, noch bessere Arbeit suchen. Ein Teufelskreis. Ein von der Regierung in Auftrag gegebener Bericht der Großkanzlei DLA Piper, erstellt, nachdem der Guardian, die Süddeutsche Zeitung und andere mit Berichten über die Missstände einen internationalen Aufschrei ausgelöst hatten, empfiehlt auch dringend dessen Abschaffung.

Arbeits- und Sozialminister Abdulla al-Khulaifi empfängt im 16. Stock. Er ist gut aufgelegt: Gerade hat das Kabinett zwei seiner Reformvorschläge gebilligt. Katar hat versprochen, die Arbeits- und Lebensbedingungen der Gastarbeiter zu verbessern. Der neue Emir, Tamim bin Hamad al-Thani, hatte die Lage "inakzeptabel" genannt. Er sei "persönlich verletzt von der Dimension des Problems". Seither wartet die Welt auf die für Ende 2014 angekündigten Gesetzesänderungen. Menschenrechtler haben der Regierung vorgeworfen, die Reformen auf die lange Bank zu schieben.

"Katar ist ein kleines Land", sagte der Minister, "aber auch wir müssen den Weg der Gesetzgebung einhalten." Seine Vorlage für einen Schutzmechanismus, der pünktliche, korrekte Lohnzahlungen garantieren soll, "ist fertig zur Unterschrift seiner Hoheit, des Emirs."

Das ist ein weiterer Punkt, über den es massive Beschwerden gibt. Künftig muss das Geld auf ein Konto in Katar oder im Heimatland der Arbeiter gezahlt werden - die Nationalbank soll dem Ministerium die Daten liefern, das sie mit den registrierten Verträgen abgleichen wird. Behält der Arbeitgeber Lohn ein oder zahlt zu spät, fällt das auf. Als "positive Entwicklung", bezeichnet Nicholas McGeehan von Human Rights Watch das vorsichtig. Aber wie anderen Menschenrechtlern gehen ihm die Reformen nicht weit genug.

Sie sehen den Kern eines "korrupten Systems", wie Gewerkschafterin Burrow formuliert, im Kafala-System - die völlige Abhängigkeit der Arbeiter vom Arbeitgeber, die Missbrauch und Ausbeutung Tür und Tor öffnet. Solange die Ausreise-Visa nicht abgeschafft würden und Unbedenklichkeitsbescheinigungen, die für Jobwechsel nötig sind, habe der Chef die Angestellten in der Hand. Denn beide Papiere bekommt der Arbeiter nur mit dessen Zustimmung.

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Zwei bis fünf Jahre an eine Firma gekettet

Auch hier seien Änderungen geplant, erklärt der Minister; die Zuständigkeit liegt jedoch beim Innenressort. Künftig soll das Visum an den Arbeitsvertrag gekoppelt sein, nicht mehr an den Arbeitgeber. Nach Ende der Laufzeit könnten die Arbeiter sich eine andere Beschäftigung in Katar suchen. Doch kettet sie das immer noch für zwei bis fünf Jahre an eine Firma. Menschenrechtler sehen das Grundproblem damit ungelöst. Auch der Bericht von DLA fordert, das Kafala-System abzuschaffen und bis dahin Ausreise-Visa spätestens nach 72 Stunden zu erteilen, wenn nicht der Arbeitgeber schwerwiegende Gründe wie Straftaten geltend macht und auch beweisen kann.

Der Minister zieht eine Rolle mit sechs eng bedruckten DIN-A0-Bögen hervor. "Sehen Sie", ruft er, "die Vorschläge, an denen wir arbeiten, wir erstellen einen Aktionsplan." Manches sind Empfehlungen aus dem Piper-Bericht oder der Qatar Foundation. Die hat auf 160 Seiten eigene Vorgaben entwickelt, die das Supreme Committee, das die Fußball-WM organisiert, für seine Baustellen anwendet. Viele Großfirmen wie Qatar Rail halten sich an die Standards, verpflichten ihre Subunternehmer darauf und überwachen die Einhaltung.

"Wir machen das schon aus eigenem Interesse, denn nur so sind unsere Leute produktiv", sagt QR-Technik-Chef Daniel Leckel, ein Deutscher. Sein Unternehmen beschäftigt 14 000 Arbeiter, es könnten doppelt so viele werden. Das Supreme Committee rechnet in der Hochphase sogar mit 74 000. Die Vorgaben würden auf Basis von Interviews mit Arbeitern weiterentwickelt, erklärt die katarische Juristin Farah al-Muftah, die das Arbeiter-Komitee leitet. Sie hofft natürlich, dass die WM hilft, neue Standards zu setzen.

Menschenrechtler aber fürchten ein Zwei-Klassen-System - die Arbeiter der Stadion-Baustellen werden gut behandelt, während andere, die Straßen, Hotels oder Shoppingmalls errichten, weiter im Elend leben oder in der brutalen Sommerhitze ihre Leben verlieren. Die größten Probleme gibt es laut Amnesty International ohnehin bei den kleinen Subunternehmen mit 50 bis 200 Beschäftigten.

Die alle zu überwachen fällt Katar schwer, es gibt nur 200 Inspektoren. Der Minister erhöht die Zahl derzeit auf 300 und würde gerne weitere 100 anstellen. "Wir erkennen die Probleme", sagt al-Khulaifi. Man arbeite hart daran, betont er und kündigt im selben Atemzug an, fünf neue Siedlungen für je 25 000 Arbeiter zu bauen. "Unsere Taten werden für uns sprechen." Die Katarer haben verstanden, dass sie bis zur Eröffnungsfeier 2022 genau unter Beobachtung stehen, dass die Handball-WM jetzt oder die Titelkämpfe der Leichtathleten 2019 immer wieder Anlass sein werden, nachzusehen, ob sich etwas geändert hat.

Am Ende könnte das kleine Katar vielleicht Vorbild für die großen Nachbarn werden: In Saudi-Arabien oder den Vereinigten Arabischen Emiraten sind die Lebens- und Arbeitsbedingungen Hunderttausender Gastarbeiter keineswegs besser. Nur gibt es dort keine Fußball-WM.