Erster Weltkrieg Propaganda als Basis des "Augusterlebnisses"

Das zentrale Element dessen, was sich schon bald als "Augusterlebnis" oder auch "Geist von 1914" im kollektiven Bewusstsein verankern sollte, war, wie Historiker Verhey erforscht hat, ein "Gemisch" verschiedener, oft auch widerstreitender Gefühle, das von Spannnung, Erregung, Stolz, Begeisterung und Zuversicht bis zu Panik und Verzweiflung reichte. Und es war das offenbar weit verbreitete Gefühl, in einer historisch bedeutsamen Zeit zu leben, einer Zeit des Umbruchs und einschneidender Veränderungen. Das Augusterlebnis war keine Erfindung, aber, so Verhey: "Deutschland war nicht in Begeisterung vereint, sondern in Entschlossenheit."

Erster Weltkrieg "Deutschland und Österreich sind hauptverantwortlich"
Erster Weltkrieg 1914

"Deutschland und Österreich sind hauptverantwortlich"

Der Kriegsausbruch 1914 wurde in Berlin und Wien geplant, sagt die deutsch-britische Historikerin Annika Mombauer - und kritisiert Schwächen in Christopher Clarks Bestseller "Die Schlafwandler".   Von Oliver Das Gupta

Diese Entschlossenheit rührte wesentlich von der Überzeugung her, dass Deutschland deshalb in den Krieg ziehe, weil es von aggressiven äußeren Feinden dazu genötigt werde. Diese Ansicht war über alle Klassen hinweg verbreitet - ein unglaublicher Täuschungs- und Propaganda-Erfolg der Führungsspitze in Berlin, die doch hinter den Kulissen alles tat, um den Krieg heraufzubeschwören.

Dass der Krieg als von außen aufgezwungener Konflikt wahrgenommen wurde, war wohl auch einer der Gründe, warum sich der Mythos von der Kriegsbegeisterung noch Jahrzehnte nach dem Ersten Weltkrieg halten konnte.

Besser vorsorgen: Berliner beim Lebensmittelkauf zur Zeit der Julikrise 1914

(Foto: Sueddeutsche Zeitung Photo)

Die Russophobie der Sozialdemokraten, ihre Angst vor dem "Blutzarentum" des mächtigen Reiches im Osten und die Annahme, einen Verteidigungskrieg zu führen, führte (neben strategischen Überlegungen) nämlich dazu, dass die SPD am 4. August 1914 im Reichstag Kriegskredite und erste Ausnahmegesetze bewilligte - als ob es die Anti-Kriegs-Demonstrationen wenige Tage zuvor nicht gegeben hätte.

Sozialdemokraten unter Rechtfertigungsdruck

Gerade die SPD sah sich wegen ihrer 180-Grad-Wendung nach dem verlorenen Krieg dem Vorwurf ausgesetzt, eingeknickt zu sein. Der Verweis auf eine angeblich allgemeine Kriegsbegeisterung, der sie sich nicht habe entziehen können, kam ihr dabei gerade recht. Von der nationalistischen Rechten wurde der vermeintlich volkseinigende "Geist von 1914" beschworen und instrumentalisiert - vor allem im Dritten Reich war es eine Vorstellung, auf die man sich gerne bezog.

Ein Weiteres zur Klischeebildung leisteten umfassende Zensurbestimmungen, die in Deutschland und Österreich unmittelbar bei Kriegsausbruch in Kraft traten. Kriegskritische Stimmen in Zeitungen wurden unterdrückt - und konnten so in späteren Jahrzehnten sehr viel schwerer ausgemacht werden als die der Kriegsbefürworter.

Erster Weltkrieg und Propaganda

Mobilmachung der Kartoffel

Historiker Kruse hat zudem noch eine weitere, für seine Zunft wenig schmeichelhafte Vermutung, warum sich die Vorstellung von Volksmassen, die begeistert und in patriotischem Taumel befangen auf die Schlachtfelder zogen, so lange halten konnte: die Vorurteile der Forscher. Die unter ihnen weit verbreitete Vorstellung vom "Irrationalismus und Fanatismus der Massen" hätten demnach dazu beigetragen, dass der Mythos der Kriegsbegeisterung lange Zeit nicht hinterfragt wurde.

Wie nun die neueren Forschungen zeigen, dachten vor allem die unteren gesellschaftlichen Schichten im Ersten Weltkrieg weitaus rationaler als lange vermutet. Der Krieg war ihnen kein Anlass zum Jubeln. "Akute Geistesverwirrung" herrschte woanders.

Erster Weltkrieg Der Erste Weltkrieg in bewegten Bildern

Interaktive Grafik

Der Erste Weltkrieg in bewegten Bildern

So brannte die Welt vor 100 Jahren: Zu seltenen Filmaufnahmen schildern Historiker die Ursachen des Ersten Weltkrieges, das Grauen der Fronten und seine Auswirkungen.   Eine Kooperation von Guardian und SZ.de.

Literatur:

  • Kruse, Wolfgang: Die Kriegsbegeisterung im Deutschen Reich zu Beginn des Ersten Weltkrieges, in: Ders.: Der Erste Weltkrieg, München 2014, S. 180-196
  • Verhey, Jeffrey: Der "Geist von 1914" und die Erfindung der Volksgemeinschaft, Hamburg 2000
  • Wehler, Hans-Ulrich: Deutsche Gesellschaftsgeschichte, Bd. 4., München 2003
  • Bendikowski, Tillmann: Sommer 1914. Zwischen Begeisterung und Angst - wie Deutsche den Kriegsbeginn erlebten, München 2014