Energiepolitik nach der Katastrophe Vergessene Ruinen

Super-GAU ohne Folgen? Nach der Atomkatastrophe von Fukushima schien der Glaube an die Beherrschbarkeit der Nukleartechnik gebrochen zu sein. Doch nun, ein Jahr danach, erweist sich: Länder wie China und Indien setzen weiter auf die Atomenergie. Selbst Japans Regierung will Meiler wieder anfahren.

Von Paul-Anton Krüger

Betongrau ragen die beiden Reaktorkuppeln in das Blau des Himmels, das am Horizont mit dem Meer verschwimmt. Gerüste mit Holzgeländern kleben wie Schwalbennester an den Mauern der Kraftwerksblöcke, auch sie aus dickem Beton. Ein riesiger Kran hievt Stahlarmierungen durch die Luft, Arbeiter in grau-blauen Overalls und leuchtenden Warnwesten wuseln über die Baustelle. Vor nicht einmal vier Jahren war hier noch grüne Wiese. Heute sind die Atommeiler Shin-Kori 3 und 4 zu mehr als 90 Prozent fertiggebaut. Shin heißt neu. Kori ist ein Ort zwischen der Hafenstadt Busan und der Industriemetropole Ulsan.

Atomkatastrophe in Japan Eine Fotoreise im Juni 2011 Video
Japan nach der Atomkatastrophe

Eine Fotoreise im Juni 2011

Eindrücke aus Japan nach der Katastrophe. Fotografiert von Regina Schmeken.

Hier ist die Wiege der südkoreanischen Atomindustrie; eine Bucht weiter ging 1978 das erste Atomkraftwerk ans Netz, Kori 1. Und hier baut Korea Hydro & Nuclear Power an der glorreichen Zukunft der südkoreanischen Atomindustrie. Davon ist Lee Jae-Won überzeugt, der für den staatlichen Nuklearkonzern über das Prestigeprojekt wacht. Sieben Blöcke sollen bis 2020 fertig sein. In den Vereinigten Arabischen Emiraten hat Südkorea seinen ersten Exportauftrag ergattert - und zum Stolz der Atommanager wie der Regierung die Nuklearnation Frankreich ausgestochen.

Nur knapp 1100 Kilometer Luftlinie nordöstlich kämpfen sich Arbeiter in Schutzanzügen durch die strahlenden Ruinen von Fukushima. Drei bis vier Jahrzehnte werden die Aufräumarbeiten am Ort des schwersten Atomunfalls seit Tschernobyl dauern. Doch nur ein Jahr, nachdem die Katastrophe dort ihren Lauf nahm, glaubt man sich in Shin-Kori in einer anderen Welt.

Ja, alle 21 laufenden Reaktoren in Südkorea seien untersucht worden, berichtet Herr Lee - und 17 sicherheitsrelevante Verbesserungen umgesetzt. Aber so etwas wie in Fukushima, da ist er sich sicher, könne in Shin-Kori nicht passieren. "Ausgeschlossen!" Die Kühlsysteme des in Korea entwickelten 1400-Megawatt-Reaktors seien besser, so schwere Erdbeben wie in Japan habe es nie gegeben in Korea - und Killer-Tsunamis schon gar nicht.

Die Technikgläubigkeit und der demonstrative Optimismus mögen in diesem auf Dynamik fixierten Land besonders ausgeprägt sein, doch hat die Reaktor-Havarie von Fukushima auch weltweit betrachtet nicht zu einer Abkehr von der Atomenergie geführt. 64 Reaktoren waren laut der Internationalen Atomenergiebehörde IAEA zum Stichtag 31. Dezember 2011 in Bau, 26 in China, zehn in Russland, sechs in Indien und fünf in Südkorea. "Die deutsche Reaktion der Energiewende wird international eher mit Verwunderung aufgenommen", konstatiert Hans-Holger Rogner, der als Abteilungsleiter bei der IAEA weltweit die Planung von Atomanlagen verfolgt.