G-8-Gipfel und die Syrien-Frage Die Großmächtepolitik ist zurückgekehrt

Plötzlich ist also die Großmächtepolitik zurückgekehrt. Der G-8-Gipfel wird zum Austragungsort für ein Duell, wie es die Welt in dieser Konstellation seit den Achtzigerjahren des vorigen Jahrhunderts nicht mehr gesehen hat.

Im Westbalkan hat Russland nach dem Staatszerfall Jugoslawiens allen Einfluss verloren; in Georgien hat sich ein proamerikanischer Stachel in die Flanke gebohrt; in Libyen fühlte sich Putin hintergangen und belogen. Nun inszeniert er mit seinen Mitteln die Rückkehr auf die große Bühne. Russland will es nicht zulassen, dass sich die Verhältnisse erneut zu seinen Ungunsten verschieben. Die Drohungen mit Luftabwehrraketen, die Zahl der Militär-Überflüge über die Türkei sind unmissverständlich. Putin will respektiert werden vom amerikanischen Präsidenten, er verlangt nach Augenhöhe.

Wer die Kriegsgeschichte in Syrien nach dem berüchtigten verpassten Augenblick durchforscht, der wird immer zum selben Ergebnis kommen: Militärisch konnten die USA oder andere nie eingreifen. Aber selbstverständlich gab es zu Beginn der Auseinandersetzung viele politische Chancen, Assad mithilfe einer klaren UN-Resolution zu isolieren und in Verhandlungen zu zwingen. Die Resolution ist immer an Russland gescheitert. Heute ist eine große Friedenskonferenz möglicherweise gar nicht mehr durchsetzbar. Die Kämpfe haben längst ihre eigene Dynamik entwickelt. Vor einem Jahr aber wären die Worte der Weltgemeinschaft gehört worden.

Russland trägt also massive Schuld an der Eskalation. Was aber tatsächlich die größte Besorgnis auslösen muss, ist der Anspruch Putins. Hier erzwingt einer Anerkennung mit Methoden, die bisher nur von der Kim-Schule in Nordkorea angewandt wurden.

Wenn nun die Wasserträger des russischen Präsidenten höhnisch die amerikanischen Giftgas-Beweise kommentieren, dann überbieten sie ihren eigenen Zynismus. Obama droht mit Waffenlieferungen, nicht nur weil Gas eingesetzt wurde, sondern weil er das Gleichgewicht der Kräfte im Bürgerkrieg wieder herstellen will. Nur so werden beide Seiten zu Friedensverhandlungen bereit sein. Vor allem aber sendet er eine Botschaft an Putin: Wir haben das alte Spiel nicht verlernt.

Syriens Herrscher Baschar al-Assad

Vom Augenarzt zum Autokraten