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Rassismus in Bremer Feuerwehr:Löschen und hetzen

Feuerwehr Bremen

Knapp 600 Feuerwehrleute hat die Bremer Berufsfeuerwehr, die meisten Männer. Rassismus und Sexismus war laut Zeugen an der Tagesordnung.

(Foto: Sina Schuldt/picture alliance/dpa)

Mitglieder der Berufsfeuerwehr in Bremen sollen Hitlerbilder und rassistische Texte ausgetauscht haben. Auch von Vergewaltigungsphantasien ist die Rede.

Von Peter Burghardt, Sebastian Manz und Reiko Pinkert, Bremen/Hamburg

"Lauf, du stinkender Kanake", habe sie ihr Wachabteilungsleiter angeschrien, mitten im Einsatz. 2011 war das, Feuerwache 3 der Bremer Berufsfeuerwehr, sie sollte die Wasserversorgung am Brandort sicherstellen.

Ein anderes Mal, inzwischen war sie bei der Feuerwache 6, fuhren sie ein zweites Mal in einer Nacht zu einer Bremer Flüchtlingsunterkunft. "Können die hier nicht mal richtig Feuer machen, dass die hier alle verbrennen", habe ein Kollege gesagt, "dann haben wir endlich Ruhe."

Widerlich fand sie solche Sätze. "Ich ertrag das nicht mehr, wie Kollegen mit Menschen umgehen", sagt die Zeugin, eine Frau mit Migrationshintergrund, damals bei der Bremer Berufsfeuerwehr tätig. Familien hätten in dieser Flüchtlingsunterkunft gewohnt, kleine Kinder, Schwangere.

So erzählt es die Feuerwehrfrau. Auch ein anderer Zeuge beschuldigt einige Bremer Feuerwehrmänner, sich gegenüber Kolleginnen, Kollegen und Hilfsbedürftigen so häufig rassistisch und sexistisch geäußert zu haben, dass ihm das mitunter wie der normale Umgangston vorkam. Von Beleidigungen ist die Rede. Und mehr noch: Mitglieder einer Chatgruppe der Bremer Berufsfeuerwehr sollen sich jahrelang rechtsextreme Bilder und Texte geschickt haben.

Aussteiger berichten von Mobbing und Ausgrenzung

Das alles geht aus Chatprotokollen, Tondateien und Aussagen hervor, die NDR, Radio Bremen und der Süddeutschen Zeitung vorliegen. Am Dienstag durchsuchte die Polizei die Wohnung eines Hauptverdächtigen, sie beschlagnahmte Mobiltelefone und Speichermedien.

Gegen einen der an den Chats beteiligten Männer wird wegen des Verdachts der Volksverhetzung und des Verwendens von Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen ermittelt, das bestätigt die Bremer Innenbehörde. Laut Staatsanwaltschaft handelt es sich um einen 52-jährigen Bremer Berufsfeuerwehrmann, er wurde vom Dienst suspendiert.

Auch der Verfassungsschutz und eine Sonderermittlerin befassen sich mit dem Fall, wie Innensenator Ulrich Mäurer (SPD) bekannt gab. Mäurer wird fürs erste selbst die Leitung der Bremer Feuerwehr übernehmen. "Widerwärtig" nennt er die sichergestellten Beweise. "Es ist abstoßend, da kann man nichts beschönigen."

In Screenshots aus der Chatgruppe sind unter anderem Bilder von Hitler und Hakenkreuzen zu sehen, dazu menschenverachtende Sprüche und Witze über Geflüchtete, Dunkelhäutige, Türken, Juden. "Hoch die Hände, Wochenende!", steht zum Beispiel über einem Hitlerfoto. Ein Foto mit Galgen, drei Gehängten und einer Bierflasche ist mit diesem Spruch versehen: "Einfach mal die Seele baumeln lassen. Nürnberger Reichskristallweizen."

In einem Chat über Fußballtrikots wünscht sich einer der Feuerwehrmänner die Rückennummer 88, in der Szene der Neonazis die Chiffre für "Heil Hitler", und ersatzweise die 18, die für Adolf Hitler steht. Ein Foto zeigt Rutschen auf einem Hausdach, die ins Leere führen. "Neuer Spielplatz im Asylantenheim", heißt es dazu. Zum Foto eines vollbesetzten Schlauchboots mit Migranten ist zu lesen: "Wo ist der Weisse Hai, wenn man ihn braucht?!"

