Zweiter Weltkrieg:Neues Leben in einer fremden Welt

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Zweiter Weltkrieg: Deutsche Mustersiedlung Steinfließ in Zappot bei Danzig. Wie auf dem Gedenkstein vermerkt, wurde diese Siedlung in "nationalsozialistischer Aufabuarbeit dem deutschen Arbeiter geweiht". 1945 zogen andere ein.

Deutsche Mustersiedlung Steinfließ in Zappot bei Danzig. Wie auf dem Gedenkstein vermerkt, wurde diese Siedlung in "nationalsozialistischer Aufabuarbeit dem deutschen Arbeiter geweiht". 1945 zogen andere ein.

(Foto: Scherl/Süddeutsche Zeitung Photo)

Karolina Kuszyk schildert meisterhaft, wie polnische Siedler sich nach dem Zweiten Weltkrieg in ehemals deutschen Gebieten zurechtfanden.

Von Daniel Siemens

Als ich vor bald 25 Jahren zum ersten Mal Niederschlesien besuchte, war das für mich eine unerwartete Bildungsreise in Geschichtspolitik. Das Museum der Stadt Głogów, früher Glogau, zeigte einen Überblick über die Stadtgeschichte vom Mittelalter der Piasten bis in die jüngste Gegenwart. Die Jahrhunderte, in denen die Stadt zunächst ein Teil der Habsburgermonarchie und dann Preußens war, blieben allerdings ausgespart. Nicht weit von Glogau stehen die zum Weltkulturerbe der Unesco zählenden evangelischen Holzkirchen in Jawor (Jauer) und Świdnica (Schweidnitz). Sie waren damals zwar schon teilweise restauriert, doch jüngere Polen, denen ich nach meinen Besuchen begeistert von diesen Wunderbauten erzählte, zuckten oft nur die Achseln. So wie diese Kirchen im 17. Jahrhundert auf Geheiß der österreichischen Kaisers Ferdinand III. außerhalb der Stadtmauern errichtet werden mussten, so waren sie auch jetzt nicht wirklich Teil der polnischen Gegenwart, sondern - so schien es mir wenigstens - Überbleibsel einer untergegangenen, fremden Welt.

Das 2019 zunächst auf Polnisch erschienene und jetzt auch in deutscher Übersetzung vorliegende Buch der Journalistin und Autorin Karolina Kuszyk erzählt nun höchst einfühlsam, wie infolge des Zweiten Weltkriegs aus der preußischen Provinz der "wilde Westen" der Polnischen Volksrepublik wurde. Es waren Jahre der Vertreibung und des Neubeginns, anarchisch und voller Gewalt, aber auch voller Hoffnungen auf eine bessere Zukunft. Viele der neu hinzugezogenen polnischen Bewohner waren selbst aus der heutigen Westukraine vertrieben und froh, den Krieg überlebt zu haben.

Der deutsche Schriftsteller und Noch-Breslauer Hugo Hartung beobachtete im Juni 1945, wie ein Zug müder polnischer Flüchtlinge in der Stadt eintraf: "Sie sind in dieser Stadt noch nicht heimisch, in der wir nicht mehr heimisch sind. Wie Marionetten eines unbegreiflichen Schicksals bewegen sich die stummen Züge aneinander vorbei." Bis 1950, so schätzen Historiker, ließen sich knapp zwei Millionen Polen in den neuen Westgebieten nieder; mehr als dreieinhalb Millionen Deutsche flohen oder wurden zur Ausreise gezwungen. Wie lange die Neuankömmlinge in ihren neuen Häusern und Wohnungen bleiben würden, war lange ungewiss. Dass die Deutschen früher oder später zurückkommen würden, galt vielen als ausgemacht. Man lebte daher lange im Provisorium, in den "Häusern der anderen".

Wie gingen die neuen Besitzer mit den Dingen der Deutschen um?

Kuszyk, die heute in Berlin lebt, ist in Legnica - vormals Liegnitz - unter ehemals deutschen Dächern aufgewachsen. Ihr Buch ist eine Archäologie der Dinge, die in der unmittelbaren Nachkriegszeit mitunter wiederholt und oft unfreiwillig den Besitzer wechselten: Bettgestelle, Bierkrüge, Kleiderbügel, Musikinstrumente. Natürlich interessiert sie sich auch für die Architektur und die verblassenden deutschen Inschriften manch alter Häuser, zentral geht es aber um die Menschen und wie sie lebten mit all den verschiedenen Dingen, die sie vorfanden, weiter- und umnutzten, zerstörten und mitunter auch lange aufbewahrten.

