bedeckt München 21°

EU-Gipfel:"Meine Eltern finden schlimm, was gerade in Polen passiert"

Solche Argumente hört man auch in Deutschland.

Ochmański: Die Debatte läuft hier auch ein bisschen schief. Es ist das erste Mal, dass ich sehe, dass die deutsche Gesellschaft immer tiefer gespalten wird. Das macht mir Angst. Jemand muss das Problem doch unter Kontrolle kriegen.

Jeka: Die Deutschen sind aber immer noch vorsichtiger in der Debatte. Die Polen sagen einfach: Wir wollen keine Flüchtlinge - Punkt. Die Deutschen haben sie ja schon, daher müssen sie natürlich anders darüber nachdenken.

Glauben Sie, dass die Beziehung zwischen Deutschland und Polen einen dauerhaften Knacks hat?

Ochmański: Das kommt drauf an. Wenn bald die AfD die Macht übernimmt, dann könnten sich die Regierungen wieder ganz gut verstehen (lacht). Meine deutschen Freunde denken allerdings, dass die Polen spinnen.

Ignaciuk: Mich wundert hauptsächlich, wie oberflächlich die Debatte ist. Die Deutschen sind sehr überrascht über die Entwicklungen in unserem Land. Polen wurde ja fast als ein Vorbild für die anderen Länder der Region betrachtet, aber die Probleme in der polnischen Gesellschaft haben die Deutschen lange übersehen. Viele Beobachter haben sich auch zu sehr auf die aufstrebende Jugend in den großen Städten fokussiert und nicht bemerkt, dass es anderswo in Polen ganz andere Entwicklungen gab.

Wie beurteilen Sie persönlich die Entwicklungen in Polen?

Ochmański: Für mich sind sie ein Rückschritt. Ich kann aber leider nachvollziehen, warum es so weit gekommen ist. Der konservative Teil der Polen, der nicht so weltoffen ist, hat schon seit Längerem das Gefühl, unterdrückt zu werden. Und jetzt sehen diese Leute ihre Zeit gekommen.

Ignaciuk: Ich glaube, es geht vielen Wählern der PiS um mangelnde soziale Gerechtigkeit. Ich dachte selbst viele Jahre, dass es uns gut geht. Weil meine Eltern Arbeit hatten, hatte ich Zugang zu Bildung. Es flossen EU-Gelder, wir bekamen neue Straßen. Aber auf der anderen Seite wurden auch viele Polen in die Scheinselbständigkeit verdrängt. Der Anteil der Löhne am polnischen Bruttoinlandsprodukt ist gesunken. Viele Polen fühlen sich enteignet im eigenen Land. Da ist es wenig überraschend, dass die PiS mit sozialen Versprechungen an die Macht gekommen ist.

Jeka: Ich verstehe die Leute da manchmal nicht. Sie freuen sich jetzt zum Beispiel darüber, dass es 500 Złoty (etwa 114 Euro; Anm. d. Red.) Kindergeld gibt. Ich will aber gar kein Geld vom Staat. Ich möchte lieber 500 Złoty mehr für meine Arbeit kriegen, als sie einfach geschenkt haben.

Ignaciuk: Dass du kein Geld vom Staat willst, sagst du jetzt, wo du jung bist und arbeiten kannst. Aber wenn du mal krank wirst, dann willst du auch, dass es ein gutes Gesundheitswesen gibt. Aber du hast recht, dass die 500 Złoty nicht helfen, sondern dass es systemische Lösungen braucht. Zum Beispiel Kindertagesstätten, Mutterschutz oder gute Krankenhäuser.

Wie beurteilen denn Ihre Verwandten und Freunde den Erfolg der PiS?

Ochmański: Ich komme aus keiner typischen polnischen Familie, meine Eltern sind eher liberal und nicht so religiös. Deswegen finden sie es schlimm, was gerade passiert.

Jeka: Bei meinen Eltern ist das genauso. Sie sind auch sehr froh, dass ich Deutsch kann. So kann ich immer aus Polen fliehen (lacht). Sie glauben auch, dass man Flüchtlingen helfen muss. Meine Freunde sind ebenfalls keine Anhänger der PiS. Viele von ihnen haben aber leider kleine Parteien gewählt, die ohnehin keine Chance hatten, die Regierung zu bilden. Meiner Meinung nach waren das verlorene Stimmen.

Ignaciuk: Ich sehe das anders. Ich bin nämlich Mitglied in so einer noch relativ kleinen Partei: der sozialdemokratischen Razem (nicht zu verwechseln mit der konservativ-wirtschaftsliberalen Polska Razem; Anm. d. Red.).

Jeka: Oh, das tut mir leid!

Ignaciuk: Das ist schon in Ordnung. Ich möchte dir aber trotzdem erklären, warum ich das anders sehe. Ich glaube, dass es sehr schlecht für Polen ist, dass es nur zwei große Parteien gibt. Uns wird in den Medien immer weisgemacht, dass die große gesellschaftliche Trennlinie zwischen den Konservativen und den Liberalen verläuft. Meiner Meinung nach verläuft sie zwischen der schmalen Oberschicht und der Bevölkerungsmehrheit. Ich weiß, dass ich mich jetzt wie ein marxistischer Teenager-Rebell anhöre, das ist aber Tatsache (lacht).

Ihre Partei Razem wird oft mit der spanischen Podemos verglichen - kann so eine Partei die konservativen Polen überhaupt erreichen?

Ignaciuk: Es stimmt, dass viele Polen sehr traditionell sind. Sie spüren zwar die soziale Ungerechtigkeit, aber sie wählen trotzdem rechts. Das ist für uns ein Problem. Wir müssen uns deshalb erst einmal in der Gesellschaft verankern und unsere Glaubwürdigkeit beweisen. Es wird sicher kein Sprint, sondern ein Marathon.

Ochmański: Ich sehe da für die nächsten zehn Jahre schwarz. Gerade haben solche Parteien kein Durchsetzungsvermögen. Vielleicht muss noch eine Generation sterben, bis sich das ändert.

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite