Münchner Neueste Nachrichten vom 2.8.1914 Mit markigen Worten in den Ersten Weltkrieg

Titelseite der Münchner Neuesten Nachrichten vom 2. August 1914.

(Foto: Oliver Das Gupta)

Heute vor 100 Jahren: Lange hatte die SZ-Vorgängerzeitung sachlich über das drohende Unheil berichtet. Doch am 2. August 1914 schwört die Zeitung ihre Leser auf den Ersten Weltkrieg ein. Die teils rabiate Sprache richtet sich vor allem gegen Russland - und nimmt das Vokabular des NS-Regimes vorweg.

Von Barbara Galaktionow und Oliver Das Gupta

Es sind schaurige Worte, die die Redaktion der Münchner Neuesten Nachrichten am 2. August 1914 an ihre Leser richtet. Am Vorabend hat in Berlin Kaiser Wilhelm II. die Mobilmachung angeordnet, der Krieg mit Russland ist dadurch so gut wie sicher. Da will die bislang durchaus dem Frieden zugeneigte Zeitung in Sachen Patriotismus nicht nachstehen. "Ein Befreiungskrieg wird uns aufgedrungen", behauptet sie in dicken Buchstaben auf der Titelseite.

Das deutsche Volk müsse den "Alp der allslavischen Wühler" loswerden, heißt es rabiat in einer Sprache, die das spätere Vokabular der Nationalsozialisten vorwegnimmt. Dann zitiert das Blatt bellizistische Aussagen von Reichskanzler Otto von Bismarck und stellt fest: "Es geht um die Existenz unserer Nation."

Der Weg in den Ersten Weltkrieg SZ.de dokumentiert, wie die Münchner Neuesten Nachrichten vor 100 Jahren über den Weg in den Ersten Weltkrieg berichtet haben. Die Tageszeitung war die Vorgängerin der Süddeutschen Zeitung.

An anderer Stelle geht es gegen die russischen "Neider" und die "moskowitische Verschwörung". Deutschland sei "die friedfertigste und stärkste Großmacht der Erde", behauptet der Autor des Artikels "Ein Volk steht auf!". Aber nun müsse man "zum Schwert greifen", bevor die Russen "uns ungestraft überfallen, niederwerfen und berauben".

Ausführlich werden die Ereignisse in Berlin beschrieben: Der Kaiser ruft vom Balkon des Berliner Stadtschlosses den Menschenmassen zu: "Ich kenne in meinem Volk keine Parteien mehr. Es gibt unter uns nur noch Deutsche." Die Berliner ziehen Unter den Linden auf und ab, sie lassen den Kaiser hochleben und singen "Die Wacht am Rhein" sowie "Deutschland, Deutschland über alles".

Der lange Weg zum ersten Schuss

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Vor dem königlichen Schloss stehe eine undurchdringliche Mauer aus Menschen, berichten die Münchner Neuesten Nachrichten. Gerüchte von einer Revolution in Paris machen die Runde. "Die Stimmung ist vortrefflich." Wie der teutonische Rausch auf Unbeteiligte wirkt, wird am Rande erwähnt. "Man sieht auch Gruppen von Ausländern, die teils staunend, teils geängstigt das Riesenschauspiel der Hunderttausenden betrachten."

Eine Reportage schildert Kriegsfreude in Wien

Es ist der Krieg, der nun alles durchzieht: auch die übrigen Seiten der Zeitung von vor 100 Jahren. Amtliche Bekanntmachungen über die Mobilisierung der damals noch eigenständig organisierten Armee stehen neben Meldungen über die "Beschränkung der Preßfreiheit" und einem Aufruf zur Erntehilfe. Die "heimatliche Scholle" solle das Volk ernähren, doch viele der Bauern und Knechte müssen in den Krieg ziehen. Darum ruft der Bayerische Landwirtschaftsrat Gymnasiasten und Geistliche, Lehrer und Arbeiter auf, die Ernte "zu bergen".

