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Coronavirus weltweit:Israel verhängt zweiten Lockdown - und ist damit Vorreiter

Abstandhalten an der Klagemauer: In Israel fallen in den neuen Lockdown-Zeitraum auch zwei wichtige jüdische Feiertage.

(Foto: AFP)
  • Weltweit entfallen die meisten Infektionen und Todesfälle laut Johns Hopkins University auf die USA, dahinter folgen Indien und Brasilien.
  • Tschechien verzeichnet innerhalb eines Tages mehr Corona-Neuinfektionen als das viel größere Nachbarland Deutschland.
  • Frankreich verzeichnet zum zweiten Tag in Folge einen Rekord an Neuinfektionen.
  • Die österreichische Regierung verschärft die Beschränkungen für private Feiern.
  • Der UN zufolge reißt die Pandemie auch Millionen Familien mit Kindern in die Armut, die davon bislang nicht betroffen waren.
  • Die aktuellen Meldungen aus Deutschland im Überblick

Viele Länder haben mit lokalen Maßnahmen auf wieder gestiegene Corona-Zahlen reagiert. Israel ergreift nun aber wieder landesweite Maßnahmen und ist damit weltweit ein Vorreiter. Der zweite Lockdown gilt von Freitagmittag an für mindestens drei Wochen. Nur noch in Ausnahmefällen dürfen die Menschen sich weiter als 1000 Meter von ihrem Zuhause entfernen. Schulen und Kindergärten sollen geschlossen bleiben. Auch Hotels, Einkaufszentren sowie Freizeitstätten und Strände müssen schließen. Restaurants dürfen nur noch außer Haus verkaufen. Lebensmitteleinkäufe und Arztbesuche sind aber weiterhin erlaubt.

Ministerpräsident Benjamin Netanjahu sagte am Donnerstagabend, angesichts der hohen Infektionszahlen der vergangenen Tage könnte sogar eine weitere Verschärfung der Maßnahmen notwendig werden: "Ich werde nicht zögern, zusätzliche Beschränkungen zu verhängen, falls die Notwendigkeit besteht."

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Unklar ist, in welchem Umfang sich die Bevölkerung an die Regeln halten wird. Im neuen Lockdown-Zeitraum liegen mit Rosch Haschana und Jom Kippur wichtige jüdische Feiertage. Wöchentlich gab es zudem zuletzt Proteste gegen die Corona-Politik von Netanjahu. Verteidigungsminister Benny Gantz kündigte daher an, die Armee werde die Polizei mit 1000 Soldaten bei der Durchsetzung der Maßnahmen unterstützen.

Die Opposition kritisiert den Corona-Kurs der Regierung und den zweiten Lockdown scharf. Die Krise hat der Wirtschaft des Landes bereits schwer zugesetzt. Die Arbeitslosigkeit lag im Sommer bei mehr als 20 Prozent. Oppositionsführer Jair Lapid sagte zuletzt, die Bürger würden bestraft, weil die Regierung versagt habe. "Dieser Lockdown ist ein Fehler, er ist ein Desaster."

Der bisherige Höchststand an täglichen Neuinfektionen war mit 5523 für vergangenen Dienstag registriert worden. Diese Zahl lag in dem Land zuletzt deutlich höher als in Deutschland - und Deutschland hat neunmal so viele Einwohner wie Israel. Vom jüngsten Anstieg der Zahlen sind arabische und ultraorthodoxe jüdische Wohnviertel am stärksten betroffen. Dort leben häufig größere Familien auf engem Raum zusammen, so dass Infektionsketten nur schwer unterbrochen werden können.

Mehr als 3100 neue Fälle in Tschechien - auch Grenzregion bei Cheb stärker betroffen

Tschechien hat innerhalb eines Tages mehr Corona-Neuinfektionen verzeichnet als das viel größere Deutschland. Am Donnerstag wurde mit 3130 neuen Fällen erstmals die 3000er-Marke überschritten, wie aus den Daten des Gesundheitsministeriums in Prag hervorging. Die Gesamtzahl der Infizierten seit Beginn der Pandemie stieg damit auf knapp 44 200. Mit einer Covid-19-Erkrankung wurden 489 Todesfälle in Verbindung gebracht. Tschechien hat knapp 10,7 Millionen Einwohner und damit etwas mehr als ein Achtel der Bundesrepublik.

