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Cornwall:Endlich wieder harmonische Bilder

2021 G7 Summit - Day Two

Coronakonform Seite an Seite: Bundeskanzlerin Angela Merkel und der britische Ministerpräsident Boris Johnson.

(Foto: Stefan Rousseau/WPA Pool/Getty Images)

Für Angela Merkel war das Treffen in Cornwall der letzte G-7-Gipfel - und der erste seit Langem, bei dem sie keinen Eklat fürchten musste. Das politische Ringen fand diesmal hinter den Kulissen statt.

Von Daniel Brössler, Berlin

Wenn es darum geht, auch bei nur noch schwer zu beeindruckenden Besuchern Eindruck zu hinterlassen, bleibt das Vereinigte Königreich im Vorteil. "Sehr bewegend" sei die Begegnung mit den "drei Generationen der königlichen Familie" gewesen, würdigt Angela Merkel ein royales Abendessen im botanischen Garten "Eden" , zu dem sie - höchst ungewöhnlich - auch ihren Mann Joachim Sauer mitgebracht hat. Man habe es beim G-7-Gipfel "sehr zu schätzen gewusst, dass Her Majesty the Queen" sich so viel Zeit genommen habe. Das Royale ist fester Bestandteil jeder britischen Gipfelausrichtung. Merkel hat das alles schon erlebt. 2009, beim G-20-Gipfel, bat die Queen zum Abendessen in den Buckingham-Palast. Die meisten, die damals dabei waren, sind Geschichte, weshalb im langen politischen Leben der Queen die Kanzlerin so etwas ist wie eine alte Bekannte. Umgekehrt ist sie die einzige in Cornwall, die es in Sachen Amtszeit mit Angela Merkel mühelos aufnehmen kann.

Es ist Merkels letzter G-7-Gipfel und der erste in der jüngeren Vergangenheit, bei dem sie keinen Eklat fürchten muss. "Alle" ist deshalb Merkels Wort dieses Gipfels. Für "alle" sei vollkommen klar gewesen, "dass wir die Pandemie nur überwinden werden, wenn wir nicht nur uns selbst als G7 und unsere Bevölkerung impfen", sondern auch etwas für die ganze Welt täten. "Alle" seien sich einig gewesen, dass die Volkswirtschaften gestärkt werden müssten. "Alle", versichert Merkel, hätten sich verpflichtet "zu einem regelbasierten internationalen und multilateralen Kooperationsmechanismus".

Die Erleichterung darüber, dass es wieder ein "alle" gibt, ist Angela Merkel anzumerken. Unvergessen ist die demütigende Vergeblichkeit des Einredens auf Donald Trump, verewigt auf einem Bild von 2018 aus La Malbaie in Kanada, auf dem der damalige US-Präsident Merkel mit verschränkten Armen auflaufen lässt. Solche Aufnahmen entstehen in Carbis Bay nicht. Es sind Bilder der Harmonie, die von der englischen Atlantikküste um die Welt gehen. Zum ersten Mal seit dessen Amtsübernahme trifft Merkel den neuen US-Präsidenten Joe Biden, der auf seiner Europa-Reise sein neues Bündnis der Demokratien in Aktion treten sehen will.

Von Merkel bekommt Biden nicht das deutliche Signal, das er sich wünscht

Für Merkel resultieren daraus Chancen, aber auch Lasten. Seit ihrem ersten Gipfel in St. Petersburg 2006, damals mit Russland noch im Kreise der G8, ist sie sich treu geblieben in ihrem Versuch, Frontstellungen zu vermeiden. Biden, der von einem "Wendepunkt der Weltgeschichte" spricht, sucht indes den Schulterschluss gegen die autoritären Mächte Russland und vor allem China. Hinter der Kulisse der Harmonie wird darum gerungen, wie scharf der Ton werden soll, der von Carbis Bay aus angestimmt wird.

"Wir kritisieren die Fragen der Menschenrechte in China", sagt Merkel, ob es um die Uiguren in Xinjiang oder "Einschränkung der Freiheiten in Hongkong" gehe. "Auf der anderen Seite sind wir in vielen Fragen auch kooperativ verbunden", steuert sie gleich auch wieder gegen. Das gelte für die Klimapolitik, "Fragen der Biodiversität" und den freien Handel. Einerseits klingt das nicht nach dem eindeutigen Signal, dass Biden sich wünscht, andererseits muss der Amerikaner vermeiden, dass offener Streit das Signal von Cornwall vermasselt. Und so wird aus seiner Delegation brav die "Einmütigkeit" gelobt, "was die Bereitschaft angeht, Menschenrechtsverletzungen und Verstöße gegen fundamentale Freiheiten beim Namen zu nennen".

Fraglos läuft es mit Biden angenehmer für Merkel als mit Trump, aber nicht in jeder Hinsicht einfacher - kann es doch schwerer fallen, sich freundlichem Werben zu entziehen als unflätigen Pöbeleien. Bei Merkels erstem Gespräch mit Biden geht es jedenfalls auch um Nord Stream 2, die deutsch-russische Gaspipeline, die von den USA vehement abgelehnt wird. Wenn Merkel am 15. Juli Biden im Weißen Haus besucht, soll der Streit möglichst beigelegt sein. "Ich denke, wir sind hierbei insoweit auf einem guten Weg, als für uns beide existenziell und unabdingbar ist, dass die Ukraine auch weiterhin ein Transitpartner beim Erdgas sein muss", sagt Merkel.

"Wir können mit neuem Elan an der Lösung der Probleme arbeiten."

Durch die Wahl von Joe Biden sei die Welt ja nicht so, verkündet die Kanzlerin zum Ende des Gipfels, "dass sie keine Probleme mehr hätte, aber wir können mit neuem Elan an der Lösung dieser Probleme arbeiten". In Cornwall, findet Merkel, sei das gelungen. Herausgekommen sei ein "ganz eindeutiges Bekenntnis zu einer regelbasierten, multilateralen Welt". Merkel vollführt hier das kleine Kunststück, Bidens scharfen China-Kurs und ihren Appell für Kooperation als zwei Seiten derselben Medaille zu verkaufen. "Insgesamt", sagt sie, "glauben wir, dass sich Demokratie dann am besten durchsetzt, wenn wir eine regelbasierte multilaterale Kooperation haben, zu der wir alle einladen".

In der Abschlusserklärung geloben die G-7-Staaten "gemeinsame Werte" zu fördern. China fordern sie auf, Menschenrechte und fundamentale Freiheiten zu achten. Auch "über ein kollektives Vorgehen" wollen sie sich absprechen, "um marktwidrige Politik und Praktiken anzufechten". China wollen die G-7-Staaten vor allem mit eigenen Infrastrukturvorhaben etwa in Afrika etwas entgegensetzen. Gut sei es, sagt Merkel, zu zeigen, dass auch die G7 "ein wichtiger und erfolgreicher Faktor bei der Entwicklungsarbeit auf der Welt sind".

Beim nächsten G-7-Gipfel, den 2022 Deutschland ausrichtet, könnten "wir" womöglich schon konkrete Projekte vorstellen, sagt Merkel, was wohl die Gipfelteilnehmer meint. Alte Gewohnheit.

© SZ
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