Die Chats reichen laut der Protokolle zurück bis ins Jahr 2013. Während der WM 2014 machte ein offenbar retuschiertes Foto von einem Haus mit Hakenkreuzen, Hitler, "Sieg Heil" und "Islamisierung - Nein Danke" die Runde. Ein Feuerwehrmann soll laut Zeugen sogar von Vorgesetzten und über Funk mit seinem Spitznamen angesprochen worden sein, dem Namen eines SS-Soldaten.

Aussteiger berichten von Mobbing und Ausgrenzung bei der Bremer Feuerwehr. Rechtes und sexistisches Gedankengut sei bei einigen Kollegen an der Tagesordnung gewesen, erklärt ein früherer Feuerwehrmann. Zum Eid auf das Grundgesetz habe das nicht gepasst. Vorgesetzte hätten die Geisteshaltung teilweise geteilt oder nicht unterbunden, vereinzelter Widerspruch habe keine Wirkung gezeigt. Man sei mitgeschwommen oder Gefahr gelaufen, ausgegrenzt zu werden. Die Hierarchie sei streng, mit vielen Abhängigkeiten.

Die Bremer Berufsfeuerwehr, sechs Feuer- und Rettungswachen, knapp 600 Feuerwehrleute, die allermeisten Männer. Eine Feuerwehrfrau erzählt. Aus Überzeugung habe sie sich für diese Laufbahn entschieden, sagt sie, "um zu helfen, ich habe das geliebt".

Klar seien alle Brände gelöscht worden, die zu löschen waren, doch ihre Erlebnisse bei mehreren Feuerwachen der Bremer Berufsfeuerwehr zerstörten ihr Bild vom Traumjob. Auf der Straße sei ihnen zugewunken worden, wenn sie mit dem Feuerwehrauto vorbeirauschten, "eigentlich toll", aber manche Kollegen hätten "sich total danebenbenommen". Sie traf auf Profilneurosen, Sexismus, Rassismus und teilweise offen rechtsextreme Gesinnung.

"Ich opfere mich und schlag' sie", bietet ein Feuerwehrmann an, es gibt davon einen Mitschnitt

Ein Feuerwehrmann habe gesagt, eine wie sie brauche "nur mal einen richtigen Pimmel", sie ist lesbisch. Gespräche mit dem Leiter der Personalverwaltung und einer früheren Frauenbeauftragten seien ohne Konsequenz geblieben, erst die aktuelle Frauenbeauftragte kümmerte sich. "Mit ausgestreckten Ellenbogen" habe sie ein Jahrzehnt lang zur Arbeit fahren müssen. Es wurde nach mehreren Versetzungen offenbar noch schlimmer.

Kollegen unterhielten sich lachend darüber, wie sie die Frau verprügeln könnten, das Gespräch wurde aufgenommen. "Ich opfere mich und schlag' sie", bot einer an. Es wird in dem Mitschnitt auch darüber fantasiert, sie vergewaltigen zu lassen.

Laut einer Aussage hatte die Einstellung von Feuerwehrmännern manchmal sogar Folgen für Rettungseinsätze. Eine Frau mit südländischem Aussehen, die kein Deutsch sprach und Anzeichen eines Herzinfarktes aufwies, soll von einem Oberbrandmeister angeschrien worden sein, bis sie weinte. Eine Zeugin hat auch beobachtet, dass Patienten oder deren Angehörige von Feuerwehrmännern provoziert worden seien, "um Situationen eskalieren zu lassen". Dabei sei man dafür da, zu helfen und zu beruhigen.

Für die Rechtsanwältin Lea Voigt, die in diesem Fall Zeugen vertritt, handelt sich nicht um Einzelfälle, "sondern um ein strukturelles Problem innerhalb der Bremer Berufsfeuerwehr". Sie und ihre Mandanten verlangen die rasche Einrichtung einer unabhängigen Beschwerdestelle.

Zuletzt hatte es immer wieder Berichte über rechtsextreme Chatgruppen bei Polizei und Feuerwehr gegeben. Der Präsident des Deutschen Feuerwehrverbandes, Hartmut Ziebs, warnte im vergangenen Jahr vor einer rechten Unterwanderung der Feuerwehr, er bekam danach Drohmails. Ende 2019 trat er zurück.

Die Bremer Feuerwehrfrau hofft, dass sich nun noch weitere Informanten trauen und sich melden. "Es muss sich was ändern, so kann es nicht weitergehen", sagt sie. Es gehe um eine Behörde, um Beamte, um einen Eid. Und um Menschen. "Ich kann nicht weiter dabei zusehen und selbst erleben müssen, was bei der Feuerwehr Bremen passiert. So was macht krank. In vielerlei Hinsicht."

© SZ/pamu/odg/cat
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