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Frankreich und der Terror:Wider das Klima der Verachtung

People pay tribute to beheaded teacher Samuel Paty in Paris

Kundgebung für den ermordeten Lehrer Samuel Paty am Place de la Republique in Paris.

(Foto: Charles Paltiau/Reuters)

Die Nation muss nun beides tun: die islamistische Ideologie ernsthaft bekämpfen - aber auch jene, die Hass schüren gegen den Islam.

Kommentar von Nadia Pantel, Paris

Samuel Paty soll ein Held werden, Frankreichs Präsident Emmanuel Macron wird ihn mit einer nationalen Trauerfeier ehren. Das Land wäre glücklicher, wäre Paty kein Held, sondern am Leben. Doch es ist weder zynisch noch billig, ihn nun, wo alles zu spät ist, auf einen Sockel zu heben. Der Geschichtslehrer Paty wurde am Freitag nicht weit von seiner Schule von einem 18-Jährigen enthauptet, der sich selbst als "Gotteskrieger" sah. Wenn Paty ein Held unserer Tage ist, dann nicht, weil er seinen Schülern erklären wollte, was Meinungsfreiheit ist. Die Qualität, die ihn zum Helden macht, lautet Umsicht.

Soweit es sich rekonstruieren lässt, bemühte sich Paty um zweierlei: Er wollte seinen Schülern die Werte vermitteln, auf denen die Republik aufbaut. Und er wollte dabei niemanden verletzen. Frankreichs Lehrpläne sehen vor, dass Meinungsfreiheit nicht nur gelebt, sondern auch gelehrt wird. Paty zeigte die Mohammed-Karikaturen aus Charlie Hebdo, um zu erklären, dass in Frankreich das Recht auf Gotteslästerung gilt. Weil es zugleich keine Pflicht gibt, sich verletzende Bilder anzuschauen, stellte er es allen Schülern, ob muslimisch oder nicht, frei, den Raum zu verlassen.

Patys Umsicht stieß auf eine Welt, die keine Zwischentöne zulassen will. Er geriet ins Visier des radikalen Islamismus. Der Vater einer Schülerin hetzte gegen den "Gauner" Paty und prangerte dessen angeblichen "Hass" auf Muslime an, der Lehrer müsse "gestoppt" werden. Im Internet zog ein Sturm auf. Am Ende der digitalen Eskalation stand ein Mord, für den deutlich mehr Täter als einer verantwortlich sind.

Die brutale Hinrichtung Patys ist aus islamistischer Perspektive ein neuer Erfolg. Sie führt die Ermittler vor, die nicht mehr hinterherkommen, all jene zu erfassen, die auf einen Anlass warten, um ihre Morde zu begehen. Und sie bringt zu viele Franzosen dazu, die Muslime des Landes unter Generalverdacht zu stellen. Auch das gehört zum Kalkül der Terroristen.

Die Franzosen sind erschüttert, das ist kein müdes Ritual

Doch Europa steht dem Islamismus nicht ohnmächtig gegenüber. Der erste Schritt zu dessen Bekämpfung liegt darin, ihn als Ideologie ernst zu nehmen. Nur so können die Ressourcen zur Verfügung gestellt werden, die nötig sind, um ihn zu schwächen. Dazu gehört auch die Überwachung von muslimischen Vereinen und die strengere Kontrolle der Moscheen-Finanzierung. Beides hat Macron in seiner jüngsten Anti-Islamismus-Rede in Aussicht gestellt. Frankreichs Rechte und Rechtsextreme haben unrecht, wenn sie dem Präsidenten Tatenlosigkeit vorwerfen.

Gleichzeitig müssen sich Frankreichs Medien fragen, wie lange sie noch mit der Verunglimpfung des Islam Quote machen wollen. An vier Abenden die Woche bietet der Sender CNews dem Giftling Éric Zemmour ein riesiges Podium. Zemmour ist ein mehrfach verurteilter Rassist und Islamhasser. Seine Dauerpräsenz gibt Muslimen das Gefühl, von der französischen Mehrheit abgelehnt zu werden. Die Islamisten übernehmen da, wo Zemmour aufhört.

Es ist keine Option, sich an dieses Klima der Verachtung zu gewöhnen. Die Franzosen, die sich am Sonntag in Paris versammelten, wie 2015 nach dem Anschlag auf Charlie Hebdo, folgen keinem müden Ritual, sie sind und bleiben ehrlich erschüttert. Es ist dreist, wenn nun gerade die Rechtsextreme Marine Le Pen über die "Politik der Kerzen" lästert. Frankreichs wichtigster Demoskop, Jérôme Fourquet, hat gezeigt, dass überall dort, wo Le Pen die meisten Stimmen bekommt, 2015 die "Je suis Charlie"-Demos nur spärlich besucht waren. Meinungsfreiheit ist kein Wert der äußeren Rechten. Und wer nun aus Trauer eine Kerze anzündet, ist kein naiver Schwächling. Sondern schlicht jemand, der ein Ritual dieses sogenannten Abendlandes pflegt, für das die Rechten angeblich einstehen.

Auch der aktuelle politische Streit um die richtige Anti-Terror-Strategie ist kein Beweis der Schwäche Frankreichs. Der Islamismus setzte sich in Frankreich fest, weil sich ihm hier die idealen Wunden bieten. Das Land trägt schwer an seiner kolonialen Schuld, am Algerienkrieg, an der jahrzehntelangen Ausgrenzung der Einwanderer. Solange auch die eingewanderte Jugend Aussicht auf Jobs und dadurch auf soziale Anerkennung hatte, konnte man diese ungelösten Konflikte wegschweigen. Seit Frankreich sich in der wirtschaftlichen Dauerkrise befindet, ist diese Zeit der satten Ruhe vorbei. Es ist nötig geworden zu streiten, anders werden die Narben nicht heilen.

Wer nun die Einheit der Nation vermisst, hängt einem Wunschbild Frankreichs an, dass es so nie gab. Frankreich ist an und mit seinen Widersprüchen gewachsen. Der wild diskutierte Laizismus ist dafür das beste Beispiel: Ein katholisches Land schreibt sich den Widerstand gegen den Einfluss der Kirche in die Verfassung. Frankreich muss sich im Angesicht des Terrors nicht auf seine Einheit besinnen, sondern auf seine Fähigkeit zu Selbstkritik und Toleranz. Auf seine guten Eigenschaften, die dem Islamismus fremd sind.

© SZ/kus

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