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Familienbericht:Eltern stehen immer stärker unter Druck

Homeschooling, während des Lockdowns im Januar 2021, Mutter hilft ihren beiden Töchtern, zuhause, beim lernen, mit Schul

Eine Mutter betreut ihre Töchter beim Homeschooling während des Lockdowns im Januar. Eltern wissen um die Schlüsselrolle von Bildung, doch gerade Alleinerziehende haben häufig das Gefühl, ihrer Verantwortung nicht gerecht zu werden.

(Foto: Jochen Tack/imago images)

Die Lage hat sich nicht erst durch die Pandemie verschlechtert, stellt der neue Familienbericht der Bundesregierung fest. Die Experten warnen vor wachsender sozialer Ungleichheit und legen Vorschläge vor, wie Mütter und Väter entlastet werden können.

Von Edeltraud Rattenhuber

Was es bedeuten kann, unter Ausnahmebedingungen Eltern zu sein, haben die meisten Mütter und Väter in der Corona-Krise zu spüren bekommen: von morgens bis abends Stress, und kaum eine Perspektive, wann sich das wieder ändert. Dazu Existenzängste und Einkommensverluste durch Kurzarbeit, keine Urlaube, kaum Entlastung. Oft kam das ganze Familiengefüge ins Rutschen, überwunden geglaubte Rollenmuster verfestigten sich wieder, wie zahlreiche Studien feststellten, unter anderem eine am Mittwoch veröffentlichte Erhebung der Hans-Böckler-Stiftung.

Allerdings stehen Familien in Deutschland auch unabhängig von Corona zunehmend unter Druck. Darauf weist der Familienbericht hin, der an diesem Mittwoch in Berlin vorgestellt wurde. Der neunte Bericht seit 1968 sollte eigentlich bereits Ende 2020 erscheinen. Doch die Veröffentlichung des 600 Seiten starken Konvoluts verzögerte sich und konnte coronabedingt nur digital stattfinden.

Unter dem Vorsitz der Forschungsdirektorin des Deutschen Jugendinstituts, Sabine Walper, nahm sich die siebenköpfige Kommission zahlreiche Themen vor, die seit Jahren kontrovers diskutiert werden: Ehegattensplitting, Wechselmodell, Familiennachzug bei Migranten, die Stellung von Müttern, die hohen Mietpreise, das Elterngeld, die Chancenungleichheit in der Bildung, Ganztagsschulen. Der Bericht mit dem Titel "Eltern sein in Deutschland" beklagt vor allem die zunehmende soziale Spaltung. Sie wird sich aus Sicht der Sachverständigenkommission weiter fortsetzen, wenn nicht in einer konzertierten Aktion an allen möglichen Stellschrauben gedreht wird, um Familien besserzustellen.

Bundesfamilienministerin Franziska Giffey (SPD) erklärte nach der Vorstellung des Berichts im Kabinett, der Bericht bestärke die Bundesregierung darin, Eltern weiterhin zu entlasten und auch in der nächsten Legislatur Sicherheit und Chancen für alle Familien ins Zentrum politischen Handelns zu stellen. "Nach den wirksamen Maßnahmen, mit denen wir Eltern besser durch die Krise gebracht haben, geht es jetzt darum, für die Familien eine verlässliche Perspektive zu schaffen", so Giffey. Besonders wichtig sei ihr, "endlich mit den Ländern den Knoten beim Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung für Kinder im Grundschulalter zu durchschlagen".

Die Grünen dagegen kritisierten die Regierung. Der Bericht zeige die Versäumnisse der vergangenen Jahre auf, erklärte ihre familienpolitische Sprecherin Ekin Deligöz. Das Armutsrisiko von Kindern und Familien, besonders Alleinerziehenden, sei beschämend hoch, trotz jahrelang wirtschaftlich guter Zeiten.

