China:UN: Mögliche Verbrechen gegen die Menschlichkeit in Xinjiang

Lesezeit: 3 min

China: Michelle Bachelet stand wegen ihres Umgangs mit der chinesischen Provinz Xinjiang enorm unter Druck.

Michelle Bachelet stand wegen ihres Umgangs mit der chinesischen Provinz Xinjiang enorm unter Druck.

(Foto: PIERRE ALBOUY/REUTERS)

Die Hochkommissarin für Menschenrechte, Michelle Bachelet, veröffentlicht einen brisanten Bericht über den Umgang der chinesischen Regierung mit Uiguren und weiteren Minderheiten - zehn Minuten vor dem Ende ihrer Amtszeit.

Die scheidende UN-Menschenrechtskomissarin Michelle Bachelet hat in einem Bericht mögliche Verbrechen Chinas gegen die ethnische Minderheit der Uiguren eingeräumt. Demnach sieht das UN-Menschenrechtsbüro Anhaltspunkte für Verbrechen gegen die Menschlichkeit in der chinesischen Region Xinjiang. Bachelet veröffentlichte den brisanten Bericht am Mittwochabend zehn Minuten vor dem Ende ihrer Amtszeit.

Die Beschreibungen von Menschen, die in so genannten Berufsbildungseinrichtungen festgehalten wurden, hätten Muster von Folter oder anderen Formen grausamer, unmenschlicher oder erniedrigender Behandlung oder Bestrafung aufgezeigt, heißt es darin.

"Das Ausmaß der willkürlichen und diskriminierenden Inhaftierung von Angehörigen der Uiguren und anderer überwiegend muslimischer Gruppen (...) könnte internationale Verbrechen, insbesondere Verbrechen gegen die Menschlichkeit, darstellen", heißt es in dem Bericht. Den Menschen seien von 2017 bis 2019 und möglicherweise darüber hinaus fundamentale Rechte vorenthalten worden.

Menschenrechtsgruppen und westliche Staaten beschuldigen die Regierung in Peking seit Längerem des Missbrauchs der rund 10 Millionen Uiguren, einer hauptsächlich muslimischen ethnischen Minderheit, einschließlich der Zwangsarbeit in Internierungslagern. China hatte sämtliche ähnlich lautende Vorwürfe von Menschenrechtsorganisationen bereits als Lügen zurückgewiesen.

In den von China als Berufsbildungseinrichtungen bezeichneten Anstalten sei es "zu willkürlichen Inhaftierungen in großem Umfang" gekommen, so der Bericht. Die Einweisung sei "eine Form des Freiheitsentzugs" gewesen. Es habe glaubhafte Berichte über Vergewaltigungen gegeben, aber das Ausmaß sei nicht festzustellen gewesen. "Das pauschale Leugnen aller Anschuldigungen durch die Regierung sowie (...) Angriffe auf diejenigen, die über ihre Erfahrungen berichtet haben, haben die Demütigung und das Leid der Überlebenden noch verstärkt", heißt es in dem Bericht.

Die genaue Zahl der Betroffenen sei nicht zu ermitteln gewesen. Das Büro zitiert Quellen, die von bis zu einer Million Inhaftierten sprechen. Die Menschen, mit denen das Büro sprach, hätten berichtet, dass sie von Bewaffneten bewacht wurden und die Einrichtungen entgegen chinesischer Darstellung nicht nach freiem Willen verlassen konnten. Sie hätten außerdem keinen oder kaum Kontakt zu ihrer Familie gehabt und seien gezwungen worden, sich positiv über die Lager zu äußern.

Die Behörden hätten weitgehende Macht über die Inhaftierten gehabt, und es habe keine Garantien für einen Schutz vor Missbrauch gegeben. Die chinesischen Definitionen von Terrorismus und Extremismus, mit denen Peking seine Vorgehensweise in der Region gerechtfertigt habe, seien vage, moniert das UN-Menschenrechtsbüro.

Der Bericht sollte schon im vergangenen Jahr veröffentlicht werden. Bachelet zögerte aber, und verhandelte mit China monatelang darüber, ins Land reisen zu können. Sie habe immer auf Dialog gesetzt, teilte sie nun mit. "Dialog (...) bedeutet nicht, dass ich etwas dulde, übersehe oder die Augen verschließe", sagte Bachelet. "Und es schließt nicht aus, seine Meinung zu sagen."

Human Rights Watch: Bachelet gibt auf

Die Reise kam im Mai 2022 zustande. Knackpunkte waren unter anderem, dass das UN-Menschenrechtsbüro selbst entscheiden wollte, wo Bachelet hinfährt und mit wem sie ohne Aufsicht durch Behörden sprechen kann. Ihr Büro sagte zwar, China sei auf die Forderungen eingegangen. Sie reiste auch nach Xinjiang, doch hielt sie sich zum Ende des Besuchs mit Kritik an Pekings Vorgehen in der Region stark zurück. Das brachte Bachelet Kritik ein, unter anderem von der Bundesregierung. Es habe keine Aufklärung des Vorwurfs schwerer Menschenrechtsverletzungen dort gegeben, hieß es in Berlin.

Bachelet stand unter immensem Druck, wie sie vergangene Woche berichtete. Während viele Regierungsvertreter mit wachsender Ungeduld auf die Veröffentlichung gepocht hätten, habe sie auch einen Brief von rund 40 Regierungen erhalten, die sie drängten, von der Veröffentlichung abzusehen. Einzelne Länder nannte sie nicht. Bachelet war seit 2018 im Amt. Sie bewarb sich nicht um eine zweite Amtszeit. UN-Generalsekretär António Guterres hat noch keine Nachfolgerin oder einen Nachfolger benannt.

Kenneth Roth, Geschäftsführer der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch, kritisierte den Zeitpunkt der Publikation: "Offen gesagt, den Bericht zu veröffentlichen, während sie zur Tür hinausgeht, untergräbt den Bericht." Der Nachrichtenagentur Reuters sagt er: "Indem sie den Bericht veröffentlicht und abtritt, gibt sie auf, sie macht nichts damit, sie wirft ihn einfach in den Mülleimer und verlässt das Büro."

Zur SZ-Startseite

SZ PlusVerfolgung der Uiguren
:Der Präsident und der Prinzling

Die Uiguren Dolkun Isa und Shohrat Zakir könnten gegensätzlicher nicht sein: Der eine kämpft für sein Volk, der andere sperrt es ein. Ein Treffen in München und eine Reise durch Xinjiang.

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Abo kündigen
  • Kontakt und Impressum
  • AGB