Zweiter Weltkrieg: Richtung Osten: Adolf Hitler 1936 bei der Eröffnung der Reichsautobahn Liegnitz - Breslau in Schlesien. Drei Jahre später marschierte die Wehrmacht in Polen ein.

Richtung Osten: Adolf Hitler 1936 bei der Eröffnung der Reichsautobahn Liegnitz - Breslau in Schlesien. Drei Jahre später marschierte die Wehrmacht in Polen ein.

(Foto: Scherl/Süddeutsche Zeitung Photo)

Für die neuen Besitzer waren diese Sachen poniemieckie - wörtlich übersetzt: ehemals deutsch oder nachdeutsch. War die Dingwelt der ehemaligen Bewohner in den - so die offizielle polnische Sprachregelung - "wiedergewonnenen Gebieten" der ersten Nachkriegsjahre zunächst noch allgegenwärtig, so spielten sie schon im Bewusstsein der Kinder und Jugendlichen der 1970er- und 1980er-Jahre kaum noch eine Rolle. Welche Menschen in den Fotoalben abgebildet waren, die man in einer staubigen Dachbodenecke oder beim Spielen in einem verlassenen Keller mitunter entdeckte, und warum diese Unterlagen dort überhaupt lagerten, gab zunehmend Rätsel auf. Die Alten redeten nicht gerne darüber, und die meisten jungen Leute wandten sich bald wieder anderen Dinge zu.

Karolina Kuszyk hat unveröffentlichte Erinnerungsberichte aus den Nachkriegsjahrzehnten ebenso studiert wie amtliche Verordnungen zum Umgang mit ehemals deutschem Vermögen; darüber hinaus zitiert sie ausgiebig aus polnischen Romanen und Spielfilmen. Auch einige der letzten noch lebenden Zeitzeugen hat sie besucht. Ihr Buch ist nicht nur eine empathische Rekonstruktion der Um- und Neunutzung von Gebrauchsgütern, sondern auch eine empfindsame Reise in ihre Kindheit und Jugend und letztlich auch ein Beitrag zur Kulturgeschichte des modernen Polen wie des wiedervereinigten Deutschlands. Anders als es die konservative Geschichtspolitik bis heute gerne behauptet, ist die jüngere Geschichte beider Länder nicht nur stark von Brüchen und Migration geprägt, sondern auch auf vielfältige Weise miteinander verschränkt. Daraus folge zwangsläufig, so Kuszyk, dass die Menschen das Recht haben, mehrere Identitäten zu besitzen. "Auch eine ehemals deutsche."

Zweiter Weltkrieg: Richtung Westen: Deutsche Frauen und Kinder stehen im Jahr 1945 mit ihrem Gepäck am Straßenrand und warten auf eine Transportmöglichkeit. Mehr als zwölf Millionen Menschen flüchteten oder wurden aus den damaligen deutschen Ostgebieten vertrieben.

Richtung Westen: Deutsche Frauen und Kinder stehen im Jahr 1945 mit ihrem Gepäck am Straßenrand und warten auf eine Transportmöglichkeit. Mehr als zwölf Millionen Menschen flüchteten oder wurden aus den damaligen deutschen Ostgebieten vertrieben.

(Foto: dpa)

Kuszyk ist nicht die erste Autorin, die sich auf die Spuren des deutschen und jüdischen Kulturerbes im heutigen Westpolen begeben hat. Auch die Arbeiten Gregor Thums (Die fremde Stadt. Breslau 1945) und Beata Halicka (Polens wilder Westen. Erzwungene Migration und die kulturelle Aneignung des Oderraums 1945 - 1948) sind unbedingt lesenswert. Kuszyks Buch ist im Vergleich zu diesen historischen Studien essayistischer, persönlicher. In sieben Kapiteln berichtet sie zwangsläufig auch von politischen und administrativen Zwangsmaßnahmen, von Plünderungen und Raub. Ihr Hauptinteresse gilt aber der Handlungsmacht der Menschen und der Praxis ihrer individuellen Aneignung - also der Frage, wie die neu Hinzugezogenen mit den vorhandenen Dingen umgingen, was sie zur Weiterbenutzung auswählten und was sie achtlos beiseitewarfen.