Laut der Kommissionsvorsitzenden Sabine Walper stehen Eltern auch deshalb so unter Druck, weil sich die Elternrolle stark verändert hat. Väter und Mütter richteten sich zunehmend an den Bedürfnissen der Kinder aus. Vor allem Eltern mit geringeren sozioökonomischen Ressourcen verzichteten für ihre Kinder auf vieles.

Die Kommission fordert mehr und besseren Ganztagsunterricht

Hinzu kämen die Herausforderungen der Digitalisierung und ihrer Folgen für den Familienalltag. Vor allem gefordert fühlen sich Eltern im Bereich Schule und Bildung. "Eltern wissen um die Schlüsselrolle von Bildung in der Wissensgesellschaft und sind sich quer durch alle soziale Schichten der Vorteile guter Bildung bewusst", sagt Walper. Doch mit den Kindern Hausaufgaben zu machen, sie gezielt zu fördern, sei vielen Eltern nicht möglich. So sei nur die Hälfte der Väter und Mütter aus schwächeren sozialen Schichten überzeugt, dass sie ihr Kind ausreichend fördern könnten, verglichen mit knapp 80 Prozent der Eltern aus höheren sozialen Schichten.

Auch Alleinerziehende sähen sich hier im Hintertreffen. "Kinder aus sozial benachteiligten Familien profitieren vor allem von der hohen Qualität der Kindertagesbetreuung", schreibt die Kommission. Daher dringt sie auf die schnellstmögliche Einführung des Rechts auf einen Ganztagsplatz auch in der Grundschule.

Um Druck von den Eltern zu nehmen und eine nachhaltige Familienpolitik zu gestalten, nennt der Bericht generell drei Hauptfelder: Geld, Zeit und Infrastruktur. Elternzeit und Elterngeld seien wirkungsvolle Instrumente, um einen guten Start in die Familienentwicklung zu ermöglichen, sagt Walper. Momentan stünden allerdings viele Eltern im Lockdown vor weitaus größeren Problemen. Daher müsse die Kompensation von Einkommensausfällen, die durch Kinderbetreuung und die Unterstützung des Distanzlernens entstanden sind, hohe Priorität haben, fordert sie. Auch komme dem Kindergeld und der Diskussion um eine bedarfsgerechte Kinderabsicherung heute eine noch stärkere Bedeutung zu als vor der Pandemie.

Die Kommission fordert vor diesem Hintergrund ein Umdenken und stärkere Förderung benachteiligter Familien. "Der Logik der Steuerfreibeträge, die zu einer besonderen Förderung der Höherverdienenden führen, muss noch stärker als bisher eine Logik der bedarfsgerechten finanziellen Förderung von Kindern zur Seite gestellt werden", so Walper.

Die beste Absicherung gegen Armut: zwei Eltern, die arbeiten

Die beste Absicherung gegen Armut sei aber nach wie vor, zwei erwerbstätige Eltern in der Familie zu haben. Ziel müsse daher sein, dass auch Mütter substanziell am Erwerbsleben teilhaben. Das werde durch das geltende Steuerrecht aber weiter erschwert, kritisiert Walper. "Die Kommission hat sich in diesem Zusammenhang erneut kritisch mit dem Ehegattensplitting auseinandergesetzt und die Abschaffung der Steuerklassen 3 und 5 sowie einen längerfristigen Umbau in Richtung Realsplitting vorgeschlagen." Auch fordert die Kommission ein dynamisiertes Elterngeld, um auch Väter verstärkt zur Elternzeit zu bewegen.

In den Schulen dringt die Kommission auf mehr Unterstützung für Eltern. Lehrer müssten mehr Zeit bekommen für den Austausch mit ihnen. Erreicht werden könnte das durch eine einstündige Reduktion des Lehrdeputats für Lehrkräfte. Auch sollten multiprofessionelle Teams an Schulen wie Sozialarbeiter und Gesundheitsfachkräfte die Regel sein.

© SZ/rop/kit
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