Münchner Frauen melden sich zu Hunderten als freiwillige Krankenpflegerinnen "im Krieg" - dabei ist noch gar kein Schuss gefallen. Aus Berlin werden erste Folgen des noch nicht erklärten Kriegseintritts Deutschlands gemeldet. Die Preise für Getreide schnellen in die Höhe, außerdem wird der Katholikentag verschoben. Eine Reportage aus Wien schildert, wie die Bewohner der Hauptstadt der Donau-Monarchie über den Krieg gegen Serbien frohlocken.

Wo der Weltenbrand begreifbar wird

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Ein längerer Text behandelt die "vaterlandstreue Haltung der deutschen Sozialdemokratie". Noch vor wenigen Tagen hatte die SPD Massenkundgebungen gegen den Krieg abgehalten. Nun schwenkt sie um: Der Frieden sei verloren, schreibt ein Autor der sozialdemokratischen Münchener Post. Damit ändern sich auch "die Aufgaben des deutschen klassenbewussten Proletariats".

Und in Anspielung auf den Vorwurf, SPD-Anhänger seien nicht patriotisch, heißt es: "Die vaterlandslosen Gesellen werden ihre Pflicht erfüllen und sich darin von den Patrioten in keiner Weise übertreffen lassen." Die Hoffnung sei, dass das deutsche Volk sich durch den Krieg befreie, der Arbeiterbewegung so Auftrieb gebe - und man "im Osten die rauchenden Trümmer eines Zarenthrons" sehe.

Dass der französische Sozialistenführer Jean Jaurès bis zuletzt durch einen Schulterschluss der deutschen und französischen Linken den Krieg verhindern wollte, schreibt der sozialdemokratische Autor nicht. Anderswo wird erwähnt, dass Jaurès am 31. Juli in Paris ermordet wurde.

Commemoration of the 100th anniversary of the murder of Jean Jaur epa04336294 French President Francois Hollande drinks a coffee inside 'La Taverne du Croissant' after paying tribute for the 100th anniversary of the murder of Jean Jaures in Paris, France, 31 July 2014. Socialist leader Jean Jaures was shot through the window on 31 July 1914 by a 29 year old nationalist fanatic, Rene Villain, while eating inside the Cafe. EPA/YOAN VALAT/POOL MAXPPP OUT +++(c) dpa - Bildfunk+++

(Foto: dpa)

Auf derselben Seite ist das Gedicht "Schicksalstunden" abgedruckt. Es besingt das Germanentum, schmäht die Feinde und verklärt das kommende Gemetzel. "Von Gier betört" sei "die slavische Gemeine", der Feind im Osten eine "blutberauschte Völkerflut", doch "gewappnet stürmen Österreichs brave Streiter", und "ungebrochen lebt der deutsche Zorn".

In den Wochen zuvor hatten die Münchner Neuesten Nachrichten durchaus sachlich über das Unheil berichtet, das sich zusammenbraute - wenn dabei im Rückblick auch manche Fehlurteile waren. Nach der Ermordung des österreichischen Thronfolgers Franz Ferdinand am 28. Juni in Sarajevo hatte sie zunächst ausführlich über die Ermittlungen berichtet, aber auch über die Reaktionen in Österreich-Ungarn und in anderen europäischen Staaten.

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Dass aber der Mord besondere Konsequenzen haben könnte, damit rechnete das Blatt nicht. Die Berichterstattung flaute daher rasch ab. Wien werde es nicht auf einen Krieg ankommen lassen, glaubte die Zeitung. Am 23. Juli 1914 wurde sie durch das harsche Ultimatum Österreich-Ungarns an Serbien eines Besseren belehrt.

Als Wien gegen Belgrad in den Krieg zog, glaubte die Zeitung, dass der Konflikt lokal begrenzt werden könne. Aufmerksam verfolgte sie jedes Ministertreffen, jede Depesche und jede Regung aus den beteiligten Staaten und analysierte, unter welchen Bedingungen der Krieg vielleicht verhindert werden könnte.