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Impfungen:Die Pandemie kann nur gemeinsam bewältigt werden

Hände halten sich gegenseitig
(Foto: Joshua Hoehne/Unsplash)

Eine Separierung der Gesellschaft in Menschen mit und ohne Impfprivilegien ist keine gute Idee. Nun braucht es Transparenz und kluge Kommunikation.

Kommentar von Wolfgang Janisch

Zu den heiligen Versprechen der Bundesregierung gehört die Aussage: Es wird keine allgemeine Impfpflicht geben. Man wird sie hier beim Wort nehmen dürfen, schon deshalb, weil eine solche Pflicht nicht nur verfassungsrechtlich fragwürdig wäre, sondern auch politisch kontraproduktiv. Weil die Bewältigung der Pandemie ganz entscheidend von der Einsicht der Bürger abhängt, darf Zwang nur das allerletzte, sorgsam dosierte Mittel sein.

Aber das ist nur die halbe Wahrheit. Ein bisschen Druck - staatlich oder gesellschaftlich - ist auch im Zusammenhang mit den nahenden Corona-Impfungen denkbar. Schon jetzt dürfen Krankenhäuser und Arztpraxen vom Personal den Nachweis von Schutzimpfungen verlangen. Wer unter dem ständigen Risiko einer Ansteckung mit Covid-19 arbeiten muss, dürfte sich dagegen freilich kaum sträuben. Ähnliche Regelungen wären auch für Schulen und Kitas vorstellbar, für die seit März bereits eine Masern-Impfpflicht gilt. Im Frühjahr wurde zudem über einen Immunitätsausweis diskutiert. Eine Idee, die zwar rasch verworfen wurde, sich aber auch auf den Impfpass übertragen ließe: Wer geimpft ist, darf ins Stadion oder ins Restaurant. Wer nicht, schaut weiterhin die "Sportschau" und kocht selbst.

Alte, Kranke, Medizinberufe zuerst, darüber herrscht Einigkeit. Aber wer kommt danach?

Man darf nur hoffen, dass die Idee dort bleibt, wo sie bisher gehandelt wurde, nämlich im Reich der Theorie. Juristen sehen darin ein Gebot der Verhältnismäßigkeit, weil niemandem die Freiheit beschränkt werden darf, wenn der Grund dafür - die Ansteckungsgefahr - entfallen ist. Doch diese Konstruktion scheitert vorerst an der medizinischen Wirklichkeit. Die Impfstoffe, die derzeit im Zulassungsverfahren sind, schützen zwar vor einer Erkrankung an Covid-19, nicht aber davor, dass man infiziert wird und das Virus weiterträgt. Die Geimpften säßen dann also ganz besonders kuschelig im Restaurant zusammen, weil die Krankheit ihnen nichts mehr anhaben kann. Und trügen das Virus, das sie sich an der Theke eingefangen haben, dann hinaus in die Welt der Noch-nicht-Geimpften. Das wäre ein Plan zur Infektionsbeschleunigung, nicht zur Eindämmung.

Aber auch aus anderen Gründen wäre eine Separierung der Gesellschaft in Menschen mit und ohne Impfprivilegien keine gute Idee. Das beginnt bei der Frage, wer zu den Privilegierten gehören darf. Derzeit arbeitet die Politik an der Frage, nach welcher Priorität man Impfungen vornehmen soll. Alte, Kranke, Medizinberufe zuerst, darüber herrscht Einigkeit. Aber wer kommt danach? Viel spricht dafür, beispielsweise Politiker mit zentralen Funktionen weit oben anzusiedeln, einfach deshalb, weil sie für die Bewältigung der Krise wichtig sind. Privilegien für Politiker, die sich dann in Berlin-Mitte wieder beim Italiener treffen können? Der Neid, den das entfachte, ist vorhersehbar.

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Nein, beim Weg aus der Pandemie gibt es keine Abkürzung. In ihrer Schlussphase muss es so sein, wie es an ihrem Beginn war. Wir sind zusammen in die Krise hineingeraten, und wir werden gemeinsam wieder herausmarschieren. Keine Frage, einen mehr oder minder sanften Druck zum Impfen kann und muss es dort geben, wo das Risiko einfach zu groß ist, um allein auf die Vernunft zu vertrauen. Aber generell hilft nur Transparenz und kluge Kommunikation, um die Menschen vom Nutzen des Impfens zu überzeugen. Impfskeptiker oder Abwarter mit den Bildern aus Kneipen und Tribünen voller geimpfter Mitbürger zu ködern, dürfte dagegen eher als Diskriminierung empfunden werden.

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