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Energiepolitik nach der Katastrophe:Geringerer Zuwachs, steigende Nutzung

Zwei Projektionen berechnet seine Behörde, um den Stand der Atomenergie im Jahr 2030 vorzusagen. Nach Fukushima sind sie um sieben bis acht Prozent niedriger als vor der Katastrophe, aber selbst das konservativere Szenario geht davon aus, dass die installierte Leistung von heute 367 Gigawatt auf 501 Gigawatt steigen wird. Die Zahl der in Betrieb befindlichen Reaktoren würde von heute 435 um 90 auf 525 steigen, in der hohen Projektion kämen sogar netto 350 weitere Blöcke hinzu.

Handout photo from the Japan's Nuclear and Industrial Safety Agency shows Tokyo Electric Power Co. workers checking the parameters of instruments in the central control room at the Fukushima Daiichi Nuclear Power Plant in Tomioka

Inmitten der Nuklearkatastrophe: Das Bild zeigt einen Tepco-Mitarbeiter im Kontrollzentrum von Fukushima Daiichi.

(Foto: REUTERS)

Die meisten anderen Prognosen, etwa der industrienahen World Nuclear Association oder der Internationalen Energieagentur, kommen zu ähnlichen Ergebnissen. Beide haben aber auch Projektionen vorgelegt, die eine Stagnation oder gar einen Rückgang erwarten lassen. Sie gehen jedoch von der Annahme aus, dass sich die politischen Voraussetzungen für den Bau neuer Meiler weltweit drastisch verschlechtern. Die Industrieländer würden dann nur in Bau befindliche Reaktoren fertigstellen und die Schwellenländer nur die Hälfte der avisierten Meiler bauen.

IAEA-Mann Rogner hält dagegen, an den Gründen für das Interesse an Atomenergie habe sich durch Fukushima nichts geändert: "die steigende Energienachfrage vor allem in den Schwellenländern, Energiesicherheit, die volatilen Preise für fossile Brennstoffe und der Klimawandel". Zudem verdichtet sich international die Wahrnehmung, die Katastrophe wäre zu vermeiden gewesen, hätte das Hightech-Land Japan sich an die Sicherheitsstandards gehalten und eine effektive Atomaufsicht gehabt, statt eines Interessenkartells aus Industrie und Politik.

So gab es - anders als in Europas Meilern - in Fukushima keine Rekombinatoren: Geräte, die vielleicht die verheerenden Wasserstoffexplosionen hätten verhindern können. Auch dass der Tsunami-Schutz nicht reichte, war dem Betreiber Tepco klar - nur spielte er auf Zeit und scheute die nötigen Investitionen.

Tschechien erwägt Temelin-Ausbau aufzugeben

In Wirklichkeit ist das Bild weit komplexer, als es die Zahlen ahnen lassen: China hat die Genehmigung neuer Blöcke auf Eis gelegt; es lässt alle Standorte erneut auf Erdbebenanfälligkeit und Überflutungsrisiko prüfen und erwägt zudem, Reaktoren eines selbstentwickelten Designs aus Sicherheitsgründen durch importierte Modelle zu ersetzen. Dem Land geht es nicht primär darum, die Kernenergie auszubauen, sondern seinen Energiebedarf zu decken. Der nukleare Anteil daran wächst selbst beim Bau 80 neuer Meiler bis 2020 nur von heute weniger als zwei auf knapp fünf Prozent.

In Japan sind derzeit 52 von 54 Blöcke außer Betrieb. Vier in Fukushima sind zerstört, sechs weitere an den beiden Standorten dort abgeschaltet, ebenso sieben weitere Reaktoren an der Ostküste. Aber es ist völlig unklar, wie viele der 35 Meiler, die derzeit offiziell für Inspektionen abgeschaltet sind, jemals wieder ans Netz gehen. Selbst Frankreich erwägt, den Anteil der Atomkraft an der Stromerzeugung zu verringern.

Hinzu kommt, dass vor allem in westlichen Industrieländern die Milliardeninvestitionen für neue Reaktoren ohne massive Subventionen nicht mehr zu finanzieren sind; Tschechien etwa erwägt deshalb den Ausbau von Temelin aufzugeben. Der Zuwachs ist begrenzt vor allem auf Schwellenländer, die bereits eine Nuklearindustrie haben. Auch macht die Erschließung neuer, großer Schiefergasvorkommen Gaskraftwerke wieder attraktiver. Und nicht zuletzt ist seit Fukushima weltweit die öffentliche Zustimmung zur Nutzung von Atomenergie rückläufig. Am stärksten brach sie in Südkorea ein. Davon aber sagt Herr Lee nichts.