Die politische Umgestaltung und das Handeln der Menschen seien keinesfalls deckungsgleich gewesen, denn "die staatlichen Maßnahmen zur Tilgung aller ,Spuren des Deutschtums' betrafen nur den öffentlichen Raum, sie endeten an Hauseingängen und Wohnungstüren. Was von den vorgefundenen Dingen behalten oder entsorgt wurde, unterlag meist der Entscheidung der neuen Bewohner". Kurzfristiger pragmatischer Nutzen war in der Regel wichtiger als Sentimentalität oder ideologische Abneigung. "Es war nicht schön, das deutsche Zeug zu benutzen, aber was hätten wir tun sollen?", erinnerte sich eine Umsiedlerin später. Und so kam es, dass hier und da die Essschüssel mit Naziemblem auf der Unterseite ebenso in Gebrauch blieb wie viele Möbel, selbst wenn mancher Wohnzimmerschrank in der Not zu einem Angelboot umfunktioniert wurde. Andere Möbel wurden im Winter schlicht verheizt oder umstandslos entsorgt, jedenfalls so lange, wie in leerstehenden Häusern und Wohnungen noch problemlos Ersatz zu beschaffen war. Vor allem die großen Gutshöfe und Herrenhäuser, deren Unterhalt und Renovierung aufwendig gewesen wäre, wurden geplündert und verfielen mit der Zeit.

Die zunächst höchstpersönlichen Entscheidungen im Umgang mit den materiellen Hinterlassenschaften der früheren Bewohner hatten langfristige Folgen. Sie schrieben sich in die Lebensgeschichte der neuen westpolnischen Bevölkerung ein, selbst jener, die später nicht mehr über die Zeit des Umbruchs sprachen. Schon Karl Marx hatte erkannt, dass die Menschen ihre eigene Geschichte machen, aber "nicht aus freien Stücken, nicht unter selbstgewählten, sondern unter unmittelbar vorgefundenen, gegebenen und überlieferten Umständen". Die Tradition "aller toten Geschlechter" laste, so Marx, "wie ein Alp auf dem Gehirne der Lebenden".

Es geht um Alltagsgeschichte, aber nicht nur

Kuszyk argumentiert ähnlich. Sie beobachtet genau und hört ihren Gesprächspartnern zu. Indem sie eine lange verdrängte und vielfach unbewältigte Vergangenheit zur Sprache bringt, hofft sie letztlich auf eine bewusster gestaltete, bessere Zukunft. Der breite Pinselstrich der Nationalgeschichte ist ihr suspekt. Ihre Praxisgeschichte der Dinge ist in erster Linie alltags- und erinnerungsgeschichtlich ausgerichtet, auf diese Weise aber nicht weniger politisch. Dies zeigt auch das letzte Kapitel des Buches noch einmal deutlich. Es ist der Heimatstadt der Autorin und ihren Bewohnern gewidmet. Ganz selbstverständlich finden darin nicht nur Polen und Deutsche, sondern auch die sowjetischen Soldaten und deren Familien Berücksichtigung.

Zweiter Weltkrieg: Karolina Kuszyk: In den Häusern der anderen. Spuren deutscher Vergangenheit in Westpolen. Aus dem Polnischen von Bernhard Hartmann. Ch. Links Verlag, Berlin 2022. 400 Seiten, 25 Euro.

Karolina Kuszyk: In den Häusern der anderen. Spuren deutscher Vergangenheit in Westpolen. Aus dem Polnischen von Bernhard Hartmann. Ch. Links Verlag, Berlin 2022. 400 Seiten, 25 Euro.

(Foto: Ch. Links)

Kuszyks Buch ist klug, ausgewogen und immer emphatisch. Ist es Reportage, Milieustudie, Geschichtsbuch, ein Reiseführer für die Gegenwart oder von allem etwas? Auf jeden Fall belegt es eindrucksvoll, wie man über kontroverse Themen wie Flucht, Vertreibung und Neubeginn schreiben und dabei die Integrität der historischen wie der heutigen Akteure wahren kann. Außer Einfühlung braucht es dafür auch Humor, den sich die Nachgeborenen sicher eher leisten können als die unmittelbar Betroffenen: "Wir wissen, dass wir genauso gut in Tränen ausbrechen könnten, aber wir entscheiden uns für das Lachen, weil es uns gefällt."

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