Unterdessen treten schärfere Regeln in Kraft. Schüler müssen seit Freitag im Unterricht eine Mund-Nasen-Bedeckung tragen - ausgenommen sind Erstklässler. Restaurants, Bars und Clubs müssen künftig nachts zwischen Mitternacht und sechs Uhr schließen. Zudem muss jeder Gast einen Sitzplatz haben. Seit mehr als einer Woche gilt landesweit in allen Innenräumen eine Maskenpflicht.

Auf der regionalen "Corona-Ampel" wurden weitere Bezirke auf die Warnstufe Gelb geschaltet. Das bedeutet eine "beginnende Übertragung innerhalb der Gemeinschaft". Betroffen ist nach Angaben der Agentur ČTK auch der Bezirk Cheb (Eger) im äußersten Westen Tschechiens an der Grenze zu Bayern. Deutschland hat bereits eine Reisewarnung für die Hauptstadt Prag und die angrenzende Mittelböhmische Region ausgesprochen.

Mehr als 30 Millionen Corona-Infektionen weltweit

Seit Beginn der Corona-Pandemie sind nach Angaben von US-Wissenschaftlern weltweit mehr als 30 Millionen Infektionen mit dem Coronavirus verzeichnet worden. Das geht aus Daten der Johns-Hopkins-Universität in Baltimore hervor. Die Zahl der Toten liegt demnach bei mehr als 943 000. Weltweit entfallen die meisten Infektionen und Todesfälle auf die USA, ein Land mit etwa 330 Millionen Einwohnern.

In den USA gibt es Johns Hopkins zufolge bislang mehr als 6,6 Millionen Infektionen mit dem Erreger Sars-CoV-2 und mehr als 197 000 Todesfälle. An zweiter Stelle steht - gemessen an den Ansteckungen - Indien mit 5,1 Millionen Infektionen und mehr als 83 000 Toten. An dritter Stelle folgt Brasilien mit mehr als 4,4 Millionen Infektionen und circa 134 000 Todesfällen.

Relativ zur Einwohnerzahl ist die Zahl der Toten allerdings in sechs Ländern höher als in den USA. An erster Stelle steht nach den Statistiken der Johns-Hopkins-Universität Peru mit knapp 97 Todesopfern pro 100 000 Einwohner. Mit deutlichem Abstand folgen Bolivien, Spanien, Chile, Ecuador, Brasilien und die USA - dort starben etwa 60 Menschen pro 100 000 Einwohner.

Die Johns-Hopkins-Webseite wird regelmäßig mit eingehenden Daten aktualisiert und zeigt daher einen höheren Stand als die offiziellen Zahlen der Weltgesundheitsorganisation (WHO). In manchen Fällen wurden die Zahlen zuletzt aber auch wieder nach unten korrigiert. Experten gehen in jedem Fall von einer höheren Dunkelziffer aus.

Erneuter Rekord an Neuinfektionen in Frankreich

Frankreich verzeichnet erneut einen Rekord bei Corona-Neuinfektionen. Binnen eines Tages seien 10 593 weitere Fälle bestätigt worden, teilt das französische Gesundheitsministerium in Paris mit. Der bisherige Höchststand war am 12. September mit 10 561 Neuinfektionen registriert worden.

Insgesamt wurden bislang in Frankreich 415 481 Corona-Fälle registriert. Die Zahl der Toten kletterte den Angaben zufolge um 50 auf nunmehr 31 095. Das ist der zweithöchste Tagesanstieg binnen zwei Monaten.

Österreich begrenzt Teilnehmerzahl privater Feiern

Die österreichische Regierung hat angesichts steigender Infektionszahlen die Maßnahmen zur Eindämmung des Coronavirus verschärft. Da die Ansteckungen vor allem im privaten Bereich erfolgten, müssten künftig soziale Kontakte reduziert werden, sagt Kanzler Sebastian Kurz.

Private Feiern und Zusammenkünfte in geschlossenen Räumen sollen vom kommenden Montag an auf zehn Personen beschränkt werden. In eigenen Wohnungen gilt dies dem österreichischen Standard zufolge allerdings lediglich als Empfehlung. Im Freien dürfen an privaten Feiern weiterhin bis zu 100 Menschen teilnehmen.

Darüber hinaus darf in Lokalen und Restaurants nur noch im Sitzen konsumiert werden. Maximal zehn Personen dürfen an einem Tisch sitzen. Außerdem muss nun zusätzlich auf Märkten, in Kirchen und beim Betreten und Verlassen von Restaurants ein Mund-Nasen-Schutz getragen werden.

