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Inhaftierter Michael Spavor:Faustpfand im Konflikt zwischen China und den USA

Michael Spavor, China

Seit etwa 560 Tagen sitzt Michael Spavor, hier zu sehen 2017 in einem Skype-Interview, in China in Einzelhaft.

(Foto: AP)

Er reiste mit Basketballer Dennis Rodmann zu Nordkoreas Machthaber Kim. Seit 2018 sitzt der Kanadier Michael Spavor in China in Einzelhaft - wegen Spionage. Doch der Fall hat weniger einen kriminellen als einen politischen Hintergrund.

Am Flughafen im nordostchinesischen Dalian haben sie auf ihn gewartet. Es war der 10. Dezember 2018, und Michael Spavor wollte nach Seoul fliegen, um vor Weihnachten ein paar Freunde zu besuchen. Als er seinen kanadischen Pass vorzeigte, marineblau mit einem Einhorn und einem Löwen im Emblem, wurde er umringt und abgeführt.

Seitdem sitzt er in einer Zelle, 24 Stunden am Tag brennt das Licht. Einmal im Monat durften ihn kanadische Diplomaten für 30 Minuten sehen, seit dem Ausbruch des Coronavirus ist auch das nicht mehr gestattet.

Nun, nach 557 Tagen Verhör und Einzelhaft, haben die chinesischen Behörden Anklage gegen Spavor und seinen Landsmann, den ehemaligen Diplomaten Michael Kovrig erhoben, der ebenfalls am 10. Dezember 2018 in China verhaftet wurde. Der Vorwurf gegen die beiden Kanadier lautet: Spionage - ein Verbrechen, das in der Volksrepublik mit lebenslanger Haft geahndet werden kann. Die Mindeststrafe beträgt zehn Jahre.

Spavor, 44, soll chinesische Staatsgeheimnisse ausgekundschaftet haben. Es war eher ein Zufall, dass er in den vergangenen Jahren in China lebte. Mit 21 Jahren war er 1996 nach Seoul gekommen, lernte Koreanisch, auch den nordkoreanischen Dialekt. 2005 bekam er das Angebot, nach Pjöngjang zu ziehen.

Er lebte im Diplomatenviertel der Stadt und unterrichtete Englisch, bezahlt von einer christlichen Hilfsorganisation aus Kanada. Nach einem halben Jahr war Schluss. Das Regime in Pjöngjang wies fast alle Hilfsorganisationen aus. Nur die großen mit viel Geld durften bleiben.

Spavor machte sich selbständig und organisierte Reisen nach Nordkorea, vier bis fünf Trips pro Jahr. Hierfür zog er nach China, denn nur von dort kann man nach Nordkorea einreisen. Zwei Mal begleitete Spavor den früheren Basketballprofi Dennis Rodman nach Pjöngjang.

Der Fall hat einen politischen Hintergrund

Als Rodman den nordkoreanischen Machthaber Kim Jong-un traf, übersetzte Spavor, drei Tage lang. Fotos zeigen ihn auf Kims Yacht, sie tranken Cocktails, der Diktator rauchte. "Das war die erstaunlichste Erfahrung, die ich in meinem Leben hatte", erzählte Spavor später. Nordkorea - das war sein Lebensthema, nicht China.

Der verworrene Fall hat offenkundig weniger einen kriminellen als einen politischen Hintergrund. Spavor ist zum menschlichen Faustpfand geworden im größten Konflikt unserer Tage, auf der einen Seite die USA, auf der anderen China.

Zehn Tage vor Spavors Festnahme in Dalian wurde in seinem Heimatland am Flughafen von Vancouver die chinesische Staatsbürgerin Meng Wanzhou in Gewahrsam genommen. Meng ist die Finanzchefin von Huawei, jenem chinesischen Netzwerkausrüster, der beim 5G-Standard, dem Mobilfunk der Zukunft, technisch die Nase vorne hat. Ein Bundesgericht in New York wirft ihr vor, den Bruch amerikanischer Iran-Sanktionen vertuscht zu haben. Wird sie an die USA ausgeliefert, droht ihr eine Haftstrafe von bis zu 30 Jahren.

China hat das amerikanische Auslieferungsersuchen mehrmals als politische Anklage bezeichnet und wiederholt Mengs Freilassung aus Kanada gefordert. Im Unterschied zu Spavor sitzt sie nicht im Gefängnis, sondern trägt eine elektronische Fußfessel und lebt in einer Villa in Vancouver.

Ende Mai stellte sich ein Gericht in Vancouver hinter die Einschätzung der Staatsanwaltschaft, dass die Meng in den USA zur Last gelegten Taten auch in Kanada strafbar wären. In China waren die staatlichen Medien hingegen davon ausgegangen, dass das Gericht sie freisprechen würde.

Auch Meng selbst schien sich ihrer Sache sicher zu sein. Bereits Tage vor der Entscheidung ließ sie sich von Fotografen in Siegerpose ablichten, gedacht offenbar zur raschen Verbreitung nach dem Richterspruch. Eine Fehleinschätzung, die nun vermutlich Michael Spavor in Nordostchina trifft: Die Verurteilungsrate vor chinesischen Gerichten beträgt mehr als 99 Prozent.

© SZ vom 22.06.2020

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