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Rassismus und Corona:Tödliche Ungleichheit

Coronavirus USA Schwarze

Dass überproportional viele schwarze US-Bürger an der Corona-Erkrankung sterben, hat lange bekannte Ursachen. Szene vor dem Roseland Community Hospital in Chicago.

(Foto: Joshua Lott/Reuters)
  • In den Vereinigten Staaten sterben überdurchschnittlich viele Menschen mit afroamerikanischer Abstammung an den Folgen des Coronavirus.
  • Die Regierung hat das Problem erkannt und beteuert, etwas dagegen zu tun, doch viele Schwarze arbeiten in Jobs, in denen Social distancing oder Homeoffice nicht möglich sind.
  • Dass die Schwarzen dem Gesundheitssystem nicht trauen, hat auch historische Gründe.

Ein altes Sprichwort unter Afroamerikanern besagt: Wenn weiße Leute eine Erkältung kriegen, holen sich Schwarze eine Lungenentzündung. Das ist meist im übertragenen Sinn gemeint, etwa dann, wenn von einer wirtschaftlichen Rezession die Rede ist. Was die Corona-Pandemie angeht, kann man den Spruch aber durchaus wörtlich verstehen. Noch sind die Daten über die Ausbreitung und die Folgen des Virus in den USA lückenhaft. Aber nach allem, was bisher bekannt ist, zeigt sich: Schwarze Amerikaner sterben überdurchschnittlich oft an Covid-19. Das Virus, so scheint es, verschärft die Gegensätze zwischen Schwarz und Weiß.

Besonders sichtbar wird das in den großen Städten des Mittleren Westens, die inzwischen zu Hotspots des Virus geworden sind. In Milwaukee im Bundesstaat Wisconsin sind nur 26 Prozent der Einwohner der Stadt und ihres Umlands schwarz. Sie machen aber 73 Prozent der Todesopfer aus. In Chicago stellen Afroamerikaner 32 Prozent der Einwohner, aber 67 Prozent der Todesopfer. Im Bundesstaat Michigan trugen sich drei Viertel der Todesfälle in Detroit zu, einer überwiegend schwarzen Stadt. Das Bild wiederholt sich im Bundesstaat Louisiana im Süden: Dort sind 70 Prozent der Toten Schwarze, obwohl ihr Bevölkerungsanteil nur 32 Prozent beträgt. Die meisten Opfer lebten in New Orleans.

Die Zahlen sind für viele Gesundheitsexperten erschreckend, aber nicht überraschend. Man wisse schon lange um die Unterschiede beim Gesundheitszustand und der gesundheitlichen Versorgung der schwarzen Bevölkerung, sagte Anthony Fauci, der Direktor des Nationalen Instituts für Infektionskrankheiten: "Die Corona-Krise wirft nun ein grelles Licht darauf, wie inakzeptabel das ist." Die schwarze Bürgermeisterin von Chicago, Lori Lightfoot, sprach von Zahlen, "die mir ganz buchstäblich den Atem rauben. Das ist etwas vom Schlimmsten, das ich in meiner Zeit als Bürgermeisterin gesehen habe."

Auch Präsident Donald Trump redete bei seinem Pressebriefing am Dienstag davon, dass die Schwarzen "drei- bis viermal" so stark vom Coronavirus betroffen seien wie andere Bevölkerungsgruppen. "Wir tun alles, was in unserer Macht steht, um das Problem anzugehen, und es ist ein riesiges Problem. Es ist schrecklich."

Social Distancing ist für viele Schwarze ein Luxus

Was die Regierung kurzfristig unternehmen kann, ist jedoch nicht ganz klar. Für das Leid, das Covid-19 unter der schwarzen Bevölkerung anrichtet, gibt es viele strukturelle Gründe. Das beginnt beim Umstand, dass Social Distancing für viele Schwarze ein Luxus ist, den sie sich nicht leisten können. Afroamerikaner arbeiten überdurchschnittlich häufig in jenen Berufen, ohne die das Land in dieser Krise gar nicht funktionieren würde: Sie füllen Regale in Supermärkten, tragen Pakete aus, fahren Lieferwagen, Busse und U-Bahnen. Es sind Jobs, die sich nicht ins Homeoffice auslagern lassen - und die sie vermehrt dem Virus aussetzen.

Hinzu kommt, dass viele Schwarze medizinisch unterversorgt sind. 11,5 Prozent der Afroamerikaner haben nach Angaben der Kaiser Family Foundation keine Krankenversicherung. Bei den Weißen sind es 7,5 Prozent. Das führt dazu, dass viele Schwarze entweder gar nicht oder erst sehr spät zum Arzt gehen, weil sie es sich nicht leisten können. Der fehlende Versicherungsschutz wird sich - nicht nur für die Schwarzen - verstärken, wenn nun Millionen Amerikaner im Zug der Wirtschaftskrise ihre Jobs verlieren. Die Mehrheit der US-Bürger ist über ihren Arbeitgeber krankenversichert.

In schwarzen Gegenden ist auch die Grundversorgung oftmals schlecht. So gibt es zum Beispiel im Südosten der Hauptstadt Washington, in dem überwiegend Afroamerikaner leben, nur ein einziges größeres Krankenhaus. Außerdem haben umfangreiche Studien gezeigt, dass Ärzte die Beschwerden von schwarzen Patienten tendenziell weniger ernst nehmen. Sie ordnen weniger Untersuchungen an und verschreiben zudem schlechtere Behandlungen.

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"An mir sieht man, wie es ist, in Amerika arm und schwarz aufzuwachsen"

Und dann ist da noch das dunkle Kapitel des sogenannten Tuskegee-Experiments, das nach Meinung mancher Experten erklärt, warum viele Schwarze dem Gesundheitssystem bis heute kein Vertrauen entgegen bringen. In Tuskegee, Alabama, nahmen die US-Behörden von 1932 bis 1972 eine Studie an 400 schwarzen Landarbeitern vor, die an Syphilis erkrankt waren. Offiziell sollte es darum gehen, den natürlichen Verlauf der Krankheit zu erforschen. Dabei wurden den Männern Medikamente vorenthalten, viele litten, starben und gaben die Krankheit an Familienmitglieder weiter.

All diese Faktoren verstärken das wichtigste Problem: Schwarze stecken sich vermutlich nicht öfter mit dem Coronavirus an als andere Bevölkerungsgruppen. Aber sie leiden besonders häufig an Vorerkrankungen, die teils jahrelang unbehandelt bleiben. In der Pandemie ist das jetzt für viele tödlich. Zahlen aus Louisiana zeigen, dass 66 Prozent der Covid-19-Todesopfer an Bluthochdruck litten. 43 Prozent hatten Diabetes, 25 Prozent Herz- oder Lebererkrankungen oder waren fettleibig. Jerome Adams, einer der obersten US-Gesundheitsbeamten, sagt, auch er habe erhöhten Blutdruck, Asthma und eine Herzschwäche. "An mir sieht man, wie es ist, in Amerika arm und schwarz aufzuwachsen."

Anthony Fauci, Immunologe der US-Regierung, weiß das. Es sei sehr traurig, dass die Corona-Pandemie die Schwarzen nun so hart treffe, sagte er diese Woche. Das Einzige, was man in der jetzigen Situation tun könne, sei, den Betroffenen die bestmögliche Betreuung zu geben.

© SZ vom 09.04.2020
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