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Studie der OECD:Burn-out-Risiko in der Kita

Erkältung in Kita oder Schule

Mal ein Ausflug mit den Kleinen? Ist nicht drin, wenn das Personal knapp ist.

(Foto: Peter Kneffel/dpa)

Erzieherinnen und Erzieher in Deutschland klagen über Personalmangel, vergleichsweise viel Stress und geringe Wertschätzung. Wer von ihnen den Ausstieg aus dem Beruf erwägt, tut dies zu einem Viertel aus gesundheitlichen Gründen.

Von Edeltraud Rattenhuber

Das Kita-Personal in Deutschland ist im Vergleich zu anderen Ländern einem hohen Stresspegel ausgesetzt. Das hat der zweite Teil der Studie "Talis Starting Strong" der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) ergeben, der am Montag vorgestellt wurde.

Befragt wurde Kita-Personal in insgesamt neun Ländern, neben Deutschland auch in Dänemark, Norwegen, Island, der Türkei, Israel, Chile, Südkorea und Japan. Doch nicht nur der Personalmangel bereitet Sorgen. Auch die Fortbildung von Kita-Personal in Deutschland wird bemängelt. Auf digitales Lernen mit Klein- und Vorschulkindern fühlen sich Erzieherinnen und Erzieher häufig nicht ausreichend vorbereitet.

An der Studie, die zum Ziel hat, die Qualität von Bildung und Erziehung in Kindertagesstätten zu heben, nahmen in Deutschland mehr als 3000 Fachkräfte in rund 500 Einrichtungen teil. Sie beantworteten Fragen über ihre Aus-, Fort- und Weiterbildung, zu Arbeitsbedingungen und Wohlbefinden, zum Management in Kitas sowie dazu, was sie dafür tun können, um für Chancengerechtigkeit unter Kita-Kindern zu sorgen. Die Daten wurden 2018, also vor der Corona-Pandemie, erhoben.

Erzieher in Deutschland fühlen sich wenig wertgeschätzt

Bei der Vorstellung der Studie waren sich Vertreter der OECD, des Bundesfamilienministeriums und des Deutschen Jugendinstituts (DJI) einig, dass die Corona-Pandemie die Bedeutung von Kitas für die Vereinbarkeit von Familie und Beruf vielen erst vor Augen geführt habe. Laut OECD-Bildungsdirektor Andreas Schleicher hat die Pandemie die Wertschätzung, die dem Kita-Personal in der Gesellschaft entgegengebracht wird, gesteigert.

Juliane Seifert, Staatssekretärin im Familienministerium nannte die Studie "einen wichtigen Fingerzeig, wie wir Fachkräfte gewinnen und im Beruf halten können". Ausreichend Personal sei die Grundlage, dass Kinder in guter Qualität betreut werden könnten.

Grundsätzlich stellt die Studie fest, dass Deutschland mit der Ausbildung seiner Kita-Kräfte zu den besten Ländern gehört, die an "Talis Starting Strong" teilnehmen, und zwar dank des "soliden Schwerpunkts auf einer vorberuflichen Bildung". Dennoch fühlen sich Kita-Kräfte nicht ausreichend auf alle Herausforderungen ihrer täglichen Arbeit vorbereitet. Besonders auffällig sei dies bei der Arbeit mit Kindern aus benachteiligten Familien oder auch bei der Nutzung digitaler Medien zur Förderung des Lernens. Nur etwa zehn Prozent der pädagogisch Tätigen in Kitas halten sich hierfür ausreichend gerüstet.

Bernhard Kalicki, Leiter der Abteilung Kinder und Kinderbetreuung am DJI, das die OECD-Studie durchgeführt hat, nannte die mangelnde Vorbereitung auf Arbeit mit benachteiligten Kindern einen "erschreckenden" Befund. Da seien nicht nur pädagogische Konzepte nötig, sondern auch eine verstärkte Förderung und Stabilisierung der Eltern.

Insgesamt zeigt sich das Kita-Personal in allen Ländern in hohem Maße zufrieden mit seinem Beruf. Ebenso einhellig bewerten die Kita-Kräfte aber auch in allen Ländern ihr Gehalt als zu niedrig. Auffällig ist allerdings, dass sich in Deutschland die Fachkräfte zudem relativ wenig von der Gesellschaft wertgeschätzt fühlen. Überdies macht der Personalmangel sie mürbe. Eine Folge davon ist, dass in Deutschland im Vergleich zu anderen Ländern der Prozentsatz jener Kita-Kräfte sehr hoch ist, der erwägt, die eigene Arbeitsstelle wegen gesundheitlicher Probleme aufzugeben. Diesen Grund gab ein Viertel der Kita-Kräfte an, die mit dem Gedanken spielen, sich anderweitig zu orientieren. Dies könne auf ein mögliches Burn-out-Risiko hindeuten, so die Studie.

OECD gibt Empfehlungen an die Politik

"Stress bei der Arbeit entsteht aus dem Ungleichgewicht zwischen den Arbeitsanforderungen, den zur Bewältigung dieser Anforderungen verfügbaren Ressourcen und der Anerkennung für das eigene Bemühen", heißt es in der Studie. In Deutschland würden Fachkräfte wegen "zusätzlicher Aufgaben aufgrund von Personalausfällen", "zu vielen Kindern in den Gruppen" sowie "mangelnder Ressourcen" häufig unter Druck geraten.

Die OECD hat ihrer Studie umfassende Empfehlungen an die Politik angehängt. So sollten aus ihrer Sicht Fortbildungen innerhalb der Kita angeboten werden, um "informelles, kooperatives Lernen" zu erleichtern. Generell solle die Fort- und Weiterbildung an die verschiedenen Karrierestufen angepasst werden sowie Investitionen in neue Modelle der Leitungskräfte-Entwicklung getätigt werden. Etwa 40 Prozent der Kita-Leitungen in Deutschland hatten angegeben, sie seien auf ihre Führungsposition nicht ausreichend vorbereitet gewesen.

Zudem wird angemahnt, den Status und die Anerkennung des Kita-Personals zu verbessern, "indem sichergestellt wird, dass die Gehälter der Fachkräfte mit ihren Aufgaben in Einklang stehen".

© SZ/saul
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