UN: Pandemie stürzt weitere 150 Millionen Kinder in Armut

Die Coronavirus-Pandemie hat dem UN-Kinderhilfswerk Unicef zufolge 150 Millionen Kinder zusätzlich in die Armut gestürzt. Seit Ausbruch der Pandemie sei die Zahl der in Ländern mit geringen oder mittleren Durchschnittseinkommen in Armut lebenden Kinder um 15 Prozent auf etwa 1,2 Milliarden gestiegen, heißt es in einem Bericht von Unicef und der Hilfsorganisation Save the Children. Für den Bericht seien Daten unter anderem zu Bildung, Gesundheitssystemen oder Ernährung aus mehr als 70 Ländern ausgewertet worden.

"Covid-19 und die Lockdown-Maßnahmen zur Verhinderung der Ausbreitung haben Millionen Kinder tiefer in die Armut gestürzt", sagte Unicef-Chefin Henrietta Fore. "Familien, die gerade dabei waren, der Armut zu entkommen, sind wieder hineingezogen worden, während andere mit nie gesehenen Entbehrungen umgehen müssen. Am besorgniserregendsten ist, dass wir näher am Anfang der Krise als an ihrem Ende sind." Die Organisationen riefen die Regierungen der Welt auf, das Problem mit hoher Priorität anzugehen.

In Österreich wurden am Donnerstag 780 Neuinfektionen gemeldet. Besonders betroffen ist Wien mit 366. Das Auswärtige Amt in Berlin hat die österreichische Hauptstadt daher am Mittwoch zum Risikogebiet erklärt.

Madrid kündigt Lockdown besonders betroffener Stadtteile an

Die Regionalregierung der spanischen Hauptstadt hat einen gezielten Lockdown verschiedener Stadtteile, in denen sich das Coronavirus besonders schnell ausbreitet, angekündigt. Das teilte der stellvertretende Gesundheitschef der Region, Antonio Zapatero, auf einem Pressebriefing am Mittwoch mit. "Wir müssen so schnell wie möglich handeln", sagte der stellvertretende Regionalminister für Gesundheit, Antonio Zapatero, am Mittwoch. "Madrid will die Kurve vor der Ankunft des Herbstes und der Komplikationen glätten, die kaltes Wetter mit sich bringen könnte", so Zapatero weiter.

Die angekündigten Einschränkungen umfassen auch eine Beschränkung der Bewegungsfreiheit und sollen bereits ab dem Wochenende gelten. Zapatero ließ offen, welche Stadtteile in Madrid und umliegenden Gemeinden betroffen sein werden. Wahrscheinlich könnten die Beschränkungen vor allem für Arbeiterviertel im Süden von Madrid gelten. Dort hatten die Ansteckungsraten seit August ständig zugenommen.

Etwa ein Drittel der neuen täglichen Corona-Neuinfektionen in Spanien gibt es in Madrid und Umgebung. Dort leben 6,6 Millionen Menschen. Spanien ist das in Westeuropa am härtesten von der Pandemie getroffene Land. Erst am Dienstag waren die Marken von 600 000 Infektionen und 30 000 Todesopfern überschritten worden. Auf die Region um die Hauptstadt entfielen am Dienstag mit 1207 positiven Testergebnissen binnen 24 Stunden knapp 40 Prozent aller neuen Fälle.

Indien mit mehr als fünf Millionen Corona-Fällen

Die Zahl der Infektionen mit dem Coronavirus in Indien hat die Marke von fünf Millionen überschritten. Das Gesundheitsministerium berichtete am Mittwoch von mehr als 90 000 neuen Fällen innerhalb von 24 Stunden. Die insgesamt 5 020 359 infizierten Menschen entsprechen etwa 0,35 Prozent der Bevölkerung Indiens. Bisher hat das Land die USA noch nicht überholt. Dort wurden bisher die meisten Infektionen nachgewiesen, und zwar mehr als 6,6 Millionen Fälle. Es wird davon ausgegangen, dass Indien die USA innerhalb weniger Wochen überholt.

Allerdings hat Indien bisher eine weit niedrigere Todesrate. Während in den USA bisher im Schnitt 60 Personen je 100 000 Einwohner gestorben sind, liegt in Indien die Zahl bisher bei sechs Toten je 100 000 Einwohner. Insgesamt sind in dem Land inzwischen mehr als 82 000 Menschen am Coronavirus verstorben, in den USA gibt es etwa 196 000 Tote.

© SZ.de/dpa/Reuters/Bloomberg/jael/gal/odg/mpu/hij
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