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Israel:Die Kurve geht steil nach oben

Bei der Bekämpfung der ersten Corona-Welle war das Land noch Vorbild. Nun kämpft es mit einer der höchsten Infektionsraten der Welt.

Von Peter Münch, Tel Aviv

Beten mit Abstand und Masken: Nicht alle Ultra-Orthodoxen halten in Israel die Anti-Corona-Maßnahmen ein.

(Foto: Oded Balilty/AP)

Jeder Rekord ist ein schlimmer Rückschlag: Fast 4000 neue Corona-Fälle an nur einem Tag wurden zur Wochenmitte in Israel vermeldet. Die Kurve geht stetig und steil nach oben. Umgerechnet auf seine knapp neun Millionen Einwohner zählt das Land, das bei der Bekämpfung der ersten Viruswelle noch als Vorbild gegolten hatte, bei den Infektionsraten inzwischen zur Weltspitze. Doch während die Seuche sich ausbreitet, wirkt die Regierung fast wie gelähmt. Die Pandemie ist zum politischen Streitfall geworden, und jede Maßnahme zur Reduzierung der Infektionen stößt sofort auf Widerstand. Als Befreiungsschlag scheint ein neuer landesweiter Lockdown unvermeidlich zu werden.

Seit Beginn der sogenannten zweiten Welle Ende Juni ringt die Regierung um eine stringente Haltung. Ein klarer Kurs aber wurde bis heute nicht gefunden. Dabei war Ende Juli eigens der angesehene Krankenhausdirektor Ronni Gamzu zum Corona-Beauftragten ernannt worden. Bei ihm sollten nach Wochen der Kakofonie alle organisatorischen Fäden zusammenlaufen. Als Kernstück seines Konzepts legte Gamzu schließlich einen sogenannten Ampel-Plan vor, in dem alle Städte und Ortschaften je nach Infektionszahlen als rot, orange, gelb und grün gekennzeichnet wurden. Er setzt auf gezielte Maßnahmen statt auf einen Rundumschlag - vor allem, um die Wirtschaft zu schonen, die ohnehin schwer angeschlagen ist.

Dann aber geriet Gamzus Plan in die Mühlen der Politik. Zunächst wurde in der vorigen Woche auf seine Empfehlung hin vom zuständigen Corona-Kabinett ein Lockdown für alle roten Regionen beschlossen, der ab Montag gelten sollte. Auf der Liste fanden sich fast nur Ortschaften mit entweder überwiegend arabischer oder überwiegend ultra-orthodoxer Einwohnerschaft. In diesen beiden Minderheiten, die grundsätzlich eher Distanz zum Staat halten, oft anderen Autoritäten folgen und Parallelgesellschaften bilden, finden sich nach Gamzus Zahlen rund die Hälfte aller Infektionsfälle. Auf israelische Araber, die etwa ein Fünftel der Gesamtbevölkerung ausmachen, entfallen demnach 28 Prozent. Auf die Ultra-Orthodoxen, die zwölf Prozent der Einwohnerschaft stellen, 22 Prozent aller Corona-Erkrankungen. Als Grund werden auf beiden Seiten neben beengten Wohnverhältnissen vor allem ausufernde Zusammenkünfte wie Hochzeitsfeiern mit Hunderten Gästen angegeben.

Die Opposition ruft dazu auf, lieber auf den Menschenverstand zu vertrauen als auf die Regierung

Weit über ihren tatsächlichen Anteil an der Bevölkerung hinaus können die Ultra-Orthodoxen jedoch politischen Einfluss nehmen, weil zwei ihrer Parteien im Regierungsbündnis sitzen. Der von einem laufenden Korruptionsprozess bedrängte Premierminister Benjamin Netanjahu ist auf ihre Unterstützung angewiesen. Ihren Einfluss machten die frommen Parteien Schas und Vereinigtes Torah-Judentum sogleich geltend, indem sie Gamzus Plan als "Diskriminierung" ablehnten. Sie forderten seine Abberufung, warfen Gamzu gar "Antisemitismus" vor und setzten Netanjahu gehörig unter Druck. Bürgermeister aus ultra-orthodoxen Ortschaften drohten an, sich nicht an die Auflagen zu halten und jegliche Kooperation mit der Regierung einzustellen.

Netanjahu knickte ein. Kurzerhand verkündete er, dass es statt des kompletten Lockdowns nur noch eine nächtliche Ausgangssperre in insgesamt 40 roten Zonen geben soll. Sie trat am Dienstag in Kraft. Betroffen sind rund 1,3 Millionen Menschen, die sich nun zwischen 19 Uhr abends und fünf Uhr in der Früh nicht weiter als 500 Meter von ihrer Wohnung entfernen dürfen. In dieser Zeit bleiben auch alle nicht lebensnotwendigen Geschäfte geschlossen. Eingestellt werden muss in den roten Zonen auch der Schulbetrieb. Zusammenkünfte in geschlossenen Räume sind auf zehn Personen beschränkt, draußen auf 20.

Beruhigt hat das die Lage jedoch nicht. Zahlreiche Verstöße wurden bereits gemeldet. In den ultra-orthodoxen Gemeinden blieben, nachdem ein einflussreicher Rabbi dazu aufgerufen hatte, zahlreiche religiöse Schulen geöffnet. In der Nähe von Haifa wurde der stellvertretende Erziehungsminister Meir Porush vom Vereinigten Torah-Judentum auf einer gut besuchten Hochzeit gesichtet.

All die Inkonsequenz und Intransparenz haben dazu geführt, dass weite Teile der israelischen Bevölkerung jedes Vertrauen in die Corona-Politik der Regierung verloren haben. Aus der Opposition heraus rief der frühere Außen- und Verteidigungsminister Avigdor Lieberman die Bürger sogar dazu auf, sich nicht mehr nach den chaotischen Regierungsvorgaben zu richten, sondern nach dem eigenen "gesunden Menschenverstand". Für Premier Netanjahu war das ein Anlass, der gesamten Opposition vorzuwerfen, "Anarchie" zu befördern.

Die Experten sind sich einig, dass mit den derzeitigen Maßnahmen die Ausbreitung der Seuche nicht gestoppt werden kann. Gewarnt wird nun vor einer weiteren Verschärfung. Am 18. September steht das jüdische Neujahrsfest im Kalender. Dann folgen Jom Kippur und das achttägige Laubhüttenfest. Es werden angespannte Feiertage.

© SZ vom 11.09.2020

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